«Wir versuchen, das Projekt in jedem Sinne vorbildlich umzusetzen»

Die Kritik an der Wohnbaugenossenschaft (WBG) «Wir sind Stadtgarten», hinter dem ein gewinnorientiertes Bauunternehmen steckt, ist verstummt.

Visualisierung der Huebergass-Siedlung im Berner Ausserholligenquartier.

Visualisierung der Huebergass-Siedlung im Berner Ausserholligenquartier.

(Bild: zvg)

Das Naserümpfen war gross, als die Wohnbaugenossenschaft (WBG) «Wir sind Stadtgarten» vor zwei Jahren den Zuschlag für die Überbauung Mutachstrasse bekam. Am Bauvorhaben lag es kaum. Selbst unterlegene Architekten sagten hinter vorgehaltener Hand, dass das Siegerprojekt besser als das ihre sei. Der Unmut galt der Genossenschaft selber. Denn hinter der WBG «Wir sind Stadtgarten» steht das Zürcher Bauunternehmen Halter.

Eine gewinnorientierte Totalunternehmung, die einen gemeinnützigen Ableger gründet und den Genossenschaften die Bauwiese streitig macht: Für viele traditionelle Genossenschaften ein wahr gewordener Albtraum. Einige wandten sich sogar mit Beschwerdebriefen an die Stadt. Herbert Zaugg, der Präsident der WBG «Wir sind Stadtgarten», entgegnet: «Wir spürten am Anfang schon ein paar Vorbehalte.»

Stimmt der Geist?

Hinter diesen Vorbehalten stand die Überzeugung, dass eine Genossenschaft nicht nur eine Organisationsform ist, sondern auch einen gewissen Geist beinhaltet, etwa betreffend Selbstverwaltung und nachbarschaftliches Zusammenleben. Gerade bei Mietergenossenschaften schliessen sich häufig Gleichgesinnte zusammen und entwickeln ihr Projekt gemeinsam. «Damit sind die Identifikation mit dem Projekt und der Zusammenhalt der Bewohnenden sichergestellt», sagt Jürg Sollberger, Präsident Wohnbaugenossenschaften Bern-Solothurn.

Die Halter-Genossenschaft wählte aber einen anderen Weg. Zuerst sorgt die WBG «Wir sind Stadtgarten» für Entwicklung und Bau, was von der Halter AG vorfinanziert wird. Erst in einem zweiten Schritt geht die fertige Überbauung in die Hände der neu gegründeten Mietergenossenschaft Huebergass über. «Es gab Skepsis, ob sich der genossenschaftliche Geist quasi von oben auf eine Siedlung aufpfropfen lässt», so Sollberger.

Der abschliessende Beweis steht noch aus. Sollberger ist aber optimistisch, dass es gelingen wird. «Die Verantwortlichen stecken viel Energie in diese Frage und arbeiten eng mit dem Verband zusammen.»

Drogendealer-Theorie

Das bestätigt auch Zaugg von der WBG «Wir sind Stadtgarten». So ist etwa die Anstellung eines «Gesellschaftsgärtners» vorgesehen, der die Bewohner bei der Selbstorganisation unterstützen soll. Zudem habe man bei der Wohnungsvergabe auf eine gute Durchmischung geachtet. «Ein grosser Teil der Wohnungen ging bewusst an Personen aus dem Quartier, damit die Verankerung vorhanden ist.» Auch die Architektur der Siedlung habe zum Ziel, ein nachbarschaftliches Leben zu ermöglichen. Die Vorbauten aus Holz seien Treppenhäuser und Privatbalkone in einem, sodass eine offene Kommunikation stattfinden könne. Zudem richte sich die ganze Siedlung nach der namensgebenden Huebergass, was ein Quartiergefühl mit sich bringe. «Wir versuchen das Projekt in jedem Sinne vorbildlich umzusetzen.»

Das ist auch bei den Skeptikern angekommen. Konkrete Kritik am Projekt hört man kaum noch. Dafür kursiert eine neue Theorie: Das Bauunternehmen Halter mache das Projekt nur so gut, um im gemeinnützigen Markt Fuss zu fassen. Wie ein Drogenhändler, der die ersten Portionen gratis abgibt, um später so richtig abzukassieren. Stimmt das? Zaugg schmunzelt – und winkt ab.

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