Nachts müssen die Glocken schweigen

Weil sich einzelne Anwohner beklagten, verzichtet die Berner Friedenskirche auf die nächtlichen Glockenschläge. Sie ist nicht die einzige: In der ganzen Stadt läutet es immer seltener.

Die Glocken der Friedenskirche im Berner Mattenhofquartier läuten seit Anfang August nur noch bis 22 Uhr.

Die Glocken der Friedenskirche im Berner Mattenhofquartier läuten seit Anfang August nur noch bis 22 Uhr. Bild: Franziska Rothenbühler

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Nun gibt sich auch die Berner Friedenskirche geschlagen. Schon vor Jahren hatten sich einzelne Bewohner im Mattenhof wegen des nächtlichen Geläuts beklagt und verlangt, die viertelstündliche Zeitansage zu streichen. Die Kirchgemeinde stellte sich jedoch auf den Standpunkt, dass es sich bei dem Glockenschlag – im Gegensatz etwa zum Läuten für das Gebet oder Hochzeiten – um ein bürgerliches Geläut handle. Und dafür seien die politischen Behörden zuständig.

Diese spielten den Ball jedoch zurück: «Im April kontaktierte uns dann die Gewerbepolizei, dass wir eine einvernehmliche Lösung finden sollten», sagt Kirchgemeinderatspräsident Robert Ruprecht. Damit sei die Rückendeckung durch die Stadt weggefallen. Nun gibt die Friedenskirche nach und geht sogar noch einen Schritt weiter: Seit Anfang August läuten ihre Glocken in der Nacht gar nicht mehr.

«Akt der Barmherzigkeit»

Die Abschaffung des nächtlichen Glockenschlags spaltet die Anwohner. Ein Rundgang im Quartier zeigt: Bei vielen Nachbarn stösst das Verstummen der Glocken auf Unverständnis. Gerade wenn man nicht schlafen könne, so eine ältere Frau, sei es für sie beruhigend, den Glockenschlägen zu lauschen. Eine andere Frau ärgert sich mehr über das morgendliche Geläut am Wochenende. Eine Familie sitzt in unmittelbarer Nähe der Kirche im Garten beim Mittagessen. Freuen sie sich über das Ende der nächtlichen Ruhestörung? Sie hätten wegen der Kirche nie Schlafprobleme gehabt, so die Antwort der Mutter. «Man zieht ja auch nicht neben eine Autobahn und beschwert sich dann über den Verkehrslärm», sagt der Vater.

Hocherfreut ist natürlich der Anwohner, welcher sich schon vor Jahren bei der Kirche wegen der Glockenschläge beklagte. «Jetzt wird die Friedenskirche endlich ihrem Namen gerecht», jubelt er. Den Entscheid des Kirchgemeinderats, auf die nächtlichen Glockenschläge zu verzichten, nennt er gar einen «Akt der Barmherzigkeit». Die Frage, warum er als lärmempfindlicher Mensch in die Nähe einer Kirche gezogen sei, bezeichnet das Lärmopfer «angesichts der herrschenden Wohnungsnot» in der Stadt als «zynisch». Und was sei eigentlich mit den Neugeborenen?

Politische Angelegenheit

In Bern haben die katholischen Kirchen ihr Geläut in der Nacht schon seit längerer Zeit eingestellt – viele von ihnen verfügen ohnehin über kein Uhrwerk. Aber auch die überragende Mehrheit der reformierten Kirchen Berns sind mittlerweile in der Nacht verstummt (siehe Grafik). Die Kirchen scheinen damit einem gesteigerten Ruhebedürfnis der Städter Rechnung zu tragen.

So lassen die reformierten Kirchen in Bern läuten. Zum Vergrössern der Grafik draufklicken.

Auch noch die letzen Kirchen in der Nacht zum Schweigen zu bringen, ist das Ziel von GFL-Stadtrat Marcel Wüthrich. «Für mich steht der Gesundheitsaspekt im Vordergrund», sagt er. Letztlich gehe es um eine Güterabwägung: «Wenn die Schlafqualität von Lärmbetroffenen massiv verbessert werden kann, so muss dies höher gewichtet werden als das Empfinden von Menschen, für die das nächtliche Geläut für ein heimeliges Gefühl sorgt.»

In einer im Stadtrat eingereichten Motion fordert Wüthrich ein grundsätzliches Verbot des nächtlichen Geläuts und «insbesondere der Verzicht auf den viertelstündlichen und den stündlichen Zeitschlag». Davon betroffen wäre etwa die Johanneskirche im eher ruhigen Breitenrainquartier. Sie ist neben der Heiliggeistkirche die einzige Kirche der Stadt, welche auch in der Nacht alle Viertelstunde die Zeit schlägt. Es habe in den 30 Jahren immer mal wieder Reaktionen gegeben, sagt der dortige Pfarrer Jürg Liechti – positive wie negative. «Natürlich kann man sich darüber streiten, ob es den nächtlichen Viertelstundenschlag wirklich braucht», sagt der Pfarrer. Schade fände er es aber, wenn es gar keinen Stundenschlag mehr gäbe. «Das Glockengeläut gehört zu unserer Kultur und ist für mich auch eine Art Weckruf.»

Schutz vor Glockenschlag

Jedenfalls lehnt der Gemeinderat die Motion von Wüthrich ab und verweist dabei auf ein Urteil des Bundesgerichts: Der Tradition des nächtlichen Glockenschlags sei mehr Gewicht beizumessen als dem subjektiven Lärmempfinden der Betroffenen, urteilte das Gericht 2017. Zudem ist der Gemeinderat der Ansicht, dass sich «entgegen den Aussagen des Motionärs die Problematik des nächtlichen Glockenschlags eher entschärft als verschärft hat». Zuletzt aktiv wurde die Stadt 2011 im Länggassquartier. Anwohner beklagten sich über das nächtliche Geläut der Pauluskirche. Nach umfangreichen Messungen empfahl das Amt für Umweltschutz, zum «Schutz der Bevölkerung» die Beschränkung der «Glockenschlagereignisse» ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Seitdem herrscht Ruhe.

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Erstellt: 22.08.2018, 06:34 Uhr

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