Wohlige Berner Zufriedenheit

Der zweite Titel in Folge ist eine Machtdemonstration von YB. Trotzdem ist das Hochgefühl vom letzten Jahr unerreichbar. War das schon der Zenit?

Natürlich freut man sich über den zweiten Titel in Folge, aber er ist nicht mehr beherrschendes Thema in Bern.

Natürlich freut man sich über den zweiten Titel in Folge, aber er ist nicht mehr beherrschendes Thema in Bern.

(Bild: Raphael Moser)

Dieter Stamm@StammDieter

Glücksgefühle leben von der Erfüllung einer Sehnsucht. Und eine Sehnsucht nährt sich von der Entbehrung. Wie trunken feierte Bern vor einem Jahr den ersten Meisterschaftstitel nach 32 enttäuschenden Fussballjahren. Eine Stadt war in Euphorie, fremde Menschen lagen sich in den Armen, es war eine Art kollektive Erlösung.

Nun, ein Jahr später, ist diese Euphorie einer wohligen Zufriedenheit gewichen. Natürlich freut man sich über den zweiten Titel in Folge, aber er ist nicht mehr beherrschendes Thema auf den Strassen, in den Beizen und zu Hause. Das mag damit zusammenhängen, dass das Meisterwerden in diesem Jahr so spannend war, wie wenn man einem Grashalm beim Wachsen zusehen würde. Aber selbst ein Triumph im letzten Spiel hätte sich wie eine Wiederholung angefühlt.

Natürlich ist das Verlangen nach Erfolg bei einem Fussballanhänger unersättlich. Am liebsten würde er jedes Spiel und jede Meisterschaft gewinnen. Der eingefleischte YB-Fan wünscht sich diesen zweiten Titel als Teil einer neuen Ära, in der der Club die Gegner dominiert, so wie es die Basler zuvor getan hatten. Aber alle anderen, auch wenn sie für den Club ihrer Stadt die herzlichsten Sympathien hegen, wollen keine totale Dominanz. Sie wollen Spannung und Unterhaltung. Und schön am letztjährigen Gewinn der Meisterschaft war ja auch, dass sich ein ganzes Land mit den Bernern freute, weil sie der Basler Vorherrschaft ein Ende bereiteten. Schon diesmal ist das nicht mehr so.

Es wäre es vermessen, 2020 einen dritten Titel in Folge zu erwarten, als wäre er selbstverständlich.

Das braucht YB selbstredend nicht zu kümmern. Aufgabe des Clubs ist es, den bestmöglichen Fussball zu spielen. Und diesen Anspruch hat er in dieser Saison erfüllt. Er erntet die Früchte hervorragender Arbeit auf und nebem dem Rasen. An der Spitze, dort wo die Rechnungen bezahlt werden, ist jene Ruhe eingekehrt, die es für den Erfolg braucht. Vorbei sind die Zeiten, in denen nicht klar war, wie sich die Besitzerverhältnisse entwickeln würden, ob am Ende nicht arabische Scheichs oder russische Oligarchen das Sagen haben könnten. In der Erfolglosigkeit war es für die Familie Rihs schwierig, einen Prinzen zu finden – nun, da sie eine attraktive Braut anbieten könnte, will die Familie keinen mehr.

Aber aus günstigen Bedingungen muss erst noch Gutes gemacht werden. Und das Gute verkörpert der ehemalige Spieler Christoph Spycher. Nicht, dass dem Sportchef der Erfolg alleine gebühren würde. Das Gerüst der beiden Meistermannschaften stammt noch von seinem Vorgänger Fredy Bickel. Aber Wuschu, wie man Spycher nennt, ist mehr als ein Sportchef. Er vereint das Geerdete, Kompetente und Bernische, das dem Publikum ein Gefühl von Heimat gibt und die Sponsoren bei der Stange hält. Dass es YB gelungen ist, Spycher an den Club zu binden, ist der wichtigste Saisonerfolg neben dem Fussballplatz.

Nun ist es Spychers Aufgabe, den Trainer zu halten und die Mannschaft zu erneuern. Leistungsträger hören auf, kommen ins Alter oder reisen weiter. Erfolg ist ein schmaler Grat, unplanbar, gerade bei Fussballern, die launisch sein können wie Diven. Und die Berner Überlegenheit in dieser Saison war auch etwas trügerisch: Es gelang – mit Ausnahme des Cups – fast alles in atemberaubender Leichtigkeit. Leichtigkeit aber ist sehr flüchtig.

YB ist, realistisch betrachtet, auf dem Gipfel seiner Möglichkeiten angelangt. Und weil die Konkurrenz, insbesondere Basel, stärker ist, als es der Punkteabstand vermuten lässt, wäre es vermessen, einen dritten Titel in Folge zu erwarten, als wäre er selbstverständlich. Abgesehen davon, dass ein Unterbruch immer auch ein schönes, neues Verlangen weckt – er braucht ja nicht 32 Jahre zu dauern.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt