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Zürcher SchauspielhausBesucherströme trotz Lockdown

Das Theater von Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg hat während der Krise seine Stärken entdeckt und macht jetzt Pläne – den unsicheren Zeiten zum Trotz.

Benjamin von Blomberg (links) und Nicolas Stemann, das Intendantenduo des Schauspielhauses Zürich, freuen sich auf die Post-Corona-Zeit.
Benjamin von Blomberg (links) und Nicolas Stemann, das Intendantenduo des Schauspielhauses Zürich, freuen sich auf die Post-Corona-Zeit.
Foto: Gina Folly

90’000 Besucher verzeichnete das Schauspielhaus Zürich im Lockdown. Allein die erste Episode der Serie «Corona-Passionsspiel», geschrieben, inszeniert und komponiert von Co-Direktor Nicolas Stemann, lockte 11’000 Zuschauer ins virtuelle Schauspielhaus, das sogenannte Zuhausspielhaus. Zum Vergleich: Pro Saison kommen sonst durchschnittlich rund 150’000 Besucher. Man hat aus der Krise eine inklusive Erfolgsgeschichte gemacht: Alle konnten problemlos vom heimischen Sofa aus gratis zusehen.

«Wir schauen, ob wir sinnvolle digitale Bezahlformate für die Zeit nach Corona entwickeln können», sagte Co-Chef Benjamin von Blomberg dazu im 7-minütigen Gespräch, das er und zwei Kulturjournalistinnen (eine von ihnen die Schreibende) am Mittwoch im Bühnenfond führten. Wir waren jedenfalls weit weg von den anderen, die anderswo im Pfauen, arrangiert zu weiteren Kleingruppen, an dem Speeddating-Event teilnahmen: der zweiten Spielplankonferenz der Intendanz Stemann und von Blomberg und der zugleich allerersten physischen Veranstaltung im Pfauen seit dem Lockdown.

Die Journalisten trafen also rotierend auf die beiden Direktoren und einen Teil der Hausregisseure. Und im Survival-Kit, mit dem man versehen wurde, befanden sich nicht bloss die mit heisser Nadel gestrickten Spielplanvisionen – nichts ist derzeit 100-prozentig fix –, sondern auch Schutzmaske, Desinfektionsmittel und gar ein Tütchen Essblütensamen.

Im Garten nämlich, den die Schauspielhaus-Crew während des Lockdown im Atrium des Schiffbaus hat wachsen und erblühen lassen, wird diese ungewöhnliche erste Saison des Intendantenduos demnächst zu Ende gehen: mit Nicolas Stemanns «Corona-Passionsspiel» als physisch erlebbarem Live-«Distanzkonzert» – samt Zuschauern.

Die eine oder andere Beschränkung wird es auch in den 7 Uraufführungen und 19 Inszenierungen geben, die für die Saison 2020/21 geplant sind. So schrumpft Leonie Böhm, eine der acht Hausregisseurinnen, ihre «Medea»-Adaption auf zwei Personen (Premiere am 19. September), Christoph Marthaler wiederum knüpft da an, wo er am 13. März aufgehört hatte. Die Generalprobe zur Uraufführung von «Das Weinen (Das Wähnen)» war die letzte Aktion im Pfauen vor der Schliessung des Hauses. Nun reiht sich die Arbeit in den Eröffnungsreigen im Herbst ein (20.9.).

«‹Das Weinen› ist in einer Apotheke situiert!»: Stemann verwies am Mittwoch nicht nur auf überraschende Parallelen zur Pandemie-Lage, die sich in verschiedenen Stücken auftun, etwa in «Mein Jahr der Ruhe und Entspannung» in der Regie von Hausregisseurin Yana Ross (Premiere am 22. Oktober) oder in «Einfach das Ende der Welt», inszeniert von Hausregisseur Christopher Rüping (Premiere am 3. Dezember). Sondern er erläuterte auch, wie gerade das risikoreiche Konzept mit acht Hausregiekräften sich in der Krise als nachhaltig bewährt habe: wie es Freiräume geschaffen habe, um kurzfristig Digitales zu stemmen, und die Flexibilität gewährt habe, um Geplantes in die kommende Saison zu verschieben. «Wir haben fast alles retten können», resümiert der Hausherr.

Kein hartes Pflaster

Stemann selbst wird sich wieder dem Weihnachtsmärchen widmen: Ein von ihm überschriebener, satirischer «König der Frösche» soll über die Pfauenbühne quaken, Corona-Ketzereien inbegriffen (Premiere am 14. November). Im Dürrenmatt-Jahr 2021 liest Stemann dann «Der Besuch der alten Dame» gegen den Strich; ob aber seine nächste Elfriede-Jelinek-Uraufführung noch in der zweiten Saison unterkomme oder erst in der dritten, sei noch offen.

Wie überhaupt einige Fragezeichen bleiben. Bei einer strikten Umsetzung von Abstandsregelungen wäre der Pfauen maximal zu 20 Prozent pro Aufführung ausgelastet: finanziell problematisch. Andererseits nehmen die Theatermacher ihre Verantwortung hinsichtlich der Gesundheit aller ernst. Man habe verschiedene Szenarien in petto, unterstreicht Benjamin von Blomberg. Die Offenheit der Stadt in der ersten Saison sei äusserst beglückend gewesen – viel besser als von manchen erwartet –, und man bleibe enthusiastisch dran, wurzle in die Stadt hinein.

So wird das Schauspielhaus für die Jungen unter der Ägide von Suna Gürler weiter gepflegt – ebenso wie die Bindung zu den «Related Artists» Christoph Marthaler, Milo Rau und Christiane Jatahy.