Zu Hause bei den Sans Papiers

Heute Samstag wird in Bern für die Rechte von Sans-Papiers demonstriert. Das kurdische Paar, von dem diese Geschichte handelt, wird mit seinem Sohn zu Hause bleiben. Die Angst, entdeckt zu werden, ist zu gross.

Am Samstag wird in Bern für Sans-Papiers demonstriert – doch viele von ihnen wagen sich nicht teilzunehmen.

Am Samstag wird in Bern für Sans-Papiers demonstriert – doch viele von ihnen wagen sich nicht teilzunehmen.

(Bild: Keystone (Archiv))

Sie sitzen in ihrem Wohnzimmer, in einem grösseren Ort unweit von Bern. Es ist so sauber, wie ein Wohnzimmer sauber sein kann. Die Frau hat extra Kuchen gebacken und reicht starken türkischen Kaffee. Der Mann sitzt auf dem Sofa. Es gibt keine Bilder und nur wenige Möbel. «Wir sind nur zu Besuch hier», sagt die Frau in einem Anflug von Ironie. Sie sagt das, weil an der Haustüre nicht ihr Name steht, sondern jener der Schweizerin, die ihnen die Wohnung organisiert hat. Aber die Kurdin und ihr Mann und der gemeinsame Sohn sind nicht zu Besuch. Nicht in dieser Wohnung und nicht in diesem Land. Sie leben seit bald zehn Jahren in der Schweiz. Sie sprechen gut deutsch. Und sie werden hier bleiben, weil sie sicher sind, dass sie in der Türkei ins Gefängnis gesteckt würden – im besten Fall. Aber seit ihr Asylgesuch abgewiesen wurde, halten sie sich illegal hier auf, in der ständigen Angst, entdeckt zu werden. Und deshalb können ihre Gesichter nicht gezeigt, sondern nur beschrieben werden.

«Wir wollen vergessen»

Die beiden Mittdreissiger sind ein ausnehmend hübsches Paar, sie mit den dezenten Ohrsteckern und dem schönen Lachen und ihr Mann mit markanten Gesichtszügen und dichtem Haar. Doch während sie spricht und gestikuliert, gibt er nur kurze Antworten, leise und freundlich, und dann sitzt er wieder da auf dem Sofa, den Fernseher im Blick. So sitzt er jeden Tag viele Stunden da. Meistens ist es wie jetzt. Der Fernseher ist ausgeschaltet. Die Apathie des Mannes rührt wohl auch von den starken Medikamenten, die er einnimmt. «Wegen der Folter», sagt er, mehr will er nicht sagen, «wir wollen vergessen». Die Familie stammt aus einer südtürkischen Provinz. Dort ging es ihnen gut, sie betrieben zwei Filialen eines Telefonunternehmens. Doch er habe die verbotene kurdische PKK finanziell unterstützt und sich so Feinde geschaffen, sagt der Mann. Als sie mit Schleppern in die Schweiz flüchteten, war ihr Sohn 17 Monate alt.

Nur ja nicht die Adresse nennen

Jetzt ist der Sohn schon seit mehreren Jahren in der Schule und steckt nun seinen Kopf in die Stube. Er will nach draussen, spielen gehen. Das darf er, aber nur in unmittelbarer Nähe des Hauses. Und bevor ihm die Eltern erlaubten, mit dem Velo zur Schule zu fahren, haben sie lange diskutiert. Die Mutter mag sich nicht ausmalen, wie es wäre, wenn der Sohn einen Unfall hätte und ins Spital müsste. Es sind Ängste einer Mutter, die weiss, dass sie ihn dort nicht abholen könnte, weil sie dann ihre Identität preisgeben müsste. Und der Sohn weiss genau: Wenn etwas passiert, darf er die Adresse, an der sie wohnen, auf keinen Fall nennen. Seine Mitschüler wissen nicht, dass er nicht hier sein dürfte. Den Schulbehörden und Lehrern vertraut die Familie. Dass die Behörden nun darüber nachdenken, über die Schulkinder illegale Familien ausfindig zu machen (siehe Box oben links), empört die Mutter: «Das ist eine Idee des Teufels.»

Wenn der Sohn in die Schule geht, bleiben die Eltern zu Hause. «Ich möchte arbeiten», sagt der Mann, der hier in der Schweiz das Bodenlegen erlernte, als die Familie noch im Asylverfahren war. Aber bis auf drei, vier Tage pro Monat, an denen er schwarz arbeitet, sitzt er hier in der Stube und zermartert sich den Kopf. Auch seine Frau verdient etwas Geld, stundenweise, als Putzfrau. Den Nachbarn sagt sie, sie arbeite im Büro. Aber viel spricht sie nicht mit ihnen, «ich muss Grenzen ziehen». Hallo und Ade sagt sie, in der Waschküche oder im Gang, freundlich stets, aber mehr nicht, um sich nicht zu verraten. «Es ist schwierig», sagt sie. «Ich mag nicht mehr lügen.» In ihrer Wohnung verhalten sie sich möglichst ruhig – und sie verlassen sie selten. Manchmal spazieren sie im Wald oder gehen einkaufen, kurz vor Ladenschluss, wenn Halbpreiszeichen auf den Produkten kleben. Wenn sie mal einen Bus nehmen, vergessen sie nie, ein Billett zu lösen. Eine Personenkontrolle könnte reichen, damit sie auffliegen. Es klingelt. Der Mann drückt den Knopf der Freisprechanlage, aber er sagt nichts. Erst als er seinen Sohn sprechen hört, öffnet er die Türe. Wenn er keinen Besuch erwartet, öffnet er nicht. «Wir wollen nur leben, eigentlich, atmen und leben, wie normale Leute», sagt die Frau. Sie träume davon, irgendwann mal ohne Angst einen Polizisten nach dem Weg zu fragen. Oder in die Berge zu fahren und laut zu schreien: «Ich bin frei.» Und dann das Echo zu hören. Sie strahlt. Ihr Mann sagt: «Ich habe keine Hoffnung mehr.»

Zurzeit sind Herbstferien. Wenn die Schule wieder beginnt, wird der Knabe wohl einen Aufsatz schreiben sollen, darüber, wo er war in den Ferien. Doch was wird er dann schreiben? Er möchte gerne mal in den Europapark.

Der Bund

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