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Zu oft gestörtes Wild verhungert vor dem Frühling

Freeriden ist nicht verboten, aber auch nicht total frei: Wildschutzgebiete müssen respektiert werden.

Pistenchef Andreas Heim zeigt den Skilehrern das Gebiet First mit seinen Freeride-Zonen: «Die Skilehrer sind mein verlängerter Arm im Skigebiet», sagt Heim. (Marcel Bieri)
Pistenchef Andreas Heim zeigt den Skilehrern das Gebiet First mit seinen Freeride-Zonen: «Die Skilehrer sind mein verlängerter Arm im Skigebiet», sagt Heim. (Marcel Bieri)

In leichtem Schneegestöber, bei zweistelligen Minusgraden, treffen sich über 100 Ski- und Snowboardlehrer der Skischule Grindelwald. Eigentlich wäre es ein Tag, um drinnen am warmen Ofen zu sitzen. Stattdessen erwartet die Schneesportler ein dicht gedrängtes Schulungsprogramm. In verschiedenen Modulen wird den Sonnyboys und Sonnygirls des Wintersports der Wildtierschutz nähergebracht. Der Tag findet im Rahmen einer Kampagne des Bundesamtes für Umwelt (Bafu) und des SAC statt, die insgesamt vier Jahre lang dauert. Ziel ist letztlich ein besserer und vereinheitlichter Wildtierschutz in der ganzen Schweiz.

Fünf Stunden Stress

Im Firstgebiet leben laut Wildhüter Christian Siegenthaler trotz dichtem Pistennetz im Winter um die 200 Gämsen. Dazu kommen Schneehasen und Schneehühner. All diese Tiere halten trotz Winterkälte keinen Winterschlaf. Richtig essen können die Tiere aber nicht. «Sie suchen höchstens etwas Gras oder ein paar Körner, um eine minimale Darmaktivität beizubehalten», sagt Siegenthaler in seinem unverkennbaren Emmentaler-Dialekt den frierenden Schülern. Nach kurzer Weiterfahrt hält Siegenthaler seine Gruppe bereits wieder an: Wir befinden uns auf einer Traverse zwischen zwei Felsenkämmen. «Seht ihr dort oben?», fragt Siegenthaler und zeigt in die Wand: «sieben Gämsen!» Trotz der Horde Skifahrer bewegen sich die Gämsen kaum. Der Mensch scheint sie nicht zu stören. «Wenn jetzt ein Freerider von oben her in der Nähe der Gämsen durchfährt, sind diese danach bis zu fünf Stunden gestresst», sagt Siegenthaler. Das bedeute: Statt einem Verbrauch von circa 30 bis 50 Gramm körpereigenem Fett pro Tag könne dieser auf bis zu 500 Gramm pro Tag steigen. Also statt einem bis zwei «Reiheli» Schokolade, mehrere Tafeln. «Der Spass des Freeriders bedeutet für diese Tiere im schlimmsten Fall den Tod», erklärt Siegenthaler die Wichtigkeit der Wildschutzgebiete, welche auf den Pistenkarten eingezeichnet sind. Auf der Piste zu fahren, macht aber nichts: «Das ist eine kanalisierte Störung, die Gämsen können damit umgehen.» Neben die Piste rausfahren sollte man allerdings nur in die freigegebenen Freeridezonen. Wer in einem Wildschutzgebiet erwischt wird, zahlt locker mehrere Hundert Franken.

Die Wildtier-Polizei

Das Risiko, erwischt zu werden, ist durchaus vorhanden. «Wir machen unregelmässige Kontrollen», sagt Andreas Heim, Pisten- und Rettungschef der Firstbahn. Er, ein Polizist und ein Wildhüter stellen sich dann jeweils an einen strategischen Punkt unterhalb des Wildschutzgebietes. «Wenn fehlbare Wintersportler kommen, packen wir ein paar und verzeigen sie.»

Alle zu erwischen, ist aber unmöglich: «An einem sonnigen Neuschnee-tag sind alle abseits der Pisten», sagt Heim. Es seien nicht nur junge Snowboarder, sondern Menschen aus allen sozialen Schichten und Altersstufen. Auch hier gilt der juristische Grundsatz, dass Unwissenheit nicht vor Strafe schützt: «Es besteht Informationspflicht für jeden, der abseits der Pisten fährt», sagt Siegenthaler. Die genausten Eintragungen der Wildschutzgebiete finden sich auf den Skitourenkarten, die ab dem Jahr 2005 publiziert wurden.

«Wildfrei stören»

Eine dauerhafte Störung des Wilds kann dramatische Folgen haben. «Man kann ein Gebiet wildfrei stören», sagt Siegenthaler. Das heisst, die Population weicht in ein weniger geeignetes Gebiet aus, wo dann mehr Tiere den Winter nicht überleben: «Das greift den gesunden Grundstock an und stört die natürliche Selektion, die gut ist.» Um das zu vermeiden, seien solche Präventionstage wichtig. Deshalb nimmt Siegenthaler auch gerne daran teil.

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