Zum Hauptinhalt springen

«Wie 1991, aber hoch zwei. Hammer»

40'000 Frauen haben in der Stadt Bern am zweiten Frauenstreik gegen Diskriminierung demonstriert. Die Aktionen waren bunt, fantasievoll, laut – und zuweilen ziemlich wuchtig.

Lärmend und zahlreich zogen die Frauen durch Bern.
Lärmend und zahlreich zogen die Frauen durch Bern.
Raphael Moser
Auf dem Bundesplatz fanden Reden statt.
Auf dem Bundesplatz fanden Reden statt.
Franziska Scheidegger
Impressionen des Frauenstreiks in Bern.
Impressionen des Frauenstreiks in Bern.
Franziska Scheidegger
1 / 18

So viel Frauenpower wie gestern gabs wohl noch nie auf Berns Plätzen und in Berns Gassen. Als am Abend Tausende Frauen, viele Kinder und auch einige Männer die Berner Altstadt hinaufzogen zur Schlusskundgebung auf dem Bundesplatz, wollte der Zug kein Ende nehmen. Es war wie am Grand Prix, nur langsamer, nur weiblicher, nur kraftvoller. Natalie Althaus aus Thun, die schon am ersten Frauenstreik dabei war, brachte die Stimmung auf den Punkt: «Es ist wie 1991, aber das Ganze hoch zwei. Hammer.»

Die Rednerinnen auf dem Bundesplatz gaben alles. Natalie Imboden, grüne Grossrätin und frühere Gewerkschaftssekretärin, peitschte das Publikum auf, wie man es von ihr bisher so nicht kannte. Fakten und Forderungen folgten aufeinander wie an einem Poetry-Slam-Wettbewerb. Tamara Funiciello, Grossrätin und Präsidentin der Juso Schweiz, riss die Frauen mit ihrer leidenschaftlich und rhythmisch vorgetragenen Rede zu Begeisterungsstürmen hin. «Wir streiken nicht, weil wir nur die Hälfte des Kuchens wollen», rief sie der Menge zu, «wir wollen die ganze verfluchte Bäckerei!»

Erfolg zeichnet sich früh ab

40'000 Frauen haben in Bern am Frauenstreik teilgenommen. Die Kundgebung auf dem Bundesplatz dauerte bis nach 20 Uhr. Um diese Zeit war der Platz immer noch gut besetzt. Im Laufe des Tages hatten sich immer mehr Frauen dort eingefunden. Bereits zwei Stunden vor dem Beginn der Demonstration, die auf 17.30 Uhr angesagt war, zeichnete sich ab, dass die Veranstaltung ein grosser Erfolg werden würde.

Und als gegen 17 Uhr der rund 200 Meter lange Demonstrationszug, der bei der Reitschule gestartet war und vorwiegend aus jungen Menschen bestand, auf den Bundesplatz drängte, wurde es im westlichen Bereich richtig eng. Auf dem Bärenplatz und bis in die Spitalgasse hinein herrschte Dichtestress. Das Demo-Auto, auf dessen Dach eine junge Frau stand und mit einem Megafon sirenenartig den Tarif durchgab, musste Richtung Käfigturm ausweichen.

Polizistinnen mit lila Bändeli

Nicht nur ein Blumenladen in der Kramgasse hatte sich etwas einfallen lassen und Streiksträusse ins Sortiment aufgenommen. Sogar bei der Kantonspolizei Bern schien im Vorfeld des besonderen Tages ein Brainstorming abgehalten worden zu sein.

Das mutmassliche Ergebnis für den Tagesbefehl vom 14. Juni: «Wir schicken die Frauen hin.» Und so geschah es. Am Rand der Demo standen zuweilen sechs Polizistinnen, akkurat aufgereiht – das Hoheitszeichen auf der Uniform mit einem Streikbändeli geschmückt.

Kaum Sicht für die Kinder

  • Die Frauen hatten sich gestern in der Stadt schon früh bemerkbar gemacht.
  • Werbeplakate waren mit lila Farbe übermalt.
  • Bestehende Strassenschilder hatten über Nacht Konkurrenz erhalten. Die Nägeligasse zum Beispiel hiess plötzlich Marie-Boehlen-Gasse.
  • Beim Bahnhof verteilten schon früh am Morgen Frauen den «Füfer u ds Weggli». So brachten sie die Forderungen der Frauen unters Volk.
  • Bereits am Vormittag zogen mehrere Hundert Berner Kulturschaffende singend durch die Innenstadt.
  • Ein erster Höhepunkt war der Kinderwagenumzug, der um 10.30 Uhr beim Bärengraben startete. Tausende Frauen beteiligten sich daran. Die Kinderwagen waren zum Teil derart aufwendig dekoriert, dass das Sichtfeld für die Kinder arg eingeschränkt war.

Männer allein im Parlament

  • Um elf Uhr legten mehrere Tausend Frauen mindestens eine verlängerte Pause ein. Auch aus den Fenstern des Bundeshauses sind vorübergehend violette Tücher geschwenkt worden. Allerdings nahmen die Politikerinnen, die sich unter die Demonstrierenden mischten, nicht sehr lange am Streik teil. Regula Rytz, Berner Nationalrätin der Grünen, begründete dies schlüssig: Man wolle die Männer im Bundesparlament nicht alleine abstimmen lassen.
  • Am lauschigsten dürfte es für die Frauen auf der Kleinen Schanze gewesen sein. Dort picknickte eine Vielzahl von ihnen unter den grossen Bäumen. Am gleichen Ort machte ein Dutzend Seniorinnen mit Staubsaugern und Besen auf ihre Anliegen aufmerksam: Gleicher Lohn für Männer und Frauen verbessere auch die wirtschaftliche Situation der Frauen im Alter.
  • Von der Kleinen auf die Grosse Schanze: Dort forderten über 1000 Studierende und Angestellte der Universität von der Hochschule «ein entschlossenes Engagement für Gleichstellung».

Thun, Biel und Langenthal

Aktionen gab es auch andernorts im Kanton Bern: In Thun versammelten sich mehrere hundert Frauen auf dem Rathausplatz. In Biel fanden sich Frauen auf dem Zentralplatz zusammen. Aber auch in Burgdorf, Langenthal, Köniz und anderen Städten und Gemeinden wurden Aktionen durchgeführt.

Mit Material von Keystone/SDA

Zum Inhalt

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch