Zürich schlägt Bern im WM-Rennen

Es fehlte an Geld und an Förderprogrammen für den Radsport: Zürich statt Bern erhält die Rad-WM 2024. Reto Nause ist «konsterniert» und hätte sich eine transparentere Kommunikation gewünscht.

Mit der Tour de France 2016 hats geklappt, die WM 2024 muss Bern Zürich überlassen.<p class='credit'>(Bild: Urs Baumann)</p>

Mit der Tour de France 2016 hats geklappt, die WM 2024 muss Bern Zürich überlassen.

(Bild: Urs Baumann)

Noah Fend@noahfend

Die Rad-WM gehöre natürlich in die Velohauptstadt, schrieb der Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried noch Ende Februar auf Twitter. Am Donnerstag nun die Ernüchterung: Zürich schnappt Bern den sportlichen Grossanlass mit internationaler Strahlkraft, der 2024 während zehn Tagen in der Schweiz stattfindet, vor der Nase weg. Mit ein Grund für die erfolgreiche Kandidatur von Zürich ist das Geld. Der Berner Stadtrat bewilligte einen Kredit von 3,6 Millionen Franken. Zürichs Stadtparlament stellte knapp 8 Millionen Franken zur Verfügung.

Die Zürcher Kandidatur sei «finanziell solider» als jene der Berner, begründete der Schweizerische Radsportverband Swiss Cycling den Entscheid gegenüber Berns Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP). Das Argument könne er zwar nachvollziehen, «man hätte uns die Bedeutung des Geldes von Anfang an transparenter kommunizieren können», sagt Nause. Dann hätte man sich eine Kandidatur vielleicht anders überlegt. Nause war bei der Übergabe der Berner Kandidatur an den Schweizerischen Radsportverband Swiss Cycling persönlich anwesend. «Jetzt bin ich etwas konsterniert», sagt er.

Velostadt hinkt hinterher

Den Vorwurf intransparenter Kommunikation lässt Markus Pfisterer, Geschäftsführer von Swiss Cycling, nicht gelten. «Wir hätten offen und transparent gesagt, wenn Berns Finanzen für ein konkurrenzfähiges Dossier nicht gereicht hätten», sagt er und betont, beide Dossiers seien sehr gut gewesen. Die Entscheidung sei knapp gefallen, und es hätten nicht nur die Finanzen den Ausschlag für Zürich gegeben. Entschieden wurde anhand von 16 Kriterien. Diese beurteilten etwa die Anforderungen an die Strecke, die Infrastruktur rund um die Rennen oder das begleitende Rahmenprogramm mit Fördermassnahmen für den Radsport.

Bei der Entscheidung am Mittwochabend ist der Vorstand jedes einzelne Kriterium durchgegangen und hat Punkte verteilt. Alle sieben Vorstandsmitglieder hatten je eine Stimme pro Kriterium. An der Vorbereitung der Dossiers beteiligte Mitglieder traten in den Ausstand. Am Schluss wurde zusammengezählt. «Nach der Gesamtpunktzahl hatte Zürich das bessere Dossier», sagt Pfisterer.

Besonders schmerzen dürfte die Berner auch ein weiterer Grund, der für Zürich sprach: «Zürich war besser aufgestellt bei den Fördermassnahmen», sagt Pfisterer. Ihre Bewerbung habe konkretere Ideen enthalten, wie der Radsport beliebter gemacht werden soll, sowie Kredite für deren Umsetzung. Diese sollen über den eigentlichen Event hinaus wirken. Ausgerechnet die selbst ernannte Velohauptstadt hinkt Zürich in Sachen Fördermassnahmen für den Radsport also offenbar hinterher. Kein Thema bei der Vergabe sei hingegen die Rad-WM 2020 gewesen, die in der Westschweiz stattfindet.

Verpasste Chancen für Bern

Ein Event wie die Rad-WM habe «Leuchtturmfunktion», sagt Nause. Negative Auswirkungen befürchtet er durch die Absage indes nicht. Nause will die bestehenden Pläne und die erarbeitete Streckenführung für weitere mögliche Radsport-Events nutzen: «Wir werden mit Playern aus der Radszene das Gespräch suchen und schauen, was sich davon im kleineren Rahmen umsetzen lässt.»

Eine verpasste Chance ist der Grossanlass, der nun in Zürich stattfinden wird, trotzdem: Während rund einer Woche hätte die WM 600000 Zuschauer nach Bern gelockt und der Hotellerie etwa 160000 Übernachtungen beschert. Trotzdem sagt Jürg Stettler vom Departement für Tourismuswirtschaft an der Hochschule Luzern: «Der entgangene Nutzen durch den Anlass selbst ist für Bern zu verkraften.» Entscheidender ist aber jener Nutzen, der Bern nun durch die fehlenden Begleitprogramme entgeht. «Man hätte die Rad-WM für strategische Initiativen im Bereich Radsport nutzen und langfristig davon profitieren können», sagt Stettler.

Die Kunst bei der Durchführung eines Grossanlasses sei allgemein, eine lang anhaltende Wirkung zu erzielen: Im Idealfall enthalte ein zehntägiger Event Begleitprogramme, die während zehn Jahren wirken. «Dieses Ziel hat Zürich konsequent verfolgt», sagt Stettler.

Der Bund

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