Berner Triumph in Fernost

Ein Abenteuer ist zu Ende: Das BSO brillierte in Chinas unterschiedlichen Konzertsälen.

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Ein Chinese in Shanghai ist ziemlich aufgeregt. Er erkundigt sich in gebrochenem Englisch, ob das wahr sei, dass das Berner Symphonieorchester vor dem Konzert in Peking echte Schweizer Schokoladetäfelchen verteilt habe – gratis. Wahr ist das. Doch der Mann kommt zu spät. Es gibt nur noch Schlüsselanhänger und CDs. Die Berner Goodies der europäischen Gäste gingen weg wie warme Semmeln. Verrückt ist aber etwas ganz anderes. Über zwei Flugstunden liegen Peking und Shanghai auseinander. Es hat sich also herumgesprochen, dass die über siebzig Kulturbotschafter aus Bern und ihr Chef Mario Venzago in China unterwegs sind.

Überall sieht man die Plakate. Riesig, grellbunt. Vor dem Shanghai Oriental Art Center gibt es beim Eingangsportal gar eine Art Schwarzmarkt. Listige Verkäufer versuchen Gästen Karten für das BSO-Konzert zu verkaufen.

Was für ein Konzerttempel! Der französische Star-Architekt Paul Andreu hat ihn gebaut, ein Mann, der weltweit auch bei über fünfzig Bahnhöfen die Hand im Spiel hatte. So ein Haus wünschte man sich in Bern auch. Neben dem fast 2000-plätzigen Konzertsaal – das Publikum wird gescannt, als wäre das Konzerthaus ein Flughafen – gibt es unter dem gleichen Dach auch die Oper und einen Kammermusiksaal. Wie ein riesiges Kuckucksei liegt das Gebäude zwischen den Hochhäusern – in unmittelbarer Nähe des «Bund». Der ist hier nämlich berühmt: Die schönste und beliebteste Uferpromenade in Shanghai heisst tatsächlich gleich wie diese Zeitung.

Klavieristische Schaumkrönchen

Ein Bijou ist auch der geräumige Konzertsaal. Dass sich die Musikerinnen und Musiker des BSO und Mario Venzago hier auf Anhieb wie zu Hause fühlen, hört man bei Brahms und Beethoven. Die Interpretationen sind voller Vitalität. Sogar der Solist Gerhard Oppitz, der durch seine Körperhaltung in Beethovens Es-Dur Klavierkonzert wie ein Fels in der Brandung wirkt, ist lockerer als in Peking. Gar eine Prise Schalk mischt er in sein spritziges Spiel: So scheinen die kristallklaren Läufe plötzlich wie Schaumkrönchen.

Das musikalische Programm bleibt in allen vier Konzerten identisch. Fast. Im Poly Grand Theatre in Suzhou sind die akustischen Verhältnisse ganz anders als in Peking und Shanghai. Während ein rotierendes farbiges Lichtspiel den Glas-und-Stahl-Bau in ein futuristisches Ufo verwandelt, sieht der Konzertsaal innen wie ein Guckkasten aus Fleischkäse aus. Er ist akustisch so trocken, dass die Musikerinnen und Musiker anders spielen müssen, damit der Klang trägt. Zum Beispiel mit akzentuierterem Bogendruck.

Vom Verzweiflungsspiel, das parallel zu Beethoven im Publikum abgeht, bekommen sie nichts mit. Nach dem Gerangel um die Schokolade geht es nun um das beste Handybild. Doch Fotografieren ist verboten – eigentlich. Im Saal sind unzählige Aufpasser verteilt. Uniformierte Sisyphusse, die ihre Tablets mit grellgrünen Leuchtschriften wie Fluglotsen schwenken, sobald sie ein Handylicht erspähen. Zusätzlich wieseln filigrane Mädchen in gebückter Haltung durch die Reihen. Doch die Diskretion ist vergebens. Ebenso das Verbot. Jeder macht hier, was er will.

Stühle auf Stelzen

Eine echte Klassikkultur muss sich in Suzhou erst noch entwickeln. Das BSO spielt vor einem nur mässig besetzten Saal. Ein kulturliebender Oligarch hat den Konzertbau vor etwa zwei Jahren aus dem Boden gestampft und will ihn nun mit Konzerten und Gastorchestern füllen. Dabei hat Qualität den höchsten Stellenwert. Vor Mario Venzago hat in dem jungen Haus auch schon Zubin Mehta dirigiert. Das Publikum ist jugendlich und hoch interessiert am Programm, das die Berner mitbringen. Deshalb ist dieses Konzert vielleicht das wichtigste der Tournee.

In Shanghai gibt es auch auf dem Konzertpodest ein Kuriosum zu entdecken. Weil die chinesischen Musiker, die hier sonst spielen, offenbar kürzere Beine haben als ihre europäischen Kollegen, werden die Stuhlbeine mit Klötzen unterlegt.

Das China-Abenteuer des Berner Symphonieorchesters ist am Sonntagabend im Wuhan Qintai Grand Theatre zu Ende gegangen. Mit einem Höhepunkt: Der fast 2000-plätzige Konzertsaal ist ausverkauft. Das BSO spielt, als ginge es um sein Leben. Als Kollektiv hat es durch das intensive Zusammenspiel auf der Tournee gewonnen. Im Abschlusskonzert in Wuhan spielt der Pianist Gerhard Oppitz auch endlich die Zugabe, die das Publikum an den vergangenen Konzertabenden vermisst hatte. Bis zu fünf Mal wurde er da auf die Bühne geklatscht. Lächelte und blieb hart.

Das Fazit der Reise? Rundum positiv. Trotz den erheblichen Reisestrapazen verlor das BSO nie seine gute Laune. Und so wie das Publikum reagierte, stehen die Zeichen gut, dass die erste China-Tournee des BSO nicht seine letzte sein wird. (Der Bund)

Erstellt: 16.05.2017, 20:48 Uhr

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