Zeit der Handy-Verbote geht zu Ende

Die Stadt Bern will all ihren Schülern ein Tablet oder einen Laptop kaufen. Die Kinder sollen künftig ihre eigenen mobilen Geräte mitbringen und diese im Unterricht einsetzen.

Zwei Schüler, die sich einen Laptop teilen? Dies soll in Bern in einigen Jahren nicht mehr nötig sein. (Symbolbild)

Zwei Schüler, die sich einen Laptop teilen? Dies soll in Bern in einigen Jahren nicht mehr nötig sein. (Symbolbild)

(Bild: Keystone)

Simon Preisig@simsimst

Computer sind an Berner Schulen zurzeit Mangelware. «Ich habe für 20 Kinder nur drei Computer zur Verfügung», sagt Manuel Widmer, Primarlehrer und GFL-Stadtrat. Um Präsentationen vorzubereiten, Texte zu schreiben oder über Themen zu recherchieren wären laut Widmer viel mehr Geräte notwendig. «Es wäre wichtig, dass jeder Schüler Zugang zu einem Computer hat.»

Die Stadt Bern will deshalb aufrüsten. Als erste grössere Gemeinde im Kanton beantragt sie, alle Schülerinnen und Schüler mit einem Gerät auszustatten. Für die jüngeren Schüler sollen Tablets, für die älteren Schüler Laptops oder Tablets mit Tastatur gekauft werden. Morgen berät das Berner Stadtparlament über den entsprechenden Projektierungskredit von einer Million Franken. Damit sind die Geräte zwar noch nicht gekauft, aber ihr Kauf ist aufgegleist.

Viermal so viele Computer wie bisher, das geht ins Geld. Ungefähr 17 Millionen Franken soll das Projekt «base4kids2» in den ersten fünf Jahren kosten. Dabei würde für 8000 Lehrer und Schüler je ein Tablet oder Laptop beschafft. Das Vorgängerprojekt von 2008 war günstiger. Laut Jörg Moor vom städtischen Schulamt schlagen beim neuen Projekt vor allem die Investitionskosten zu Buche. «Es ist vorgesehen, deutlich mehr Geräte zu kaufen», sagt Moor.

Dies entspreche aber den Empfehlungen der kantonalen Erziehungsdirektion: Mit der Einführung des Lehrplans 21 sollten zumindest für einzelne Stunden ein Gerät pro Schüler zur Verfügung stehen. Zum Grosseinkauf haben deshalb die Bernerinnen und Berner das letzte Wort: Der Kredit ist so hoch, dass eine Volksabstimmung nötig ist.

Stadt zahlt, Eltern kaufen

Dabei würde die Stadt Bern die Tablets und Laptops nicht unbedingt selber einkaufen. Für einen Teil der zu beschaffenden Geräte wird geprüft, ob nicht die Eltern ein Gerät kaufen könnten und dafür von der Stadt entschädigt würden. Gekauft würde nicht ein bestimmter Gerätetyp, die Eltern und die Kinder wären viel mehr frei, ob sie sich ein Samsung-Gerät, eins von Microsoft oder ein Apple-Tablet besorgen.

Da der Besuch der Volksschule für Schülerinnen und Schüler unentgeltlich sein soll, müsste den Eltern der Einkauf erstattet werden. Zu dieser Beschaffungsmethode gibt es laut Moor vom Schulamt aber noch viele offene Fragen. Wer haftet beispielsweise, wenn das Gerät auf dem Schulweg kaputt geht? Im Rahmen der Projektierung wird deshalb geklärt, ob dieser Ansatz überhaupt realistisch ist.

Heute ist es weniger wichtig, dass alle Schüler einer Klasse dasselbe Gerät verwenden. Dies liegt am Trend zu webbasierten Lösungen. Die neuste Lernsoftware wird heute nicht mehr auf dem Gerät selber installiert, sondern einfach per Browser aufgerufen. So kann von jedem Gerät mit Internetzugang darauf zugegriffen werden – die geplanten Investitionen in die Schulinformatik umfassen deshalb auch einen Ausbau des schulischen WLAN-Netzes.

Vorbei sein dürfte die Zeit von absoluten Handy-Verboten. Solche gelten heute in einigen Berner Schulen. «Schülerinnen und Schüler sollen die Möglichkeit haben, ihre eigenen Geräte mitzubringen und diese im Unterricht zu nutzen», sagt Moor vom Schulamt.

Kampfzone Software

Wenn so viel Hardware ersetzt wird, muss auch die darauf verwendete Software ausgewählt werden. Und darüber scheiden sich im Stadtrat die Geister. Während der Kauf der Tablets und Laptops nicht umstritten sein dürfte, sind zur Art der künftig verwendeten Programme Abänderungsanträge gestellt worden. Sie alle verlangen, dass stärker auf Opensource-Software gesetzt wird, also auf Programme, die ohne Lizenzgebühren verwendet werden können. Proprietäre Software, das lizenzkostenpflichtige Gegenstück von Opensource, soll nur dann zum Einsatz kommen, wenn es keine Alternative gibt.

Dabei ist die Kostenfrage gar nicht das Hauptargument der Opensource-Befürworter. «Opensource sorgt für ein besseres Verständnis der Digitalisierung», sagt EVP-Stadtrat Matthias Stürmer. So mache man sich nicht von gewissen Produkten abhängig, sondern erlange Grundlagen-Techniken. Bereits beim Vorgängerprojekt 2008 sei versprochen worden, dass freiwillig auf Opensource gesetzt werde. Passiert sei aber nicht viel. Deshalb brauche es nun verpflichtendere Vorgaben, so Stürmer.

Für Microsoft Word oder Adobe Photoshop – für beide Programme gibt es Opensource-Alternativen – könnten somit für Schüler künftig keine Lizenzen mehr gekauft werden. Für Lehrer Widmer ist dies ein Albtraum. «Viele Lehrer wissen heute, wie sie Microsoft Word bedienen müssen.» Deshalb könne den Schülern bei Problemen gut geholfen werden.

Wenn neuartige Opensource-Programme verwendet werden müssten, wären dafür Weiterbildungen nötig. «Dieser Aufwand lohnt sich nicht.» Damit würde auch indirekt in den Lehrplan eingegriffen, sagt Widmer. Dieser werde aber nicht von der Stadt, sondern vom Kanton festgelegt.

Der Bund

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