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«Wir waren angesteckt von der Krankheit der Gewissheit»

Der Berner Peter Sigerist wollte mit der Revolutionären Marxistischen Liga einst die Welt aus den Angeln heben. Heute blickt er kritisch zurück.

Der russische Revolutionär Leo Trotzki war die Ikone der RML. Heute erinnert Peter Sigerists Kater Leo mit seinem Namen ans revolutionäre Erbe.
Der russische Revolutionär Leo Trotzki war die Ikone der RML. Heute erinnert Peter Sigerists Kater Leo mit seinem Namen ans revolutionäre Erbe.
Adrian Moser

Herr Sigerist, wann kommt die Revolution?

Heute klingt diese Frage seltsam. Aber in den Siebzigerjahren war das ein Thema für die Revolutionäre Marxistische Liga (RML), die sich später in Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) umbenannt hat. Wir haben gedacht, wir seien Teil einer Revolution. Das Ende der Diktaturen in Spanien, Portugal und Griechenland liess uns hoffen, dass die Gewerkschaften und die Arbeiterklasse Räterepubliken einführen würden.

Und die Schweizer Arbeiterschaft wäre den Beispielen gefolgt?

Wir rechneten damit, dass Räterepubliken in Südeuropa Auswirkungen auf die Schweiz hätten. Schliesslich fand hier 1848 die einzige gelungene bürgerliche Revolution statt. Warum sollte nicht auch eine proletarische stattfinden? Die Demokratie samt Gewaltenteilung lehnten wir als «bürgerliches Herrschaftsinstrument» ab.

Wie konnte man in den Siebzigerjahren noch daran glauben?

Es war eine Art Glaube, der auf einer falschen Theorie beruhte. Wir waren angesteckt von der «Krankheit der Gewissheit», wie sie die türkische Autorin Elif Shafak beschrieben hat. Gewissheit führt zum Abwürgen der Neugierde und zu Blindheit. Der renommierte britische Historiker Timothy Garton Ash schrieb jüngst zu 1968: «Von heute aus betrachtet erscheint die marxistische, trotzkistische, maoistische oder anarcho-libertäre Rhetorik von 1968 weitgehend lächerlich.»

Wann haben Sie gemerkt, dass sich die Geschichte nicht nach dem marxistischen Fahrplan entwickelt?

Marx sagte ja von sich, er sei kein Marxist. Den «Fahrplan» haben erst seine Adepten entwickelt.

Aber die RML verstand sich ja als leninistische Kaderpartei, die der Revolution nachhelfen wollte.

Wir verstanden uns als Vorhut der Arbeiterklasse. Aber die Geschichte verläuft nicht nur in Brüchen, sondern auch in einer Kontinuität. Ein Blick ins Archiv der RML/SAP macht deutlich, dass die Partei immer auch pragmatisch war. Wir hatten handfeste politische Forderungen, die später zu einem schönen Teil auch umgesetzt wurden. Bei den Nationalratswahlen 1979 haben wir uns für die 40-Stunden-Woche, öffentliche Lehrwerkstätten, Mutterschaftsschutz, Recht auf Abtreibung, Verzicht auf Atomenergie und gleiche Rechte für Ausländer eingesetzt. Wir haben früher und besser als andere Ex-68er-Organisationen begriffen, dass man in der Schweiz mit Wahlen, Initiativen und Referenden Einfluss auf die Politik nehmen muss.

Peter Sigerist an einer Demo
Peter Sigerist an einer Demo

Der Peter Sigerist von einst würde den Peter Sigerist von heute wohl als «Reformisten» bezeichnen. Wann sind Sie zum «Reformisten» geworden?

Auf diese Begrifflichkeit sollte man sich gar nicht erst einlassen. Damit begibt man sich in den Bereich von Dogmen, die der Komplexität der Gesellschaft nicht gerecht werden. In den iberischen Demokratien hatten die Arbeiterklasse und die Frauen viel zu wenig Rechte. Diktator Franco ist leider nicht während des Spanischen Bürgerkriegs in den Dreissigerjahren, sondern erst 1975 eines natürlichen Todes gestorben.

Hätte man nachhelfen sollen wie bei seinem Stellvertreter Carrero Blanco?

Nein, nein. Mit Terror hatten wir nie etwas zu tun. Wir machten symbolische Aktionen und besetzten etwa die spanische Botschaft, weil Franco Todesurteile gegen fünf baskische Separatisten verhängt hatte.

Als «Vorhut der Arbeiterklasse» war die RML nicht bereit, der Diktatur des Proletariats nachzuhelfen?

Der Begriff der Diktatur des Proletariats beruht auf der Fehleinschätzung der Pariser Kommune von 1871 durch Karl Marx. Friedrich Engels und die Nachgeborenen haben diesen Illiberalismus dann noch überhöht.

