In die Agglo – aus Zufall

Städtisch verordnete Belebung und Aufwertung kann die Kreativität behindern. Entscheidend ist das passende Areal. Dieses findet sich häufig auch ausserhalb der Stadt Bern.

Dan Hodler zog von der Länggasse nach Zollikofen.

Dan Hodler zog von der Länggasse nach Zollikofen. Bild: Franziska Rothenbühler

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Die Aufwertung des öffentlichen Raums hat für Städte manchmal auch unerwünschte Nebenwirkungen. Die Lebensqualität ist zwar hoch, doch der Platz für Innovationen schwindet: mit der Folge, dass Start-ups und Jungunternehmen in die Agglomeration abwandern. Für die Forscherin Marta Kwiatkowski vom Gottlieb-Duttweiler-Institut besteht die Gefahr, dass die Stadtzentren zu teuer und zugleich zu stark reglementiert werden («Bund» vom 16. 6.).

Bücherschränke, Billardtische, bunte Möbel und Gemüsebeete machen die Stadt Bern zunehmend zu einem Freiluft-Wohnzimmer. Gibt es darin noch genügend Platz für eigene, kreative Ideen? Die für den öffentlichen Raum in Bern zuständige Gemeinderätin Ursula Wyss (SP) sagt Ja. Das beschriebene Phänomen betreffe eher Grossstädte wie zum Beispiel New York. Bern sei von dieser Tendenz kaum betroffen.

Zufällig ennet der Grenze

Wer aus der Stadt Bern wegzog, tat dies nicht selten auch deshalb, weil sich ihm eine gute Gelegenheit ausserhalb bot. Zum Beispiel das Kulturzentrum Heitere Fahne in Wabern am Fuss des Gurtens: Sie und ihr Partner hätten die leere Wirtschaft auf dem Familienspaziergang entdeckt, sagt Mitgründerin Rahel Bucher. «Das Haus war perfekt, um mit unserem Kollektiv einen gemeinsamen Traum zu verwirklichen.» Doch hätten sie zuvor nicht aktiv nach einem Gebäude gesucht.

Die Heitere Fahne in Wabern hat sich als Kulturzentrum etabliert. Foto: Adrian Moser

Zudem fühle sich die Heitere Fahne der Stadt Bern sehr nahe. Rund 90 Prozent des Publikums und die meisten Kulturschaffenden seien Stadtberner. «Unser Haus ist nur 100 Meter von der Gemeindegrenze entfernt», sagt sie.

Auch Dan Hodler ist mit seinem Secondhand-Möbelladen Quadrat eher zufällig in Zollikofen gelandet. Sein Mietvertrag in der Länggasse lief nach 17 Jahren aus und das Haus in Zollikofen, wo er bereits ein kleines Möbellager hatte, wurde frei. «Es war die Gelegenheit», sagt Dan Hodler. Er habe das Haus im Rohbau, also günstig, mieten können. Allerdings habe er für den Innenausbau viel investieren müssen. «Das ging, weil wir einen Vertrag auf 20 Jahre erhielten.» Das Haus war so gross, dass neben den Möbeln, einer Reparaturwerkstatt und einem Architekturbüro auch noch ein Restaurant Platz hatte. Daher holte er Wirte ins Boot, die zwischen seinen Möbeln ein Restaurant führen.

Für Beizen ist Bern besser

Allerdings schreibe das Restaurant auch nach acht Jahren noch rote Zahlen, sagt Dan Hodler. Tobias Roder, der es führt, bestätigt die Schwierigkeiten. Das Restaurant sei vor allem mittags gut besucht, weil es rundherum viele Berufstätige gebe. Es lohne sich aber nicht, das Lokal auch abends oder am Wochenende regulär zu öffnen, sagt Roder. «Die Berner kommen eher nicht nach Zollikofen, und die Zollikofner gehen nach Bern in den Ausgang.» Darum wird das Restaurant oft an geschlossene Gesellschaften vermietet.

Roder will sich nicht beklagen. Er habe Dan Hodler kennen gelernt und sei im Quadrat eingestiegen. Aber die Agglomeration habe er nicht bewusst gesucht. Falls er ein neues Restaurant eröffnete, würde er dies in der Stadt tun. «Es hat dort mehr Leben, und das bringt Umsatz.» Zudem sei die Berner Gewerbepolizei sehr hilfsbereit und lösungsorientiert. Roder spricht aus Erfahrung. Er hat den Wartsaal in der Lorraine mitgeführt.

