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Verdingkinder helfen sich gegenseitig

Unternehmer Guido Fluri will Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen bei der Selbsthilfe unterstützen. Als Labor dient der Kanton Bern, wo es viele Betroffene gibt.

Hilfe benötigen im Alter: Bei ehemaligen Zwangsversorgten kann das Angst auslösen.
Hilfe benötigen im Alter: Bei ehemaligen Zwangsversorgten kann das Angst auslösen.
Adrian Moser (Archiv)

Viele Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen sind über 70 Jahre alt, werden mit steigendem Alter pflegebedürftig oder brauchen Betreuung. Kontakte mit Pflegeinstitutionen, Behörden oder allenfalls Beiständen sind dann kaum zu vermeiden – können aber bei Betroffenen Ängste vor einer erneuten Abhängigkeit auslösen: Nicht selten würden sich im Alter Erfahrungen aus Kindheit und Jugend zurückmelden, führte Marcel Schenk von Pro Senectute Kanton Bern am Donnerstag aus.

Für Guido Fluri ist es deshalb an der Zeit, erneut zu handeln: «Wir haben in den letzten Wochen viele Gespräche geführt und dabei gemerkt: Die Hilfe muss weitergehen», sagte der Urheber der Wiedergutmachungsinitiative an einer Medienorientierung. Das Aufarbeiten von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981 geht für ihn in eine neue Phase.

Jetzt gehts um Selbsthilfe

Nach den Solidaritätsbeiträgen seien als Nächstes Hilfestellungen für ein selbstbestimmtes Altern nötig, so Fluri. Sein Ziel ist es, Personen, die früher aufgrund fürsorgerischer Zwangsmassnahmen fremdbestimmt waren, ein erneutes Gefühl des Ausgeliefertseins zu ersparen. Dafür hat sich der im Kanton Zug tätige Unternehmer mit der Pro Senectute des Kantons Bern in Verbindung gesetzt, und dies nicht zufällig: Ein grosser Teil, nämlich 20 Prozent, der rund 9000 beim Bund eingegangenen Gesuche für einen Solidaritätsbeitrag stammen aus dem Kanton Bern. Sie wurden von ehemaligen Verding- oder Heimkindern eingereicht sowie von Personen, die ohne Gerichtsbeschluss in Anstalten administrativ versorgt worden waren. Beiträge erhalten Opfer dieser fürsorgerischen Zwangsmassnahmen oder Fremdplatzierungen.

«Wir haben viele Gespräche geführt und gemerkt: Die Hilfe muss weitergehen.»

Guido Fluri, Urheber der Wiedergutmachungsinitiative

Im Kanton Bern will Fluri deshalb ein Pilotprojekt starten und dieses später zu einer grossen nationalen Unternehmung ausweiten. Geplant ist, dass die bernische Pro Senectute nächstes Jahr auf Betroffene zugeht, mit ihnen bespricht, welche Hilfe nötig ist, und sie zu Betreuerinnen und Betreuern ausbildet – Schenk und Fluri sprechen von «Caregivers». Einerseits geht es bei diesem Projekt um Selbsthilfe: Betroffene sollen andere Betroffene unterstützen, beraten und besuchen. Sie sollen andererseits aber auch Pflege- und Betreuungspersonen sowie Beistände sensibilisieren, damit diese um Ängste oder Bedürfnisse Betroffener wissen. Im Januar will Pro Senectute Kanton Bern ein entsprechendes Konzept erstellen, dann die Ausbildung für Caregivers konzipieren, diese schulen und begleiten. Die Rede ist von fünf bis zehn Personen. Die Guido-Fluri-Stiftung übernimmt die Initiierungskosten der Pro Senectute. Ob und wie Caregivers entschädigt werden, ist noch offen.

Susanne Kuster vom Bundesamt für Justiz begrüsst das Projekt: «Betroffene wissen selbst am besten, was ihnen hilft», sagte sie am gestrigen Medienanlass.

Auch auf Bundesebene

Auf Bundesebene gehen die Bestrebungen in die gleiche Richtung. Am Mittwoch teilte der Bundesrat mit, nach den Solidaritätsbeiträgen liege der Fokus nun auf Selbsthilfegruppen, wie das im entsprechenden Gesetz vorgesehen sei. Um diese Selbsthilfe zu stärken, will die Finanzkommission des Ständerates in den kommenden Jahren jährlich zwei Millionen Franken ins Budget aufnehmen.

Bei den Solidaritätsbeiträgen ist der Bund auf Kurs. Er wird bis Ende Jahr und damit ein Jahr früher als gesetzlich verlangt die Gesuche prüfen und bis im Frühling alle Beiträge auszahlen. Mit dem Rest der eingeplanten 300 Millionen Franken will der Bundesrat Gesuchseingaben nach Ablauf der bisher gesetzten Frist berücksichtigen, sofern das Parlament dies ermöglicht.

Gedenkstätte in Bern

Im Kanton Bern waren Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen diese Woche auch im Grossen Rat ein Thema. Aufgrund eines SP-Vorstosses hat das Kantonsparlament den Regierungsrat beauftragt, Möglichkeiten einer Gedenkstätte zu prüfen. Deutlich weiter geht ein Anliegen der Stadtberner SP/Juso-Fraktion: Im Oktober reichte sie eine Motion ein, in der sie einen Ort der Geschichte für Zwangsversorgte in Bern fordert, wie ihn eine unabhängige Expertenkommission empfiehlt. Wird die Motion überwiesen, hat der Gemeinderat den Auftrag, eine Liegenschaft zu suchen und eine Trägerschaft für ein «Haus der anderen Schweiz» aufzubauen, in dem die Zwangsversorgung thematisiert wird. Die Experten haben einen Bericht über die administrative Versorgung erstellt, den der Bundesrat am Mittwoch zur Kenntnis genommen hat. Auch sie kommen zum Schluss, dass mit den Solidaritätsbeiträgen das Aufarbeiten noch nicht abgeschlossen ist.

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