Sie lehnten die Diktatur des Proletariats also ab?

Nein. Aber die Diktatur des Proletariats ist bei Marx an die massenhafte Erhebung der Ausgebeuteten gebunden. Die RML hat immer verstanden, dass Minderheitsaktionen ohne Unterstützung der Massen zu nichts oder gar zu Unheil führen.

Glaubten Sie, dass die Diktatur des Proletariats eintreten würde, wenn die Masse sich den Aktionen der RML anschliesst? Das wäre das Ideal gewesen, blieb aber letztlich eine Illusion. Das klingt jetzt alles historisch. Aber Bewegungen der Zivilgesellschaft sind nach wie vor topaktuell. Zu Grossdemonstrationen kommt es immer dann, wenn es grosse Provokationen der Herrschenden gibt. Als aufflog, dass der Staat 900000 Fichen über Bürgerinnen und Bürger angelegt hatte, kam es 1990 zur grössten Kundgebung, die je in der Schweiz durchgeführt wurde, mit gegen 60000 Teilnehmenden. Und heute gibt es eben wieder einen Frauenstreik, weil Frauenrechte nicht umgesetzt werden. Und es gibt einen Klimastreik, weil die Herrschenden den Umbau zu einer grünen Wirtschaft verhindern.

Nochmals: Wann haben Sie Ihren revolutionären Glauben verloren?

Anfang der Achtzigerjahre begann die parteiinterne Debatte über die Frage, warum unsere Erwartungen nicht eingetroffen sind. Es gab aber kein auslösendes Ereignis.

Sind Sie froh, dass die von der RML angestrebte Revolution nicht gelungen ist

Es ist gut, dass wir unsere strategischen Ziele von damals nicht eins zu eins umsetzen konnten. Im Übrigen sind sämtliche gesellschaftlichen Experimente im Namen des Kommunismus gescheitert.

«Es ist gut, dass wir unsere strategischen Ziele von damals nicht eins zu eins umsetzen konnten.»

Peter Sigerist

Aber die RML/SAP hat den Realsozialismus ja ohnehin abgelehnt.

Wir haben daran geglaubt, dass es nebst dem Realsozialismus eine ideale Variante von Sozialismus gibt, die einfach noch nie realisiert worden ist. Wir waren zu wenig selbstkritisch, um einzusehen, dass man mit der absolut gesetzten Utopie des Kommunismus nur eine Gesellschaft schaffen kann, die zu Autoritarismus und Diktatur neigt. In jedem Konzept des Kommunismus ist das Autoritative angelegt, weil die Kontrolle der Macht nicht vorgesehen ist. Die Macht verabsolutiert sich selber. Das geschah selbst bei jenen Projekten, die wir einst unterstützt hatten – etwa in Nicaragua und El Salvador.

Gibt es keine positive Ausnahme?

Nein. Die Mitglieder der einstigen Guerillabewegung Tupamaros in Uruguay haben im Gefängnis ihre theoretische Basis revidiert. Sie haben sich von der Ideologie des kubanischen Revolutionärs Ernesto «Che» Guevara (1928–1967) distanziert, aber nicht vom Ziel einer gerechteren Gesellschaft. Der Ex-Guerillero José Mujica wurde 2010 zum Präsidenten gewählt und übte sein Amt bis 2015 aus.

Die RML/SAP ging im Grünen Bündnis (GB) auf, das in der Stadt Bern mitregiert. Hat die Kaderpartei ihr Machtziel doch noch erreicht?

Das GB ist ja bloss mit einer Gemeinderätin im Bündnis von Rot-Grün-Mitte (RGM) vertreten, das sich ständig neu erfinden muss.

Die Linke in Europa steckt in einer Krise. War alles für die Katz?

Nein, nein. In Bern waren wir mit RGM ziemlich erfolgreich. Zudem feiern die Grünen, bei denen viele Frauen und Männer der 68er-Bewegung aktiv sind, grosse Erfolge in der Schweiz, in Deutschland, in Holland und anderen Ländern Europas. Es gibt eine neue Frauen- und eine neue Ökobewegung.

Aber in vielen Ländern kollabiert das Parteiensystem. Ja, die Lage ist dramatisch. Grün-Rot scheint sich aber wirksam zu reorganisieren, auch wenn wieder dogmatische Klein-Organisationen entstehen wie damals die RML/SAP.

Was würden Sie den Letzteren sagen?

Bleibt auf dem Boden. Hört auf mit der dogmatischen Untermalung Eurer Vorschläge zur Verbesserung der Gesellschaft. Es gibt keine historische Periode, deren Erkenntnisse man auf spätere Phasen übertragen kann. Man muss selber innovativ und kreativ werden und sich überlegen, was politisch und organisatorisch machbar ist.

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