Zu Besuch in Berns Wohlfühlzone

Die Stadt Bern ist daran, den öffentlichen Raum zum «erweiterten Wohnzimmer» umzugestalten. Der «Bund» hat das Angebot getestet.

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Angefangen hat es beim Münsterplatz in Bern, 2016: Sechzehn rote Stühle und einige Bistrotische stehen da. SP-Gemeinderätin Ursula Wyss will eine «neue Sitzkultur im öffentlichen Raum» etablieren. Mittlerweile prägen Sitzgelegenheiten, Spieltruhen und Gemüsekisten das Bild fast aller Stadtteile. Die Möblierung des öffentlichen Raums gehört zur langfristigen Strategie der Stadtregierung – auf Kosten der Stadt und unter Mitwirkung ihrer Bewohner. Was aber taugen die Angebote? Werden sie geschätzt? Und wer nutzt sie überhaupt? Zeit für einen Rundgang.

Erste Station: Hirschengraben. Hier und an sechs weiteren Orten stehen seit Anfang Woche hindernisfreie Bänke. Menschen mit Sehbehinderung können die Bank durch einen auf Bodenhöhe ertastbaren Querbalken besser erfassen. Die Sitzfläche ist erhöht, die Rückenlehne steiler. Das soll das Aufstehen erleichtern. Eine junge Frau führt im Namen der Stadt eine Befragung durch. Sie will vom Probesitzer wissen, was einem an der Bank gefalle, was nicht und was man ändern würde. Die Bank gefällt und fühlt sich an, wie sich eine Bank eben anfühlt. Etwas angenehmer vielleicht, was auch mit dem schönen Wetter zu tun haben könnte. Ändern möchte man nicht viel. Nur die Farbe – ein undefinierbares Grünblau – vermag nicht recht zu überzeugen. Jetzt, wo YB Meister ist, hätte man auch eine gelbschwarze Farbkombination wählen können. Ob die Stadt auf den Wunsch eingeht, wird sich nach der Auswertung der Umfragen zeigen.

Im Marzili, bei der Dalmazibrücke, wartet Ernie. Ernie ist der erste ans öffentliche Gasnetz angeschlossene Gasgrill der Schweiz, ein Geschenk des Energieunternehmens EWB an die Stadt Bern. Die Bedienung ist einfach: Auf Knopfdruck springt er an, nach 20 Minuten gehen die Flammen von selber wieder aus. Die Optik: Ernie ist kühltruhengross, aus rostrotem Corten-Stahl und wetterfest; er kann sich sehen lassen.

Der Gasgrill funktioniere «sehr gut», sagen Philippe und Khalid. Die beiden Arbeitskollegen nutzen den Grill regelmässig. Im Vergleich zu herkömmlichen Feuerstellen fliege hier keine Glut herum, so könne man sich auch nicht die Füsse verbrennen. Der kritische Grillmeister Khalid merkt aber an: «Die Hitze ist eher hoch und lässt sich nicht regulieren. Darum muss ich das Fleisch häufig wenden.» Philippe bittet zu Tisch, serviert Salat und libanesisches Fladenbrot. Khalid bringt derweil das gegrillte Gemüse und das Poulet, sogleich nutzt ein Mann die Gelegenheit und legt seine Würste auf den Rost. Die Grillade schmeckt hervorragend. Ernie hat den Test bestanden.

Im Monbijoudreieck hat die Stadt Bern einen Billardtisch und Stühle hingestellt. «Pop-up Bern» heisst das Projekt, das auch an anderen Orten in der Stadt aufkeimt. Unter Mitwirkung der Bevölkerung sollen temporär Orte zum Verweilen entstehen. Alle Stühle sind besetzt. Beim Monbijou treffen sich Rebar, sein Sohn Rawand und seine Freunde Hussein und Hassan regelmässig zum Billardspiel.

Die Billardstöcke – pardon: die Queues – sind nicht wie üblich aus Holz, sondern aus Metall und wiegen wenig. Die Kugeln gleiten geschmeidig über den Tisch. Dieser ist etwas kleiner als das Standardmodell und mit blauem statt mit grünem Stoff bespannt. An diesen ungewohnten Verhältnissen muss es auch liegen, dass sich der Testspieler schwertut, seine Kugeln zu versenken. Da helfen leider auch die Winkelberechnungen von Hussein wenig, der jeweils mit dem Finger anzeigt, wo die Kugel angespielt werden müsste. Gegner Rawand locht die schwarze Acht aber gar früh ein, und man holt sich doch noch den Sieg.

