Wegen seiner Ideen wurde Henzi einen Kopf kürzer gemacht

Für fast zwei Jahrhunderte blieb das Berner Regierungsprotokoll zum Fall Henzi verschollen. Jetzt ist es wieder aufgetaucht – und wirft womöglich ein neues Licht auf die blutige Polit-Affäre von 1749.

Samuel Henzi war der Anführer der «Verschwörer».

Samuel Henzi war der Anführer der «Verschwörer».

(Bild: Staatsarchiv des Kantons Bern)

Markus Dütschler

Die «Verschwörer» wussten, wie gefährlich ihr Tun war. Darum versammelten sie sich im Schutz der Nacht erstmals am 25. Juni 1749 in der Färberei des Johann Friedrich Küpfer am Sulgenbach, damals ausserhalb der Stadt Bern gelegen. Sie bastelten weder Bomben noch schmiedeten sie Attentatspläne. Ihre Forderungen hören sich aus heutiger Sicht harmlos, ja fast banal an. Laut der Gruppe sollte eine Gemeindeversammlung das oberste Organ im Staate Bern sei. Magistratspersonen sollten vom Volk für eine Amtsdauer gewählt werden. Der Staat sollte jährlich seine Rechnung veröffentlichen, und die Archive sollten für alle einsehbar werden. Knapp 70 Personen diskutierten diese Ideen: 30 Handwerker, 12 Stadtangestellte, 7 Kaufleute, je 6 Offiziere und Studenten sowie je 3 Fabrikanten und Freiberufler.

Eher durch Zufall geriet der Theologiestudent Friedrich Ulrich in diesen Kreis, war insgeheim entsetzt und verriet ihn am 2. Juli an die Obrigkeit. Diese reagierte gnadenlos, um ein Übergreifen der gefährlichen Ideen auf das ganze Staatsgebiet im Keim zu ersticken. An die 70 Personen wurden verhaftet, nur zwei konnten fliehen. Die Verhöre begannen am 7. Juli, wobei die damals übliche Folter praktiziert wurde. Der damals 48-jährige Schriftsteller, Journalist und Pfarrerssohn Samuel Henzi wurde am 17. Juli ebenso dem Scharfrichter überantwortet wie Niklaus Wernier und Gabriel Fueter. Auf dem Gelände des heutigen Inselspitals wurden die Verurteilten enthauptet.

Protokoll Seite 28: «dem Scharfrichter übergeben». Foto: zvg / Staatsarchiv

Zweitklass-Burgerfamilien

Henzi war kein Unbekannter. 1744 hatte er eine Petition unterzeichnet, wurde deshalb des Landes verwiesen, später begnadigt. Trotzdem wurde seine Bewerbung als Bibliothekar zurückgewiesen, was ihn erzürnte. Er war nicht der Einzige, der einen Groll auf die als überkommen empfundene Ordnung hegte. Von den 350 Burgerfamilien waren nur 80 im Rat der Stadt vertreten. Die anderen, obwohl prinzipiell gleichberechtigt, waren von den lukrativen Staatsämtern ausgeschlossen. Es gärte im Staate Bern, doch sollte es bis 1798 dauern, bis das Ancien Régime im Nachhall der Französischen Revolution zusammenbrach.

«Henzi kam 50 Jahre zu früh», sagt Staatsarchivarin Barbara Studer Immenhauser, welche die Öffentlichkeit am Mittwoch über einen «spektakulären» Protokollfund informierte. Es handelt sich um das Berner Regierungsprotokoll, das die Enthauptung erwähnt. Es sei «eine kleine Sensation», dass der Protokollband fast auf den Tag genau 270 Jahre nach Henzis Hinrichtung den Weg zurück ins Staatsarchiv gefunden habe. Bereits Regierungsrat Anton Tillier, der als erster Historiker die Geschichte des Kantons Bern im 18. Jahrhundert darstellte, stellte 1834 mit grossem Bedauern fest, dass die Hauptquelle der Regierung, das geheime Ratsmanual – unauffindbar sei. Auf verschlungenen Wegen tauchte das Buch bei einem privaten Sammler auf, der es ins Internet stellte. Historiker informierten das Staatsarchiv, dass dies unter Umständen ein interessantes Dokument sein könnte. Laut Studer nahm das Staatsarchiv Kontakt mit dem Sammler auf, der schon ahnte, auf einer Trouvaille zu sitzen.

Der Umschlag des wieder gefundenen Berner Ratsprotokolls von 1749. Foto: zvg / Staatsarchiv

Schwert für «Missethäter»

Auf Anfrage sagte die Staatsarchivarin, der Protokollband sei noch nicht ausgewertet, dieser Auftrag werde aus Kapazitätsgründen wohl extern vergeben. Für den «Bund» hat sie einige Zeilen aus dem in Kurrentschrift verfassten «Actum coram 200, den 16ten July 1749» transkribiert.

Auf Seite 28 heisst es: «Und obwohlen Wir nach aller Schärfe der Constitutionen diese schweren Verbrechen mit gerechter Strengigkeit häten bestraafen können, haben Wir dennoch nach Angebohrener Unserer Mildigkeit zu Recht Erkent und Gesprochen, dass obgedachte drey Missethäter Samuel Niclaus Vernier, Samuel Henzi und Emanuel Fueter (nach zuvor gethaner empfehlung Ihrer Armen Seelen in die erbarmende Hande ihres Theüren Erlösers) zu wohlverdienter Straaf, anderen zum Abscheü und Schrecken, dem ScharfRichter übergeben, von Ihme gebunden, Oben aus auf den gewohnten Richtplatz geführt und daselbst Ihnen, und zwar erstlich dem Wernier, hernach dem Henzi und endtlich dem Fueter mit dem Schwert das Haubt abgeschlagen, dem Fueter dann auch vor seiner enthauptung die Rechte Hand abgehauen; ihre entseelte Cörper aber nachwerk an das Verschmächte Ohrt Verscharret werden sollen.»

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...