Zunft beschildert ihren «Mohren»

Nach einem Streit um rassistische Symbolik zieht die Zunft zum Mohren Konsequenzen und montiert Infotafeln. Kritiker fordern aber eine Grundsatzdebatte.

Opfer einer Symbolpolitik oder doch Sinnbild für strukturellen Rassismus? Die Mohrenfigur in der Kramgasse.

Opfer einer Symbolpolitik oder doch Sinnbild für strukturellen Rassismus? Die Mohrenfigur in der Kramgasse.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Es ist zwei Jahre her, da sorgte ein Vorstoss der Stadtberner SP für Furore: Die Symbole der Zunft zum Mohren seien rassistisch und sollen allenfalls entfernt werden, wenn sich keine andere Lösung finden lasse. Streitgegenstand ist das Abbild eines dunkelhäutigen Mannes mit schwulstigen Lippen, grossen Ohrringen und exotisch anmutendem Federschmuck.

Rolf Henzi, der Präsident der Zunft, hat nun die Konsequenzen gezogen: «Wir haben durchaus festgestellt, dass man unser Mohr-Wappen teilweise als rassistisch aufgefasst hat.» Künftig sollen daher Infotafeln am Gesellschaftsgebäude an der Rathausgasse die Herkunft und Bedeutung des Wappens erklären. «Es ist ein historisches Zeichen. Man muss es im Kontext der Zeit verstehen, in der es entstanden ist, um Missverständnisse zu klären», sagt Henzi. Die Tafeln wolle man in den Laubenbögen des Zunfthauses aufhängen. Ein entsprechendes Baugesuch ist eingereicht.

Es sei schwierig gewesen, sich auf einen Inhalt festzulegen: «Man kann da keinen Roman draufschreiben. Hinzu kommt, dass wir nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch und Französisch informieren wollen», sagt Henzi. So sollen schliesslich je einige Sätze in den drei Sprachen dort stehen (siehe Kasten). Auf der Website wollen die Zünftler dann einen detaillierteren Text publizieren.

Zunft soll «breiten Dialog» führen

Den Stein ins Rollen gebracht haben die SP-Stadträte Halua Pinto de Magalhães und Fuat Köçer. Mit ihrem Vorstoss traten sie einen Historikerstreit über die Kolonialgeschichte der Schweiz los: Die Kritik an solchen Figuren sei blosse «Symbolpolitik» und lenke von viel gravierenderen Problemen des realen Rassismus in der Schweiz ab, fanden die einen. Die Mohrensymbole seien Teil der strukturellen Diskriminierung, in der der alltägliche Rassismus gedeihe. Berns Altstadt müsse «dekolonisiert», die Wappen und Figuren neu gestaltet werden, fanden die anderen.

Pinto hat sich der zweiten Meinung verschrieben. «Ich bin froh, haben sich die Zünftler mit dem Thema beschäftigt und eingesehen, dass ihr Symbol auf den öffentlichen Raum einwirkt.» Die Infotafeln seien ein möglicher Weg. Aber: «Es ist ein Weg, den sie für sich alleine gewählt haben. Als öffentlich-rechtliche Institution tragen sie eine grössere Verantwortung und müssen einen breiteren Dialog führen.» Es gehe ihm nicht nur um moralische Fehlleistung Einzelner: «Rassismus ist ein gesellschaftliches Problem, wir alle sind unbewusst Teil dieser Strukturen.»

«Man kennt unseren Standpunkt»

Dieser Meinung ist auch Tarek Naguib. Er ist Teil des Kollektivs Berner Rassismusstammtisch, das am kommenden Donnerstag im Rahmen des UNA-Festivals eine Debatte darüber führen will, wie mit Rassismus im öffentlichen Raum umgegangen wird. «Es wird eine Gerichtsverhandlung inszeniert, allerdings kein Urteil gefällt, sondern die Frage gestellt, wer, wann, wo und wie über Rassismus sprechen kann und darf», sagt er.

Die Veranstaltung nennt sich «Kanaken Tribunal», dort sollen unter anderem die Mohren-Zunft und deren Symbole noch einmal zur Sprache kommen. Eingeladen sind auch die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) und Zunft-Präsident Rolf Henzi. Die ERK hat allerdings abgesagt. «Wir haben den Organisatoren aber anerboten, an eine Plenarsitzung zu kommen und dort ihre Anliegen vorzubringen», sagt Giulia Brogini, Geschäftsführerin der EKR. Man sei durchaus zum Gespräch bereit.

Rolf Henzi hat sich für eine Teilnahme nicht erwärmen können. Ihm wäre es lieber, wenn die Sache nun zu einem Abschluss käme. «Man kennt unseren Standpunkt: Weder unsere Zunft noch unser Wappen haben einen rassistischen Hintergrund.» Ausserdem habe man nun Massnahmen ergriffen. «Es wäre sicher einfacher gewesen, wenn unsere Vorfahren die Zunft wie in anderen Städten einfach Zunft zu Schneidern genannt hätten. Andererseits ist es zum Erzählen unserer Geschichte auch immer wieder ein guter Aufhänger.»

Der Bund

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