Dan Hodler kann der Agglomeration jedoch einiges abgewinnen. Für private Veranstaltungen mit lauter Musik liege das Lokal zwischen Bahngleisen und Hauptstrasse ideal, da keine lärmempfindlichen Nachbarn gestört würden. Und die Lage an der Hauptstrasse sei für den Möbelverkauf ebenfalls positiv. «Wenn die Leute mit dem Auto zur Ikea fahren, halten sie oft auch bei uns», sagt er.

Hodler führt in Zollikofen zudem ein Architekturbüro, das sich unter anderem auf Umnutzungen spezialisiert hat. Dabei gehen die Architekten oft den umgekehrten Weg. Statt aus alten Wohnungen Büros, machen sie aus leeren Büros Wohnungen. An verschiedenen Orten planen Dan Hodler und sein Team, ganze Bürohäuser in moderne Projekte für neue Wohnformen umzunutzen. «Dafür bietet die Agglomeration mehr Möglichkeiten als die Stadt», sagt er. Denn der Renditedruck auf Boden und Häuser sei hier nicht so hoch wie dort. «Und es hat noch mehr brachliegende Bürokomplexe.»

Innovation braucht Biss

Doch Hodlers Aussagen lassen sich nicht so ohne weiteres verallgemeinern. Seine Möbel könnte er auch in der Stadt verkaufen, und das Architekturbüro ist an keinen Ort gebunden. Umnutzungen und innovative Projekte gibt es in Bern fast überall dort, wo ein entsprechendes Gebäude leer wird.

Manchmal entstehen sie auf Initiative der Bevölkerung wie etwa in der alten Feuerwehrkaserne Viktoria. Manchmal beleben Schulen vorübergehend leere Häuser wie die Hochschule der Künste das Swisscom-Hochhaus an der Grenze zu Ostermundigen.

Und zuweilen entstehen aus kleinen Projekten grosse. Zum Beispiel das Co-Working-Projekt Effinger. Es begann vor vier Jahren mit vier Menschen und einem Traum.

Das Co-Working-Projekt Effinger in Bern ist stark gewachsen. Foto: Adrian Moser

Heute arbeiten, lernen und wohnen an der Effingerstrasse 10 rund 100 Personen aus unterschiedlichsten Berufen. Und aus einem 25 Quadratmeter grossen Raum wurde ein vierstöckiges Haus mit Kaffee-Bar im Stadtzentrum. Das sei nicht geplant gewesen, sondern nach und nach geschehen, sagt Mitbegründer Matthias Tobler. «Denn Innovation ist evolutionär.» Mit jedem zusätzlichen Raum seien weitere Ideen und Konzepte dazugekommen. Auch die Reglementierungen, etwa für die Kaffee-Bar, seien kein Hindernis.

Jungunternehmer wünschten sich zwar einen Freipass, um ihre Ideen zu testen, sagt er. «Aber Innovation braucht vor allem mutige Leute mit genug Biss.» Wer das habe, setze seine Ideen trotz aller Hürden um. Auch in der Stadt. (Der Bund)

Erstellt: 27.06.2018, 06:35 Uhr

Standortfrage: Wachsende KMU ziehen in die Agglo

In der Stadt Bern ist vor allem das mittelgrosse Gewerbe unter Druck, zum Beispiel die Bäckereien. Als einer der letzten ist der Ängelibeck aus der Stadt nach Köniz gezogen, nachdem er keine Bewilligung erhielt, eine ehemalige Kaffeerösterei im Mattenhofquartier umzubauen. Zuvor sind bereits Beeler nach Köniz und Reinhard nach Bolligen gezogen.

Und die traditionsreiche Konditorei Tschirren ist schon seit 19 Jahren eine Belperin. Vor allem wachsende KMU finden in der Stadt oft nicht mehr genug Platz. Aber auch ganz Grosse zieht es weg. Die Schweizer Bank UBS wird voraussichtlich nächstes Jahr in Biel ein sogenanntes Business Solution Center eröffnen. Hier werden Aufgaben ausgeführt, die ohne Kundenkontakt auskommen. Es ist das dritte Center, das die UBS ausserhalb von Zentrumsregionen wie Zürich, Bern oder Lugano eröffnet. Letztes Jahr eröffnete sie das Center in Schaffhausen. Ein weiteres befindet sich in Manno im Tessin. Ein Teil der Stellen wird von Zürich und Bern in die neuen Zentren transferiert. Damit will die UBS vor allem Kosten sparen. Mieten, Löhne und anderes sind dort tiefer als im Wirtschaftszentrum Zürich. Der Umzug nach Biel soll der Bank Einsparungen von 12 bis 20 Prozent bringen. Trotzdem seien die gewählten Standorte Zentren wie Bern und Zürich nahe, sagt Sprecher Igor Moser. (nj)

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