Warum ohne AKW Mühleberg der Strom nicht ausgeht

Der Strom aus Mühleberg ist zwar rasch ersetzt, doch mittelfristig ist die vom Volk beschlossene Energiewende nicht gesichert. Was neue Ideen für den Solarausbau taugen – und warum die BKW sich dafür interessiert.

Die Solarpanels an der Hochhausfassade in Bern-West liefern ausgeglichener Strom als solche auf dem Dach.

Die Solarpanels an der Hochhausfassade in Bern-West liefern ausgeglichener Strom als solche auf dem Dach.

Simon Thönen@SimonThoenen

Wird mehr Strom importiert, wenn am 20. Dezember das AKW Mühleberg vom Netz geht?
Zumindest nicht viel. Man kennt die Situation bereits. 2015 bis 2017 war das gleich grosse AKW Beznau I fast drei Jahre lang vom Netz – weil überprüft wurde, ob der Reaktordruckbehälter auch bei Unfällen intakt bleiben würde. 2016 und 2017 importierte die Schweiz netto dann tatsächlich etwas mehr Strom, als Beznau I geliefert hätte. Doch nach der Abschaltung von Mühleberg wird die Lage anders sein. Schon 2018 wurde netto eine Strommenge exportiert, die der Hälfte des Stroms aus Mühleberg entsprach. 2020, im ersten Jahr nach der Abschaltung, dürfte sich die Lage weiter verbessert haben. Denn die Energiestrategie, die das Schweizervolk 2017 zusammen mit dem Atomausstieg gutgeheissen hat, zeigt erste Wirkungen. Der Stromverbrauch ist sogar rascher als geplant gesunken – deutlich pro Kopf der Bevölkerung, leicht insgesamt. Auch das erste Zwischenziel für zusätzlichen erneuerbaren Strom wird wohl erreicht.

Warum importiert die Schweiz dennoch Strom?
Die Schweiz ist keine Strominsel, sondern das genaue Gegenteil: eine Stromdrehscheibe für Europa. Sie importiert und exportiert riesige Strommengen. Der Umsatz entspricht der Hälfte des Inlandbedarfs (siehe Grafik unten). Vereinfacht gesagt exportiert die Schweiz im Sommer und importiert im Winter. Weil Mühleberg wegfällt, wird der Weg des Importstroms durch die Schweiz umgeleitet: Die Hochspannungsleitung Mühleberg-Bassecourt wird auf höhere Spannung aufgerüstet. Und in Mühleberg ist ein Transformator im Bau, um Importstrom wieder auf die tiefere Spannung im Versorgungsnetz des Grossraums Bern umzuwandeln. Wie viel Strom importiert werde, wisse man nicht, teilt die Netzbetreiberin Swissgrid auf Anfrage mit. Dies hänge von «Nachfrage, Marktpreisen oder Netzstabilität» ab. Dies dürfte aber nichts daran ändern, dass die Schweiz wegen der Abschaltung von Mühleberg netto kaum mehr Strom wird importieren müssen.

Ist die Energiewende auf gutem Weg?
Nicht gut genug. Mittelfristig harzt die Energiewende. So kommt der Ausbau der Windkraft kaum voran, und das Potenzial der Wasserkraft bis 2050 hat der Bund eben erst nach unten korrigiert. Die Verlierer der Volksabstimmung über den Atomausstieg sehen sich dadurch nachträglich bestätigt. «Es wird endlich klar, dass die Energiestrategie eine Importstrategie ist», kommentierte etwa FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen. Weil der Ausbau der grünen Stromproduktion in der Schweiz nur gemächlich vorankommt, investieren Schweizer Stromkonzerne, darunter die BKW, reihenweise in Windparks im Ausland. Die Baselbieter Firma Aventron baut in Spanien ein riesiges Solarkraftwerk ohne jegliche Fördergelder (in der weniger besonnten Schweiz jedoch bleibt Solarstrom auf Förderung angewiesen).

Wie kann man die Wende vorantreiben?
Einer, der auch in der Schweiz mit der grossen Kelle anrichten will, ist Roger Nordmann, Fraktionschef der SP und Präsident der Lobbyorganisation Swissolar. In seinem eben publizierten Buch «Sonne für den Klimaschutz» wirbt er für einen Mega-Ausbau der Solarenergie, der sehr weit über den Ersatz aller Schweizer AKW hinausgeht. Konkret geht es Nordmann nicht nur um die gut 20 Terrawattstunden (TWh) Strom aus den vier AKW, die nach der Abschaltung von Mühleberg verbleiben. Er will bis 2050 auch die Gebäudeheizungen und den Verkehr weitestgehend durch elektrische Wärmepumpen und Elektro-Fahrzeuge ersetzen – für den Klimaschutz. Dafür brauchte es zusätzlich 6 respektive 17 TWh Strom (siehe Grafik).

Und woher soll so viel Strom kommen?
Um diesen Bedarf zu decken, schlägt Nordmann vor, bis 2050 die riesige Menge von 40 bis 45 TWh Solarstrom zu produzieren. Das ist gut zwanzig Mal mehr als heute. Der Solarplan von Nordmann ist kühn. Umso interessanter ist die offene Reaktion der BKW darauf. Nordmann hat sein Szenario am Hauptsitz der BKW präsentiert – und offenbar einen guten Eindruck hinterlassen. «Es ist ein konstruktiver Vorschlag mit sehr interessanten Elementen», sagte BKW-Chefin Suzanne Thoma im «Bund»-Interview. Thoma nahm ihn so ernst, dass sie intern den Auftrag gab, «durchzurechnen, was dies kosten würde» (der «Bund» berichtete). Das Potenzial für Solarstrom ist riesig. Es gibt mehr als genug gut geeignete Dächer und Fassaden in der Schweiz. Die Kosten sind drastisch gefallen und sinken weiter, Opposition gegen Solarpanels gibt es kaum.