«Kann man die Bücher einfach mitnehmen?» Eine ältere Frau auf der Kleinen Schanze fragt sich, wie man den offenen Bücherschrank regelkonform benutzt. Die Idee: Wer ein Buch ausleiht, bringt es zurück. Wer es behalten will, stellt ein anderes hinein. Das Pilotprojekt startete 2016 mit vier Bücherschränken. Heute sind es sechzehn Stück, verteilt auf alle Stadtgebiete.

Das Exterieur erfüllt seinen Zweck: wetterfestes Stahlgehäuse auf Stelzen; die Vor- und Rückwand aus Plexiglas ermöglicht freie Sicht auf die Bücherrücken. Das Interieur bietet viel Abwechslung. In den Schränken finden sich zahlreiche Sachbücher («Karl Marx: Ein radikaler Denker»), Krimis («Das Judasgift») oder Ratgeber («Der Speck muss weg!»). Nach einigem Schmökern gönnt man sich einen Roman eines katalanischen Schriftstellers und stellt im Gegenzug das Werk eines deutschen Lyrikers hinein, das es nie vom Bücherregal auf den Nachttisch geschafft hat.

Letzte Station: Lorrainepark. In gross angelegten Beeten wachsen etwa Erdbeeren, Federkohl und Brokkoli. Hier steht eines von rund 30 öffentlichen Garten-Projekten. Stadtbewohner können einen Pflanzplatz mieten und bewirtschaften, wenn sie sich rechtzeitig bei Stadtgrün melden. Gross ist die Versuchung, sich eine Kostprobe zu gönnen. Die Stadterde eignet sich offenbar prima für den Gemüseanbau. Ob sie sich auch auf den Geschmack niederschlägt, bleibt offen. (Der Bund)

Erstellt: 23.06.2018, 08:27 Uhr

«Erweitertes Wohnzimmer» nimmt rasant Form an

Fast wöchentlich stellen die Gemeinderätinnen Ursula Wyss (SP) und Franziska Teuscher (GB) neue Projekte vor: hindernisfreie Parkbänke und öffentliche Bücherschränke in Parkanlagen, verkehrsberuhigte Zonen, Bestuhlung von Strassenrändern und Plätzen wie neuerdings bei der Hodlerstrasse oder der Casinoterrasse. Die Umgestaltung des öffentlichen Raums in ein «erweitertes Wohnzimmer», wie Wyss ihre Strategie selbst nennt, nimmt rasant Form an.

Die meisten Projekte beaufsichtigt Stadtgrün, das Amt für die städtische Grünflächenpflege. Laut Amtsleiter Stefan Schärer seien die Rückmeldungen «bisher positiv bis sehr positiv». Die Angebote würden rege benutzt. «Zu Beginn gab es kritische Stimmen, die Lärmbelästigungen befürchteten. Diese Sorgen wurden aber nicht bestätigt», sagt er. Die Materialverluste bewegten sich im kleinen Rahmen.

«Einzelne Stühle sind verschwunden und Mobiliar wurde zerstört», sagt er. Eine genaue Bilanz werde Ende Jahr erstellt. Bei Stadtgrün hat man offenbar grosses Vertrauen in die Stadtbewohner: Nachts bleiben die Stühle unangekettet draussen, auch die Spieltruhe beim Monbijou wird nicht abgeschlossen.

Die Projekte haben ihren Preis. Stadtgrün erhält für die Möblierung der Stadt dieses Jahr zusätzliche 100'000 Franken, nächstes Jahr sollen es 200'000 Franken sein. Sparen muss das Amt dafür im Auftrag des Stadtrats im Bereich Pflege und Unterhalt. So wuchert beim Breitenrainplatz eine kleine Wiese. Sollte nicht zuerst der Unterhalt des Bestehenden gesichert werden, bevor neue Projekte angestossen werden? Schärer relativiert: «Die Bevölkerung wünscht sich Sitzgelegenheiten.» (gss/cse)

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