Zu wenig Futter für Storchenküken im Berner Nordquartier

In der Stadt Bern fehlen Jagd- und Sammelplätze. Dennoch dürfte in den kommenden Jahren das eine oder andere Storchenpaar mehr nach Bern ziehen.

Nicht alle der fünf jungen Berner Störche dürften überleben. Denn das Futterangebot in der Stadt ist für die Vögel knapp.

Nicht alle der fünf jungen Berner Störche dürften überleben. Denn das Futterangebot in der Stadt ist für die Vögel knapp.

(Bild: berner-storch.ch)

In der Nacht auf den 29. April, als ein paar Hundert Meter entfernt die YB-Fans den Meistertitel feierten, ist im Berner Storchennest an der Papiermühlestrasse der erste von fünf kleinen Störchen geschlüpft. Seither bewachen die zwei Altvögel ihr Nest rund um die Uhr, wie man auf einer Webcam unter www.berner-storch.ch beobachten kann. Peter Enggist, Geschäftsführer des Vereins Storch Schweiz, befürchtet aber, dass das Futterangebot rund um das Gebäude zu mager ist, um alle fünf Jungen durchzubringen. Das Storchenpaar, das schon seit 2016 im Nordquartier nistet, hat bereits letztes Jahr zwei von vier Jungen verloren.

Müssen Futter weit suchen

Während die Altvögel ihr Berner Nest erst Mitte September verlassen werden, werden die Jungen schon im August gen Süden ziehen. Dies, weil sie noch wenig Flugerfahrung haben und «noch abspecken müssen», wie Enggist sagt. Die Jungen legen zurzeit nämlich mächtig Gewicht zu. In nur acht Wochen nehme ihr Gewicht von einem halben Kilo auf bis zu vier Kilo zu, sagt Enggist.

Weissstörche, zu denen die Berner Storchenfamilie zählt, ernähren sich vor allem von Insekten, Regenwürmern, Fröschen und Mäusen. Wie die Tiere im dicht bebauten Nordquartier bis jetzt genug Nahrung fanden, ist dem Storchenexperten ein Rätsel. Die Altvögel zögen für die Futtersuche aber einen Umkreis von bis zu 10 Kilometern, sagt er.

Die Jungen sind noch einem weiteren Risiko ausgesetzt: dem Wetter. Die auf Sonntag erwartete Kaltfront könnte dem Nachwuchs zu schaffen machen. Gefährlich für die Jungtiere sei laut Enggist vor allem die Nässe. Solange es trocken ist, können Störche tiefe Temperaturen grundsätzlich gut aushalten. In nasskalten Jahren käme es aber vor, dass bis zu 80 Prozent des Storchen-Nachwuchses in der Schweiz erfriere, sagt der Experte.

Nachwuchs könnte auch in Bern nisten

Enggist rechnet damit, dass die gleichen Störche auch nächstes Jahr wieder in Bern einkehren werden. «Wenn sie die Reise überleben und genug Nahrung finden, ist die Chance gross», sagt er. Wahrscheinlich ist, dass die Jungen ihre eigenen Nester in Zukunft ebenfalls in der Region Bern bauen werden. Sicherheit wird für die Zugvögel dabei oberste Priorität haben. Die Nester müssen hoch gebaut und geschützt vor Feinden wie Füchsen sein. Ins gemachte Nest setzen werden sich die Jungen aber nicht können. Gewöhnlich verteidigen die Altvögel ihren Brutplatz auch gegen den eigenen Nachwuchs.

Spanien, nicht Westafrika

Den Winter werden die Störche in Südspanien verbringen. Aus noch ungeklärten Gründen überwintern Störche seit einigen Jahren vermehrt nicht mehr in Westafrika. In einem gross angelegten Forschungsprojekt in den Jahren 2000 und 2001 fanden die Experten von Storch Schweiz heraus, dass bereits mehr als die Hälfte der Schweizer Störche nicht weiter als Südspanien zieht. Die Fachleute von Storch Schweiz arbeiten an verschiedenen Thesen, die dieses veränderte Zugverhalten zu erklären versuchen.

Ende der 1940er-Jahre waren Störche in der Schweiz ausgestorben. Sie wurden deshalb auf eine rote Liste bedrohter Tierarten gesetzt. Von dieser können sie laut Enggist aber nun wieder gestrichen werden. Der Bestand hat sich erholt. Unter anderem dank Züchtungen und Wiederansiedlungsprojekten ist die Population in der Schweiz so gross wie schon lange nicht mehr. 500 Brutpaare werden für dieses Jahr erwartet. In der Stadt Bern ist das Storchenpaar aus dem Nordquartier aber vorerst noch das einzige.

DerBund.ch/Newsnet

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