Wenig Freude trotz SRF-Zügelstopp

Nachdem der Nationalrat Druck gemacht hat, will die SRG nur noch einen Teil ihrer Berner Radiojournalisten nach Zürich zügeln. Darüber jubeln mag niemand.

Neuausrichtung beim Radiostudio Bern: Statt 170 sollen nur rund 80 Radio-Mitarbeitende nach Zürich umziehen.

Neuausrichtung beim Radiostudio Bern: Statt 170 sollen nur rund 80 Radio-Mitarbeitende nach Zürich umziehen.

(Bild: Adrian Moser)

Sophie Reinhardt@sophiereinhardt

Die neue SRF-Direktorin Nathalie Wappler ist erst 100 Tage im Amt, hat aber bereits ein neues Konzept aus dem Hut gezaubert. Die am Donnerstag von ihr präsentierte Audiostrategie bläst den Umzug des Radiostudios von Bern nach Zürich-Leutschenbach mehrheitlich ab. Die Magazinsendungen «Echo der Zeit», «Tagesgespräch» und «Rendez-vous» sowie die Inland- und die Auslandredaktionen sollen nun doch in Bern bleiben, Radio SRF 4 News hingegen nach Zürich verlegt werden.

Mit den ersten Eckpunkten der Strategie, die Wappler am Donnerstag den Mitarbeitenden vorstellte, würden nur noch rund 80 anstatt 170 Radio-Mitarbeiter nach Leutschenbach ziehen. Doch in Stein gemeisselt ist der Entscheid nicht. Bis im September soll das Konzept erarbeitet, bis Ende Jahr justiert werden, teilte Wappler am Donnerstag den Medien mit.

Die Kehrtwende kommt nicht von ungefähr. Damit reagiert die SRG auf massive Kritik aus allen politischen Lagern und auch ihrer Mitarbeitenden in Bern. Erst letzte Woche hat der Nationalrat parlamentarische Initiativen der Parteipräsidenten der SVP, der CVP, der BDP und der Grünen sowie eines Vizepräsidenten der SP angenommen, welche die SRG daran hindern wollen, einen grossen Teil des Radiostudios von Bern nach Zürich zu verlegen (der «Bund» berichtete). Nun muss auch der Ständerat über die Sache befinden. Will die SRG mit ihrem neusten Plan die kleine Kammer besänftigen? «Ich gehe davon aus, dass die SRG damit auf den Entscheid des Nationalrats reagiert», sagt der Berner Ständerat Werner Luginbühl (BDP). Wappler dementierte dies am Donnerstag, die Audiostrategie sei schon länger in Arbeit, sagte sie.

Sparauftrag für Bern

Nach Jubelbekundungen war es den Berner SRF-Mitarbeitenden am Donnerstag aber nicht. Das lag auch daran, dass die neue Direktorin mitteilte, dass am Sparziel von 3 Millionen Franken in Bern festgehalten werde. Es liege nun an der Radio-Chefredaktorin Lis Borner, Vorschläge zu liefern, wie diese Summe eingespart werden könne. «Dass es zu einem Personalabbau kommt, kann ich nicht ausschliessen», sagte Wappler.

«Es fehlt ein Grundsatzentscheid.»Martin Landolt, BDP-Präsident

Klar ist aber bereits, dass auch die Entwicklung der digitalen Audioinhalte künftig in Zürich vorangetrieben wird, womit eine in Zukunft wichtige Abteilung nicht mehr in der Bundesstadt ist. Der Sparauftrag mache ihr Sorge, teilt Regula Rytz, Nationalrätin und Präsidentin der Grünen, auf Anfrage mit. Dennoch sei der am Donnerstag kommunizierte Entscheid ein «Schritt in die richtige Richtung», so Rytz. Noch sei allerdings offen, was die neue Audiostrategie genau bedeute. Man halte an der parlamentarischen Initiative weiterhin fest.

«Halbherziger Entscheid»

Skeptisch ist man derweil bei Stadt und Kanton Bern. Beide hatten sich stets für den Verbleib des Berner Radiostudios eingesetzt. «Ich bin zum momentanen Zeitpunkt noch nicht offiziell über den Inhalt der neuen Stossrichtung informiert worden und bleibe derzeit skeptisch», sagt der bernische Regierungspräsident Christoph Ammann (SP). Er sei aber grundsätzlich froh, dass jetzt doch Bewegung in die Frage der Studioverlegung gekommen sei. «Offenbar ist man bei der SRG nach der breiten öffentlichen Diskussion und den politischen Entscheiden zur Erkenntnis gelangt, dass es bessere Lösungen gibt als die geplante Verlegung des gesamten Radiostudios von Bern nach Zürich», so Ammann.

Der Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) lässt ebenfalls mitteilen, dass noch Skepsis angebracht sei. Denn die Strategie sei doch sehr vage und vieles noch offen. «Wir müssen das gründlich prüfen, bis wir beurteilen können, ob das ein Schritt in die richtige Richtung ist», so von Graffenried. Man halte aber daran fest, dass man von der SRG ein langfristiges Bekenntnis zum Standort Bern fordere.

BDP-Präsident Martin Landolt, neben Rytz ein weiterer Urheber der parlamentarischen Initiativen, sagt, er traue dieser Sache nicht. Wenn er sehe, mit welch unglaublicher Vehemenz die SRG im Bundeshaus Lobbying betrieben habe, glaube er nicht an ein fundamentales Umdenken. «Es fehlt ein Grundsatzentscheid», sagt der Glarner Nationalrat. Der Teilentscheid erscheine ihm wie ein halbherziges, dem politischen Druck geschuldetes Bekenntnis.

Nach dem Nationalratsentscheid beteuerte SRG-Generaldirektor Gilles Marchand nämlich noch in einem Interview mit der welschen Zeitung «24 Heures», dass die Zügelaktion im öffentlichen Interesse liege. Nun wenige Tage später entschied sich der Verwaltungsrat doch dagegen. Offenbar war es die neue Direktorin Wappler, die einen Teilrückzug der umstrittenen Zügelpläne initiiert hat. Der SRG-Verwaltungsrat segnete die neue Audiostrategie am Mittwoch ab.

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