Verslumung wäre übler als Gentrifizierung

Vandalen vertreiben Mieter aus der Lorraine und wollen die Aufwertung stoppen. Doch es gibt keinen Rechtsanspruch darauf, in seinem Wunschquartier günstig wohnen zu können.

Die letzte Attacke auf die Lorrainestrasse 25. Nun zieht das Start-up im Erdgeschoss aus.

Die letzte Attacke auf die Lorrainestrasse 25. Nun zieht das Start-up im Erdgeschoss aus.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Markus Dütschler

Es tönt nach einer Quartiergeschichte. Doch der Konflikt in der Stadtberner Lorraine illustriert eine Entwicklung, wie sie vielerorts im urbanen Gebiet stattfindet. Die Bewohner der Lorrainestrasse 25 erleben Unerfreuliches. Farbkleckse und eingeschlagene Fenster am Ladenlokal sagen deutlich: Hau ab. Nach dem Motto «Man schlägt den Sack und meint den Esel» ist die ganze Baute im Visier – und ihr Eigentümer, der gar nicht zum linken Lorraine-Groove passt. Die Akte werden verurteilt, manchmal auffällig zahm. Das Haus ist ein zu Stein gewordenes Symbol für Gentrifizierung, obwohl es auf einer Brache errichtet worden ist.

Die Lorraine hat sich stets verändert, ist aber noch heute durchmischt. Es wurden Wohnungen saniert und teurer vermietet. Es gibt aber auch städtische und andere Liegenschaften, die noch immer günstige Wohnungen anbieten. Die Lorraine ist kein Schickimicki-Quartier.

Veränderungen in Quartieren spielen sich in New York, Berlin oder Bern immer ähnlich ab: Arbeiterquartiere ziehen nicht nur einkommensschwache Werktätige an, sondern auch Migranten. Dann entdecken Kreative und Lebenskünstler, aber auch solvente Personen die Qualitäten des Orts, Häuser werden renoviert, In-Beizen entstehen. Nun wollen viele dort wohnen. Die Mieten steigen. Erstaunlich ist, dass dieser Prozess in der Lorraine so spät eingesetzt hat, in einem gemütlichen Quartier, wenige Busminuten vom Bahnhof entfernt.

Lorraine-Freunde könnten sich als Verein organisieren, eine Liegenschaft erwerben, sanft renovieren. Zugegeben, dies ist wegen der Milliarden der Pensionskassen, die nach Anlageobjekten gieren, ein schwieriger Weg, viel anspruchsvoller als Vandalismus. Ja, Gentrifizierung führt dazu, dass sich Menschen ihr eigenes Quartier nicht mehr leisten können. Doch es gibt keinen Rechtsanspruch darauf, in seinem Wunschquartier günstig wohnen zu können. Die Aufwertung eines Quartiers kann schmerzhaft sein. Viel schlimmer wäre aber eine Verslumung; sie schlüge alle in die Flucht, die Abwärtsspirale liesse sich kaum noch stoppen.

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