Was stört, muss weg

Poller-Kolumnist Martin Lehmann hat Angst, ein Spiessbürger geworden zu sein.

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Man weiss ja heutzutage nicht mehr genau, wann etwas Kunst ist und wann nicht, und darum kommt es immer wieder mal vor, dass zum Beispiel eine Putzfrau ahnungslos Elemente eines Kunstwerks wegmacht – unlängst passiert in einem Dortmunder Museum, wo eine Raumpflegerin ihren Job dermassen ernst nahm, dass sie unter Martin Kippenbergers Installation «Wenn’s anfängt durch die Decke zu tropfen» (ärgerlicherweise ohne Komma) die Kalkflecken am Boden wegschrubbte. Und auch Joseph Beuys musste sich Ende der Achtziger gefallen lassen, dass seine berühmte Fettecke von einer beflissenen Reinigungskraft beseitigt wurde.

Wenn wir uns aber darauf einigen könnten, dass Kunst all jenes ist, was den Blick auf die Realität verändert, an der eigenen Weltanschauung kratzt, Überzeugungen infrage stellt und sozusagen Kopf und Herz und Bauch durchrüttelt – ja, dann macht in Langnau seit Wochen ein ganz gewiefter Aktionskünstler die Runde.

Sein Werk ist simpel und perfid zugleich: Er (oder sie?) stellt nämlich seit Anfang Jahr jeden Donnerstagabend unweit unserer Wohnung einen gut gefüllten und akkurat verschnürten 35-Liter-Kehrichtsack an den Strassenrand, und zwar den richtigen Sack (den offiziellen der Gemeinde) an den richtigen Ort (beim gelben Kehrichtsymbol auf dem Trottoir).

Alles in Ordnung, möchte man meinen, zumal ein Blick durch die kleine Öffnung vermuten lässt, dass der Müll zuvor fein säuberlich getrennt wurde: Es stecken weder PET-Flaschen noch Blechdosen noch Altpapierreste im Sack . . . Die Sache ist bloss: In der Gemeinde Langnau findet die Kehrichtabfuhr am Donnerstagmorgen statt – also ziemlich genau zwölf Stunden vor des Künstlers kecken Tat. Was bedeutet: An unserer Strasse steht jeweils vom Donnerstagabend bis zum kommenden Donnerstagmorgen tage- und nächtelang ein einsamer Kehrichtsack am Wegrand.

Zuerst dachte ich ja einfach: Welcher Blödmann hat sich denn da im Wochentag geirrt? Wohl ein Zugezogener, der das gelbe Infoheft der Gemeinde noch nie gelesen hat. Aber bald merkte ich: Die Aktion hat System, da handelt einer mit Bedacht, da will jemand beim Betrachter etwas auslösen. Bei mir war das zunächst mal purer und wachsender Ärger, aber nach einigen Wochen begann ich meine Verstimmung zu hinterfragen: Was ist so schlimm an einem unzeitig rausgestellten Ghüdersack? Erinnert er nicht bloss daran, dass wir in einer unerträglichen Wegwerfgesellschaft leben? Dass unser Konsumwahn tonnenweise Abfall produziert? Dass eigentlich jedes Kilo Haushaltmüll eins zu viel ist?

Und weiter: Bin ich womöglich zu jenem Law-and-Order-Spiessbürger geworden, für den mich meine Töchter längst halten? Die hören sich ja meine regelmässigen Ermahnungen, sich gefälligst an vereinbarte Ausgangszeiten zu halten, bloss in Zimmerlautstärke Musik zu hören und ihre schmutzigen Kleider waschtemperaturgerecht zu sortieren, mit zunehmend gelangweilt-mitleidigen Mienen an: «Pa, wo isch ds Problem?»

Nun, das Problem ist: Man kann, je älter man wird, immer schlechter aus seiner Haut, und so habe ich vor drei Wochen, als ich am späten Donnerstagabend von der Arbeit nach Hause kam, den erneut zuverlässig deponierten Sack verstohlen gepackt, in unserem Keller eine Woche lang zwischengelagert und am folgenden Donnerstagmorgen kurz vor dem Auftauchen der Ghüdermannen wieder rausgestellt.

Und wissen Sie was? Seither hat der Kunstguerillero – beleidigt? befriedigt? belehrt? – seine Aktion eingestellt: Kein Sack steht mehr unzeitig und provokant am Wegrand, mein Bünzliherz klopft wieder im Takt, und in Langnau haben sich erneut Ruhe und Ordnung und tiefer Frieden ausgebreitet.

Martin Lehmann ist Redaktor bei Radio SRF2 Kultur. Er lebt in Langnau und ist Vater dreier Töchter – ein Mann vom Land mit eigenem Blick auf die Stadt.

DerBund.ch/Newsnet

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