Zwei Welten auf einem Planeten

Der 58-Jährige Bernhard Wissler repariert Rollstühle und schickt sie nach Äthiopien. Seine Berufung entdeckte der Berner zufällig.

Bernhard Wissler in seiner Werkstatt in Interlaken.

Bernhard Wissler in seiner Werkstatt in Interlaken. Bild: Adrian Moser

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In Addis Abeba bricht ein neuer Tag an. Ein junger Mann sitzt am Bettrand und zieht sich an, um Basketball spielen zu gehen. Er wirkt sportlich und voller Tatendrang. Erst als er nach draussen geht, sieht man sein Handicap: Er bewegt sich in der Hocke fort, seine Arme benutzt er, um die Beine nach vorne zu schieben. Vor der Tür steht jedoch das Utensil, das ihm ein annähernd normales Leben ermöglicht: ein Rollstuhl, den er von der Rollstuhlwerkstatt des Berner Vereins Addis Guzo erhalten hat.

Die Szene stammt aus einem Video auf dem Laptop von Bernhard Wissler, der zusammen mit seiner Frau Christine Oberli hinter dem Projekt Addis Guzo steckt. Der Verein wurde 2010 in Bern ins Leben gerufen und ist in der Schweiz als gemeinnützige Organisation anerkannt.

Obwohl es zu Anfang überhaupt nicht der Plan gewesen war, baute Wissler in Äthiopien seine eigene Rollstuhlwerkstatt auf, in welcher gebrauchte Rollstühle aus der Schweiz umgebaut, angepasst und repariert werden – das Projekt Addis Guzo. Die Unterstützung seiner Frau betont Wissler als ganz zentrales Element: «Ohne sie hätte ich es nie geschafft.» Denn auch der Kampf mit den lokalen Behörden, bis die Organisation anerkannt wurde, war extrem schwierig. 2012 konnte die Werkstatt endlich eröffnet werden. «Hätten wir das alles vorher gewusst – wir hätten es nicht gemacht», sagt Wissler.

Das Projekt beschränkt sich aber schon lange nicht mehr auf die Rollstuhlwerkstatt. Mittlerweile ist ein ganzes Zentrum für Menschen mit Behinderungen entstanden: Es wird genäht, Kerzen gezogen, Puppen produziert und getöpfert. Zu der ganzen Arbeit kommt noch Sport und Spass hinzu: ein Platz, wo die Menschen Rollstuhl-Basketball spielen können. Dass der gelernte Elektronikmechaniker und Ergotherapeut einmal in Äthiopien ein Zentrum für Menschen mit Behinderungen aufbauen würde, hätte er im Traum nicht gedacht. «Wir sind eigentlich völlig naiv in dieses Projekt eingestiegen.»

«Hätten wir das alles vorher gewusst – wir hätten es nicht gemacht.»

Würde Wissler sein Engagement als Entwicklungshilfe bezeichnen? «Das ist ein zu starkes Wort», sagt er. Er nennt sein Projekt lieber «Katastrophenhilfe», denn in Äthiopien sei die Versorgung mit Rollstühlen katastrophal. Wissler beschreibt die Situation vor Ort so: Manche Menschen leben mit extremen Verkrümmungen der Wirbelsäule oder kriechen auf dem Boden, weil die Beine gelähmt sind. Einige sind durch ihre Behinderung so stark eingeschränkt, dass sie von Verwandten herumgetragen werden müssen.

Diesen Zuständen will Addis Guzo mit Rollstühlen und Therapie entgegenwirken. Was hebt das Hilfsprojekt von anderen ab? «Dass wir die Rollstühle nicht nur abgeben, sondern auch reparieren. So gewährleisten wir einen langjährigen Einsatz», sagt Wissler. Andere Organisationen arbeiteten mit Billigmaterial aus China, das schnell kaputtginge. Um den Weiterverkauf der Rollstühle zu verhindern, bekommt jedes Produkt eine Nummer, wird fotografiert und in einer Datenbank registriert. Wer Ersatzteile weiterverkauft, wird schnell entlarvt und erhält keinen neuen Rollstuhl.

Für immer in Afrika zu bleiben, kam für Wissler nicht infrage. «Es sind für mich zwei Welten auf einem Planeten», sagt er. Von Beginn an sei es der Plan gewesen, das Zentrum einem einheimischen Projektleiter zu übergeben. Mittlerweile läuft das Zentrum autonom mit der Unterstützung von Wissler und Oberli aus der Schweiz. In Interlaken hat Wissler mit dem neu gegründeten Verein Rollaid und dem Partnerbetrieb Qualifutura eine Werkstatt aufgebaut, die Rollstühle und Ersatzteile sammelt, repariert und nach Äthiopien schickt. Recycling ist für Wissler eine Art Leidenschaft geworden: Beinahe das ganze Material der Werkstatt ist aus zweiter Hand.

In Interlaken hat sich bereits ein Haufen Material angesammelt. Die einzigen elektrischen Teile sind die robusten Zuggeräte. Bewusst werden keine elektrischen Rollstühle nach Addis Abeba geschickt, denn dort würden die Mittel fehlen, die defekte Elektronik zu reparieren. Nur wer eine weite Distanz zur Arbeit zurücklegen müsse, erhalte so ein luxuriöses Zuggerät. Zum Schluss: Was bedeutet eigentlich Addis Guzo? Wissler schmunzelt. Es sei ein Ausdruck in Amharisch, einer Sprache Äthiopiens. Es bedeutet «neue Reise» oder «neue Fahrt». (Der Bund)

Erstellt: 04.06.2018, 06:34 Uhr

600 Rollstühle pro Jahr

Jahr 2017 hat Wissler zusammen mit seiner Frau und dem Partnerbetrieb Qualifutura das Projekt Rollaid auf die Beine gestellt. Zusammen betreiben sie eine Rollstuhlwerkstatt in Interlaken, in der Jugendliche und junge Erwachsene arbeiten können, die Probleme im Berufsleben haben.

In der Werkstatt werden Rollstühle gesammelt, repariert und wieder aufbereitet, um sie Menschen mit Behinderungen in Äthiopien abzugeben. Die alten Rollstühle erhält Rollaid unter anderem von Hilfsmitteldepots der Invalidenversicherung (IV), von Spitälern, Altersheimen und Privatpersonen. Da die Werkstatt kein Geld einnimmt, ist das Projekt auf Spenden angewiesen. Die aufbereiteten Rollstühle werden in kostengünstigen Containern, die noch für eine letzte Fahrt zugelassen sind, nach Afrika verschifft.

Pro Jahr kann der Verein etwa 600 Rollstühle in Äthiopien abgeben. Aber gemäss der Weltgesundheitsorganisation WHO ist etwa ein Prozent einer Bevölkerung auf einen Rollstuhl angewiesen. Auf über 100 Millionen Äthiopierinnen und Äthiopier kämen daher eine Million benötigter Rollstühle. (crt)

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