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«Vom Verzichtsgedanken sollte man wegkommen»

Umweltpsychologin Bernadette Sütterlin erklärt, wie man auch Gleichgültige zu klimafreundlichem Verhalten motiviert.

Um Menschen zu umweltfreundlicherem Verhalten zu motivieren, sollte man neben dem Umweltnutzen vermehrt andere Vorteile in den Vordergrund stellen, sagt Bernadette Sütterlin.
Um Menschen zu umweltfreundlicherem Verhalten zu motivieren, sollte man neben dem Umweltnutzen vermehrt andere Vorteile in den Vordergrund stellen, sagt Bernadette Sütterlin.
Franziska Rothenbühler

Frau Sütterlin, Sie sind Umweltpsychologin: Haben die Debatten um Klima und Energiewende überhaupt Auswirkungen auf den persönlichen Umgang mit Energie?

Wenn ein Thema gerade aktuell ist, durchaus. Es ist dann im Bewusstsein präsent, und viele achten verstärkt auf ihr eigenes Verhalten. Das schwächt sich aber rasch ab, wenn das Thema oder das Ereignis aus den Schlagzeilen verschwindet. Dies auch deshalb, weil oft eine Veränderung von Gewohnheiten nötig wäre, die stark verankert sind.

In der Schweiz werden wieder grosse Autos mit hohem Verbrauch gekauft, und auch die Flugreisen nehmen zu. Wo bleibt der Klimaeffekt?

Wohin man in die Ferien geht, was für ein Auto man fährt, das sind sehr persönliche Entscheidungen, die oft auch mit kulturellem Interesse an anderen Ländern oder mit gesellschaftlichem Status verbunden sind. Wenn dem Umweltverhalten der eigene Lebensstil gegenübersteht, dann ist dieser oft wichtiger.

Andererseits gehen der Energie- und der Stromverbrauch leicht zurück. Zu gewissen Verhaltensänderungen scheint man doch bereit zu sein.

Genau. Es gibt verschiedene ­Arten von umweltfreundlichem Verhalten. Wenn man effizientere Geräte kauft, erfordert dies keine Änderung des Lebensstils. Man kauft ein Gerät, das etwas mehr kostet, aber auch weniger Energie braucht. Dies wird von den Konsumenten eher akzeptiert. Dasselbe gilt, wenn man Ökostrom kauft: Man muss sein Verbrauchsverhalten nicht ändern.

Beim Ökostrom fällt auf, dass wenige ihn aktiv wählen. Wenn aber die Versorger ihn als Normalvariante anbieten, dann verlangen auch wenige von sich aus den billigeren Graustrom.

Dies funktioniert, wenn der Konsument nur wenig Aufwand für die Entscheidfindung betreiben will. Die grosse Mehrheit der Haushalte bleibt tatsächlich beim erneuerbaren Strom, wenn er als Standardlösung angeboten wird. Das kann eine gewisse Trägheit sein. Einige gehen davon aus, dass dieser Strom von der Mehrheit konsumiert wird und deshalb auch für sie gut ist. Wichtig ist jedoch, dass der Preisunterschied zum Graustrom nicht allzu gross ist.

Gibt es andere Beispiele, wie man Konsumenten sanft zu mehr Umweltfreundlichkeit schubsen kann?

Zum Beispiel kann man in einer Mensa die vegetarischen Menüs weiter vorne platzieren. Man gestaltet die Entscheidungssituation so, dass die umweltfreundlichere Option stärker im Vordergrund ist. Der Konsument behält aber die Möglichkeit, sich auch anders zu entscheiden.

Sie haben eine Typologie der Energiekonsumenten erstellt. Welche sind am schwierigsten zu motivieren?

Das sind die Indifferenten, die sehr viel Gewicht auf Komfort legen und auch gar kein Problembewusstsein bezüglich Umwelt haben. Aber es gibt auch bei diesem Typus Ansatzpunkte. Man kann etwa das Innovative eines ökologischen Produkts betonen, vor allem wenn dies auch mit einem gewissen Status verbunden ist, so wie etwa der Tesla. Es ist aber natürlich schwieriger als bei den Idealisten, die von sich aus motiviert sind.

Was gibt es sonst noch für Konsumtypen?

Materialisten wollen sich etwa bei der Mobilität und der Ernährung nicht einschränken lassen, sind aber offen für Optimierungen wie den Kauf von Autos, die im Verbrauch effizienter sind.

Ein mögliches Problem ist der sogenannte Rebound-Effekt: Weil man sich ein effizienteres Auto gekauft hat, fährt man dann mehr.

Oder man sagt sich, ich esse kein Fleisch und leiste mir dafür einen langen Flug in die Ferien. Wenn man etwas Ökologisches tut, fühlt man sich berechtigt, sich anderswo umweltunfreundlich zu verhalten, man kauft sich moralisch frei. Solche Effekte treten vor allem bei jenen stark auf, die sich aus eher selbstbezogenen Motiven für effizientere Produkte entschieden haben, weniger bei jenen, die aus Sorge um die Umwelt handeln.

Wie kann man diese Effekte verhindern?

Das ist schwierig. Verhindern könnte man diese Tendenz zur Selbstrechtfertigung dadurch, dass ökologisches Verhalten vermehrt als normal und nicht als Ausnahme dargestellt wird. Dann berechtigt es auch weniger zu unökologischem Verhalten in anderen Bereichen.

Wenn man verzichtet, erwartet man irgendeine Belohnung.

Denkbar sind finanzielle Anreize, eine rein materielle Motivation ist jedoch nicht sehr nachhaltig. Problematisch sind auch verpflichtende Vorgaben, weil sie oft heftige Abwehrreaktionen hervorrufen. Man sollte neben dem Umweltnutzen vermehrt andere Vorteile in den Vordergrund stellen. Etwa, dass häufigeres Velofahren auch gut für die Gesundheit und finanziell günstiger ist. Auch die Aussenwirkung ist zentral. Dass man sagt, schau, wenn du ein Elektroauto fährst, dann zeigst du, dass du innovativ und technikaffin bist. Vom Verzichtsgedanken sollte man wegkommen – vielleicht indem man aufzeigt, dass weniger Konsum auch mehr Freiheit bedeuten kann.

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