«Unternehmenskultur spielt eine wichtige Rolle»

Wenn Arbeitnehmer häufig krank sind, ist das auch eine Frage der Vorgesetzten, sagt Expertin Chantal Beyeler.

Chantal Beyeler ist Betriebswirtin mit Wirtschaftspsychologie MAS bei A & O, Büro für Arbeitspsychologie und Organisationsberatung in Bern.

Chantal Beyeler ist Betriebswirtin mit Wirtschaftspsychologie MAS bei A & O, Büro für Arbeitspsychologie und Organisationsberatung in Bern.

(Bild: zvg)

Markus Dütschler

Eine Studie zeigt, dass städtische Beamte in St. Gallen viel weniger krank sind als ihre Kollegen in Genf. Auch gehen sie später in Pension. Welchen spontanen Schluss ziehen Sie aus diesen Angaben?
Aus meiner Erfahrung ist beim Vergleich von Kennzahlen im Kontext Arbeit und Gesundheit stets Vorsicht am Platz, da es in den Organisationen unterschiedliche Voraussetzungen gibt. Man müsste wissen, wie Absenzen erfasst werden, ob es eine Taggeldversicherung gibt oder ob ein Case Management besteht. Bei der Pensionierung ist es ähnlich: Die Ausgestaltung des Vorsorgereglements beeinflusst den Zeitpunkt der Pensionierung stark.

Ob man sich krank oder arbeitsfähig fühlt, ist auch eine Frage der eigenen Befindlichkeit. Wie reift ein solcher Entschluss beim Arbeitnehmer?
Aus meiner Sicht ist dies kein bewusster Entscheid des Arbeitnehmenden. Nebst dem Krankheitsverlauf spielen auch andere Faktoren eine Rolle, wie etwa Unternehmenskultur, Arbeitsbedingungen oder Arbeitsklima.

Es gibt Firmen oder Verwaltungen, die einfach warten, bis jemand nach einer Krankheitsabwesenheit wieder zur Arbeit erscheint. Wie sieht ein aktives und professionelles Gesundheitsmanagement aus?
Ein betriebliches Gesundheitsmanagement, abgekürzt BGM, sollte auf verschiedenen Ebenen ansetzen. Das sind einerseits Gesundheitsförderung und Prävention, Früherkennung und Rehabilitation. Es gibt aber anderseits eine Verhaltens- und Verhältnisebene. Die Führung spielt in Bezug auf die Gesundheit der Belegschaft eine bedeutsame Rolle, unter anderem durch die Vorbildfunktion. Gesundheitsfördernde Beziehung zu den Mitarbeitenden bedeutet vor allem, eine vertrauensvolle und wertschätzende Beziehung zu ihnen aufzubauen und zu pflegen.

«Es ist eine Führungsaufgabe, mit erkrankten Mitarbeitenden in Kontakt zu bleiben»

Vordergründig geht es ums Geld. Um welche anderen Aspekte geht es sonst noch?
Gesundheit ist nicht bloss die Abwesenheit von Krankheit. Gesundheit und Wohlbefinden wirken sich auf die Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft aus. Diese Faktoren wiederum beeinflussen Effizienz, Produktivität, Motivation, Zufriedenheit und Fluktuation. All dies ist für den Unternehmenserfolg wichtig.

Wenn die Personalabteilung bei kranken Mitarbeitern zu Hause anruft oder diese besucht, kann man dies als Fürsorglichkeit verstehen, aber auch als Eingriff in die Privatsphäre. Wo liegt das «richtige» Mass bei solchen Aktionen?
Nicht das HR sollte anrufen, sondern die jeweilige Führungsperson. Es ist eine Führungsaufgabe, mit erkrankten Mitarbeitenden in Kontakt zu bleiben und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Das ist im Grundsatz wichtig, richtig und wertschätzend und wird auch so wahrgenommen, wenn im Betrieb eine vertrauensvolle Kultur herrscht. Zeichnet sich diese durch Angst und Misstrauen aus, können solche Kontaktaufnahmen als Kontrolle wahrgenommen werden.

Gibt es zu viele Frühpensionierungen, wirft dies gemäss Studie auch ein schiefes Licht auf die Betriebskultur. Warum?
Der Zeitpunkt ist stark von den jeweiligen Leistungen beim Altersrücktritt abhängig. Sind diese grosszügig ausgestaltet, gehen die Mitarbeitenden tendenziell früher. Aber auch die persönliche Situation spielt eine Rolle. Wie ist das Arbeitsklima? Hat die Person eine interessante Aufgabe? Wird ihr Beitrag geschätzt und anerkannt?

Sie kennen die Arbeitswelt aus eigener Erfahrung und beraten heute Unternehmen. Wie offen ist die Wirtschaft für modernes Gesundheitsmanagement?
Wenn eine Geschäftsleitung ganzheitlich denkt und den Menschen als Erfolgsfaktor für ein Unternehmen versteht, wird sie auch den Nutzen eines BGM erkennen. Dies gehört dann zum Selbstverständnis und fliesst in alle relevanten Themen und Prozesse ein.

Was sagen Sie zum Klischee des faulen Beamten, der länger fehlen kann, weil es in der Verwaltung gemütlich zugeht?
In meinem Menschenbild sind Menschen von sich aus motiviert und nicht «von Natur aus faul». Rahmenbedingungen können sich darauf fördernd oder hemmend auswirken.

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