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Betteln fürs Kind

Unterdessen in Wolfhalden AR: Ein Paar will ein zweites Kind. Das Geld für die teure künstliche Befruchtung soll dank eines Spendenaufrufs zusammenkommen.

Teure Fortpflanzungsmedizin: Mikroskopaufnahme der Befruchtung einer Eizelle. Foto: Ralf Hirschberger (Keystone)
Teure Fortpflanzungsmedizin: Mikroskopaufnahme der Befruchtung einer Eizelle. Foto: Ralf Hirschberger (Keystone)

Wolfhalden liegt im Speckgürtel der Stadt St. Gallen, auf einer Sonnenterrasse hoch über dem Bodensee. Die Ausserrhoder Gemeinde ist fast noch ein bisschen zu weit weg von St. Gallen, als dass man von einer Schlafgemeinde sprechen könnte, die Zahl der Pendler hält sich in Grenzen, die soziale Kontrolle funktioniert. Viele der 1800 Einwohner leben in Einfamilienhäusern, und es ist so ruhig, dass sich auch Rentner hier wohlfühlen.

Der Familie Koller war es zu ruhig, vor allem für ihr achtmonatiges Töchterchen Alina. Sie wollten ihr unbedingt ein Geschwisterchen schenken, nur hat die Geschichte einen Haken. Schon für die Geburt ihrer ersten Tochter waren die Kollers auf die Segnungen der Fruchtbarkeitsmedizin angewiesen – mit hohen Kostenfolgen.

Als Erstes meldete sich die Polizei

Sie hätten sich eine dicke Elefantenhaut zugelegt, erklärte die 45-jährige Martina Koller dem «St. Galler Tagblatt». Diese können sie jetzt gut gebrauchen. Denn die Kollers schrieben einen Spendenaufruf mit der Bitte um Hilfe für ihr «Projekt pro Baby – ein Geschwisterchen für Alina». 13'000 Franken brauchen die beiden für eine weitere künstliche Befruchtung, denn in ein kinderreicheres Quartier umziehen wollten sie nicht und eine Adoption sei zu langwierig. Den Brief verteilten sie in die Briefkästen der umliegenden Gemeinden.

Als Erstes meldete sich die Polizei, die sich versichern wollte, dass die Kollers mit ihrer Bitte um Kindersegen kein unrechtmässiges Schneeball­system starteten. Dann soll ein Umschlag mit einem 20er-Nötli hereingeflattert sein. Vor allem aber gab es einen Sturm der Entrüstung in den Leser- und Onlinespalten der lokalen Medien. «Frechheit!», «Völlig daneben!», «Unerhört!», «Egoistisch!» – und das waren noch die milden Reaktionen. «Sturm im Reagenzglas» titelte das «St. Galler Tagblatt» tags darauf und startete sogar eine Strassenumfrage. Da sorgten sich die Ostschweizer sofort auch um die Zukunft des Kindes («Wenn ich im Reagenzglas gezeugt worden wäre, wie würde ich mich dann fühlen?») und der Familie («Und wenn das zweite Kind da ist, kommt dann wieder ein Brief?»).

Die Leser schlugen vor, für ein zweites Auto, eine Katze, eine Ferienreise zu betteln, aber für ein «Kind aus dem Labor»? Dass sie an einem Tabu kratzt, hat die Familie Koller wohl selber geahnt: Ihren Spendenaufruf steckten sie darum nicht in die Briefkästen ihrer Nachbarn in Wolfhalden, sondern nur in diejenigen umliegender Gemeinden wie Heiden, St. Margrethen oder in Rheineck. Ein Passant mit Sinn für regionale Unterschiede meinte dazu: «Was interessiert denn ein Heidler, was die in Wolfhalden machen?»

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