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Analyse zum FirmengeflechtBKW-Strategie zeigt neue Risiken

Beim Akquirieren von Firmen ist die BKW äusserst offensiv. Nun zeigen zwei neue Gerichtsfälle, dass diese Strategie nicht ohne Risiko ist.

Zwei aktuelle Gerichtsfälle zeigen die Schattenseiten der BKW-Wachstumsstrategie.
Zwei aktuelle Gerichtsfälle zeigen die Schattenseiten der BKW-Wachstumsstrategie.
Foto: Alessandro Meocci

Das Wachstum des Berner Energiekonzerns BKW ist beachtlich. In den letzten Jahren ist aus dem Unternehmen eine international tätige Gruppe geworden mit über 150 Tochterfirmen und gut 10’000 Angestellten. Für Hunderte von Millionen Franken hat die BKW in den letzten Jahren kleine und mittelgrosse Unternehmen aufgekauft – vor allem aus den Sparten Planung, Beratung, Gebäudetechnik und Infrastruktur, die im Segment Dienstleistungen zusammengefasst werden.

Die Strategie ist nachvollziehbar: Im klassischen Geschäft, der Stromherstellung, kam das Unternehmen in den letzten Jahren wegen sinkender Strompreise stark unter Druck. Da ist es sinnvoll, sich ein weiteres Standbein aufzubauen. Aber: Der gewählte Weg ist nicht ohne Risiken.

Stolz verweist die BKW im Zusammenhang mit ihrem Dienstleistungsgeschäft darauf, dass sie den Kunden bei einem Neubau oder einer Sanierung heute alles aus einer Hand bieten könne. Das kann für die Kunden tatsächlich ein Vorteil sein. Heikel wird es allerdings, wenn die Planer der BKW im Auftrag der Bauherrschaft Offerten von anderen BKW-Tochterunternehmen prüfen. Eine Konstellation, die es in der Vergangenheit schon mehrmals gegeben hat und die zu einem Interessenkonflikt führt. Denn einerseits ist die BKW daran interessiert, dass der Auftrag im Haus ausgeführt wird. Andererseits müssen die Planer die Interessen der Bauherrschaft wahren, was möglicherweise bedeutet, dass die Konkurrenz den Auftrag erhält. Dass diese Konstellation heikel ist, fand auch das Bundesverwaltungsgericht, wie der «Bund» publik gemacht hat.

Die BKW muss sich nicht wundern, wenn der politische Druck zunimmt und die Kritik an der Akquisitionsstrategie lauter wird.

Im Urteil heisst es, es liege im Ermessen der Bauherrschaft, die Doppelrolle zu beanstanden. Offen ist, was passieren würde, sollte dereinst ein unterlegenes KMU gegen die Doppelrolle der BKW klagen. Würden die Richter auch ihm recht geben? Falls ja, wäre das ein Rückschlag für die Strategie der BKW. Der Konzern hat sich letztlich bewusst so breit aufgestellt in der Hoffnung, bei Bauprojekten doppelt und dreifach zum Handkuss zu kommen. Das stellt der Richterspruch infrage.

Im Unternehmen arbeitet man deshalb daran, Richtlinien zu etablieren, mit denen Interessenkonflikte vermieden werden können, etwa eine räumliche und organisatorische Trennung der beteiligten Einheiten. In der Baubranche ist es allerdings gang und gäbe, informelle Kontakte zu pflegen. Bernhard Berger, der Präsident der Schweizerischen Vereinigung Beratender Ingenieurunternehmungen, spricht vom «letzten Telefon». Zumindest im privaten Bereich sei es Usus, es dem einen oder anderen Konkurrenten mit gezielten Hinweisen zu ermöglichen, sein eigenes Angebot im letzten Moment nachzubessern. Auch wenn sie rechtlich konform ist, bleibt die Doppelrolle also in der Praxis heikel.

So oder so muss die BKW gegenüber der Bauherrschaft proaktiv kommunizieren, wenn das Planungsbüro und die Offertsteller beide zum BKW-Universum gehören. Man kann nicht von der Bauherrschaft erwarten, dass sie Geschäftsberichte durchackert auf der Suche nach möglichen Verstrickungen zwischen zwei Firmen. Wenn der Konzern diese Transparenz nicht schafft, spielt er unsauber, was einem Staatskonzern besonders schlecht ansteht.

Ein anderes Risiko der Akquisitionsoffensive zeigt ein zweiter Fall: Der französische Baukonzern Bouygues klagt, drei seiner früheren Kaderleute hätten Kundendaten zur neuen Arbeitgeberin, einer BKW-Tochter, mitgenommen. Zudem sollen sie Werbematerial von Bouygues mit einer falschen Telefonnummer in Umlauf gebracht haben. Die BKW bestreitet die Vorwürfe. Aber allein das Auftauchen solch happiger Anschuldigungen ist für die BKW ein Reputationsschaden. Gleichzeitig kann sie die übernommenen Firmen nicht an die kürzere Leine nehmen. Dass sie Freiräume geniessen, gehört zur Strategie. Denn oft erhalten die Firmen Aufträge, weil jemand die Patronne oder den Patron kennt oder weil ein Auftraggeber das lokale Gewerbe unterstützen möchte. Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, gilt auch hier: Solche Geschäftspraktiken stehen der BKW ganz schlecht an.

Angesichts solcher Fälle muss sich die BKW nicht wundern, wenn der politische Druck weiter zunimmt und der Ruf nach einer Privatisierung des Dienstleistungsgeschäfts lauter wird. Möglicherweise wäre es auch im Eigeninteresse der BKW, bei den Akquisitionen in Zukunft ein etwas gemächlicheres Tempo anzuschlagen. Sie wäre nicht das erste Unternehmen, dessen Ruf unter einer forschen Akquisitionsstrategie leidet. Denn das rasante Wachstum verpflichtet zum Erfolg. Und wer unter Erfolgsdruck steht, macht erfahrungsgemäss eher einen Fehltritt.