Zeitungsleser telefonieren gerne per Festnetz

Die Post wandelt sich, auch die Swisscom. Wohin geht die Reise? Postchefin Susanne Ruoff und Swisscom-CEO Urs Schaeppi stellten sich dieser Frage bei «Der Bund im Gespräch».

Video: Video: Crosscam.ch

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Vor gut zwei Jahrzehnten hätten Susanne Ruoff und Urs Schaeppi vielleicht in der gleichen Firma gearbeitet, bei der staatlichen PTT (Post Telegraf Telefon). Heute ist die 59-jährige Ruoff Post-Konzernchefin, der 57-jährige Schaeppi steht an der Swisscom-Spitze. Das eine T für Telegraf ist gegenüber jungen Menschen sehr erklärungsbedürftig. Das allein tönt an, worum es gestern Abend bei «Der Bund im Gespräch» ging: um den rasanten Wandel bei allen Formen der Kommunikation. Träge Staatskonzerne oder digitale Vorreiter? So hiess das Leitthema, und die weiteren Fragen der beiden «Bund»-Wirtschaftsjournalisten Adrian Sulc und Mathias Morgenthaler waren durchaus geeignet, die beiden Firmenchefs aus der Reserve zu locken.

Ohne Innovation weg vom Fenster

Beide Unternehmen stecken in einem Dilemma. So hat die Post einen Versorgungsauftrag, dessen Einhaltung von Behörden kontrolliert wird. Bei der Swisscom ist der Bund Grossaktionär. Ein träges Staatsunternehmen also? Nein, konterte Schaeppi. Der Bund sei ein guter, da geduldiger Shareholder, der langfristige Entwicklungen ermögliche. Würde ein Investor nur auf Rendite pochen, könnte die Firma weniger investieren, «und in wenigen Jahren bekämen wir die Quittung». Auf die kleineren und grösseren Flops bei Post und Swisscom angesprochen, betonten Ruoff und Schaeppi, dass es eine Fehlerkultur brauche. Wer immer auf Nummer sicher gehe, könne nicht innovativ sein. Die Verhältnisse änderten sich ungemein schnell. Wer nicht ausprobiere und erkenne, wohin der Trend gehe, sei weg vom Fenster.

Darum müsse man Gewinne erwirtschaften und den Personalbestand im Auge behalten, deshalb schule man Angestellte für neue Bereiche um, baue Dienstleistungen ab, um anderswo neue zu kreieren. «Wenn in einen gelben Briefkasten drei Wochen lang kein Brief eingeworfen wird, besteht an diesem Standort kein Bedürfnis», sagte Ruoff. Aber, schob sie nach, die Zahl der Zugangspunkten wie Poststellen oder Paketautomaten werde schweizweit von 3700 auf 4200 erhöht - «an den richtigen Stellen». Dann zählten die Chefs der einst verbeamteten Betriebe alles auf, was zum Teil jetzt noch Zukunftsmusik, aber zu einem schönen Teil schon nutzbar ist: Drohnen, die Blutproben zwischen zwei Tessiner Spitälern hin und her schicken, das selbstfahrende Postauto in Sitten, das Fernsehprogramm, das man zeitversetzt anschauen kann, oder das gemeinsam entwickelte Zahlungsgerät Twint an vielen Supermarktkassen.

Direktkontakt zur Kundschaft

Und doch hält sich Altbewährtes länger, als man denkt. Spontan fragte der Swisscom-Chef in den Bellevue-Saal: «Wer benutzt denn noch ein Festnetztelefon?» Die Hände im Publikum schnellten nur so in die Höhe, und das Gelächter war gross: Die nicht mehr ganz junge «Bund»-Leserschaft, die morgens gerne in der raschelnden Papierzeitung blättert, mag auch noch das Telefon, bei dem nicht plötzlich der Akku leer ist.

Ohnehin war es für die beiden CEOs eine typisch schweizerische Gelegenheit, auf dem letzten Meter zum Kunden zu hören, was diesen bewegt. «Warum wurde die schöne Post am Bärenplatz geschlossen?», fragte eine Frau. Ruoff verwies auf die neue Schanzenpost, die für Grosskunden mit Autos viel besser erreichbar sei als der Bärenplatz, und mit diesen mache man den grossen Umsatz. Doch sie versicherte, «dass wir den Grundversorgungsauftrag stärker als verlangt erfüllen». Und Schaeppi beruhigte: Trotz der immer schlaueren Computer brauche es den Menschen noch immer: «Er hat Fähigkeiten, die einer Maschine fehlen.» Dann schritt man zum Apéro riche - ganz analog. (Der Bund)

Erstellt: 24.10.2017, 06:47 Uhr

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