Ist so viel Solarstrom überhaupt sinnvoll?
Es gibt einen Haken: Solarstrom fällt teilweise dann an, wenn er nicht gebraucht wird. Im Winterhalbjahr, wenn der Verbrauch hoch ist, liefern die Solarkraftwerke nur etwa ein Drittel ihrer Produktion. Bei einem massiven Ausbau wird das ein grosses Problem. Nordmanns Buch dreht sich um die Frage, wie der Solarstrom besser eingepasst werden kann: So kann man die Panels von Ost nach West statt nach Süden ausrichten. Oder an die Fassade statt aufs Dach montieren, dann ist die Produktion ausgeglichener. Eine Testanlage in Davos zeigt zudem, dass in den Bergen im Winter sogar mehr Solarstrom produziert werden kann als im Sommer. Doch das reicht nicht. Nordmann schlägt eine im wörtlichen Sinn einschneidende Massnahme vor: Wenn zu viel Solarstrom auf den Markt drängt, sollen die Anlagen vom Netz abgekoppelt werden. Peak Shaving wird das genannt, auf Deutsch: Die Spitzenproduktion wird abrasiert. Das Stromnetz würde so entlastet – aber auch die Produktion würde je nach Ausmass des Abrasierens um bis zu 20 Prozent gekappt.

Besitzer von Solaranlagen müssten also auf einen Teil ihres Solarstroms verzichten?
Entweder das oder sie müssten ihren Strom zu Spitzenzeiten selber verbrauchen: mit intelligenten Steuerungen, die dafür sorgen, dass Boiler, Waschmaschinen oder Elektroautos ihren Strom zu solaren Spitzenzeiten beziehen. Oder indem sie die Spitzenproduktion in Batterien speichern. Doch häufig liesse sich das Abrasieren nicht vermeiden, und das bedeutet einen geringeren finanziellen Ertrag für die Produzenten. Es dürfte Nordmann als oberstem Solarlobbyisten nicht einfach fallen, dies den vielen kleinen Solarproduzenten zu erklären. Klar ist: Ohne entsprechende Anreize ist eine solche Umstellung kaum zu erreichen.

Warum interessiert sich ausgerechnet die BKW für eine solche Solaroffensive?
Das mag in der Tat erstaunen. Zur Erinnerung: Es war die BKW, die vor zwei Jahren die Solarstromproduzenten im Kanton Bern schockte, als sie die Abnahmetarife für Solarstrom drastisch kürzte (inzwischen hat die BKW sie wieder erhöht). Allerdings hat die BKW bereits vor Nordmann Berechnungen zu einem massiven Ausbau angestellt. «In dem von uns bislang modellierten Szenario würde die Fotovoltaik im Inland im Jahr 2035 rund 25 TWh Strom produzieren», teilt die BKW auf Anfrage mit. Dies würde die Versorgungssicherheit «leicht erhöhen», aber die Kosten für den Ausbau, auch der Stromnetze, wären «relativ hoch». Das von Nordmann vorgeschlagene Abrasieren der Solarstromspitzen «könnte jedoch die Netzausbaukosten signifikant reduzieren». Man darf gespannt sein, zu welchem Schluss die BKW nach der angekündigten detaillierten Analyse des Plans von Nordmann kommt.

Hat die BKW Eigeninteressen?
Ja, in zweifacher Hinsicht: Sie ist Netzbetreiberin, und ihre Tochterfirma BKW Building Solutions bietet auch den Bau von Solaranlagen und Lösungen für die intelligente Steuerung des Verbrauchs an.

Braucht es auch Gaskraftwerke?
Wahrscheinlich ja. Nordmann setzt auf Wärmepumpen und Elektroautos, um den CO2 von Gebäuden und Verkehr auf null zu bringen. Insgesamt gibt das dann aber doch nicht null CO2. Denn Nordmann nimmt in Kauf, dass «schlimmstenfalls» Gaskraftwerke die Winterlücke des Solarstroms decken müssten. Dafür wären 9 TWh Gasstrom nötig. Die 5 Millionen Tonnen CO2 aus Gaskraft fielen «kaum ins Gewicht», rechtfertigt sich Nordmann – wenn man dafür den heutigen Ausstoss von 31 Millionen Tonnen CO2 von Heizungen und Autos wegbringe.

Was taugt der Solarplan?
Nordmann richtet sein Szenario völlig einseitig auf den Solarstrom aus – zu einseitig. Trotz vieler Hindernisse lohnt es sich, Wind-, Wasser- oder Heizkraftwerke zu bauen, die anders als Solarstrom vor allem im Winter Strom produzieren. Aber auch wenn die Latte für die Solaroffensive wohl viel zu hoch liegt – Solarstrom hat ein grosses Potenzial. Um es auszuschöpfen, müssen staatliche Förderung und Strommarktregeln gezielt umgebaut werden – da liegt Nordmann richtig. Denn nur mit passenden Anreizen wird der Solarstrom fit für das Stromnetz.

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