YB-Erfolg fordert die Berner Fanarbeit

Auch punkto Zuschauer sind die Young Boys Meister. Die grosse Unterstützung ist aber eine organisatorische Herausforderung.

Meister auf den Zuschauerrängen: YB-Fans im Zürcher Letzigrund.

Meister auf den Zuschauerrängen: YB-Fans im Zürcher Letzigrund.

(Bild: Claudio de Capitani/freshfocus)

Noah Fend@noahfend

Die Young Boys sind nicht nur auf dem Rasen Meister. Auch punkto Zuschauer haben sie dem FCB den Spitzenrang abgelaufen. Über 25'000 Besucherinnen und Besucher verfolgten in der laufenden Saison im Durchschnitt die Heimspiele im Berner Stade de Suisse. Gestern waren rund 7000 Berner Fans im Zürcher Letzigrund – das ist ein Rekordwert und sinnbildlich für den Erfolg von YB.

Die grosse Unterstützung von den Zuschauerrängen erfreut alle Beteiligten. Für Lukas Meier ist sie aber auch eine Herausforderung. Er ist seit elf Jahren Fanarbeiter bei YB. «Unsere Arbeit nimmt mit dem Erfolg in allen Bereichen neue Dimensionen an», sagt Meier.

Früher, als Meier 1998 die Fussballbar Halbzeit mitgründete und selbst noch als Fan zu YB-Auswärtsspielen ging, sei er zusammen mit rund 50 anderen in normalen Zügen oder mit Autos angereist. «Mit 3000 Leuten an Auswärtsspiele zu fahren, bedeutet automatisch viel mehr Aufwand», sagt Meier. Trotzdem ist das im Grunde auch für Meier positiv. «Dank dem Erfolg herrscht natürlich auch grosse Euphorie und eine positive Grundstimmung unter den Fans.» Das erleichtere vieles.

«Wie ein Klassentreffen»

Während bei YB Euphorie herrscht und die Fans in Scharen ins Stadion strömen, sinken die Zuschauerzahlen bei vielen anderen Clubs. Der 28. April, an dem YB letztes Jahr Meister wurde, war für Meier «wie ein Klassentreffen». Der Meistertitel habe «langjährige YB-Fans, die zuvor nicht mehr oft zu sehen waren, wieder ins Stadion gezogen».

Seit Ende der 90er-Jahre erlebten die Fanszenen in der Schweiz generell einen Boom. Aus Italien schwappte damals die Ultra-Fankultur in die Schweiz über, und die Fankurven wurden zu einer der attraktivsten Jugendbewegungen. «Neue Stadien und passende Infrastruktur förderten zudem einen Zuschauerboom», sagt Meier. Und mit den wachsenden Szenen professionalisierte sich auch die Fanarbeit. Mittlerweile haben sechs Deutschschweizer Fussballclubs eine sozioprofessionelle Fanarbeit.

In Bern kam der Wunsch nach einer Fanarbeit – anders als bei anderen Clubs – von den Fans selbst. «Die Berner Fanszene ist sehr breit aufgestellt, es gab Zeiten mit über 30 eigenständigen Fanclubs», sagt Meier. Da ist eine einheitliche Kommunikation und Koordination ohne zentrale Stelle kaum möglich. Heute sind die rund 40 Fanclubs in den Dachverbänden «gäubschwarzsüchtig» und «Ostkurve Bern» zusammengeschlossen. Und seit 2007 koordiniert und begleitet die Fanarbeit die Spiele und die Fanaktivitäten.

Immer noch kriminalisiert

Lukas Meier, der von sich selbst sagt, grosse Menschenmengen eigentlich nicht sehr zu mögen, schätzt den integrativen Aspekt der Fankultur. «Man zieht sich einen Schal an und steht in die Kurve, dann gehört man sehr schnell dazu.» Insofern sei die Fanszene auch ein niederschwelliges Betätigungsfeld für Jugendliche. Sei es, um Verantwortung zu übernehmen oder um eine wilde Szene in einem Freiraum zu erleben. «Die Berner Fanszene nahm um 2010 fast Züge einer sozialen Bewegung an», erinnert sich Meier. Der Fussball sei zwar im Zentrum gestanden, doch habe man auch Jugendprojekte lanciert und sich pointiert zu gesellschaftlichen Themen geäussert. «Das Referendum gegen das Hooligankonkordat wurde 2013 von den Berner Dachverbänden getragen.»

Obwohl sich die Fanarbeit einen Platz geschaffen hat, sieht sie sich noch nicht am Ziel. Noch immer sei das Gebiet der Fanszenen in der Schweiz hoch kriminalisiert. Und trotz höchster Zuschauerzahlen hat die Berner Fanarbeit das kleinste Budget von allen sechs Schweizer Fanarbeitsstellen. «Mit Spielen in der Meisterschaft, im Cup und in der Champions League sind wir bereits voll ausgelastet», sagt Meier. Im Gegensatz zu allen anderen Stellen in der Schweiz hält sich der Kanton Bern nicht an die nationale Regelung einer Drittelsfinanzierung durch Club, Stadt und Kanton.

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