Wyss will keine Verdrängung Randständiger am Bahnhofplatz

Die Stadt sagt «Ja, aber» zu den Plänen der SBB zur «Aufwertung» des Bahnhofeingangs.

Mit einem neuen Cafe mit Aussenbestuhlung wollen die SBB Randständige vom Bahnhofeingang verdrängen.

Mit einem neuen Cafe mit Aussenbestuhlung wollen die SBB Randständige vom Bahnhofeingang verdrängen. Bild: Adrian Moser

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Ende Mai: Es ist die Zeit, in der die Abende länger und lauer werden und in der man sich abends gerne noch zu einem Bier trifft. In der Stadt Bern tun dies viele Jugendliche, aber auch viele Randständige, mit Vorliebe beim Haupteingang des Bahnhofs: Im Durchgang zwischen dem Restaurant Tibits und der Confiserie Sprüngli und auf dem Platz zwischen Sprüngli und dem Treppenabgang zur Christoffelpassage.

Den SBB ist diese Szene seit längerem ein Dorn im Auge, wegen negativer Rückmeldungen genervter Bahnkunden, aber auch der Mieterinnen und Mieter, die aufgrund der Szene einen schlechteren Geschäftsgang befürchten – die SBB ihrerseits sind auf eine möglichst hohe Rendite ihrer Lokalitäten im Bahnhof erpicht. Vor diesem Hintergrund wurden im Juli letzten Jahres erstmals Pläne der SBB bekannt, die auf eine Verdrängung der Randständigen vom Bahnhofeingang abzielen. Die Rede war dabei von einer Machbarkeitsstudie zu einem Vorbau an dem Ort, wo sich heute die Szene versammelt.

Wyss gibt grünes Licht

Inzwischen ist klar, wie die SBB ihr Projekt umsetzen wollen: Wie den Unterlagen zum am Mittwcoh publizierten Baugesuch zu entnehmen ist, planen die Bundesbahnen links vom Bahnhofeingang die Schaffung einer Aussenbestuhlung mit insgesamt 36 Sitzplätzen. Nutzen soll die Aussenzone die künftige Caffè&Bar Florian, die in die heutigen Räumlichkeiten der Confiserie Sprüngli einziehen wird (Text rechts).

Die Stadt Bern, welcher der Boden vor dem Bahnhofgebäude gehört, gibt für das SBB-Projekt «grundsätzlich grünes Licht», wie die zuständige Tiefbaudirektorin Ursula Wyss auf Anfrage sagt. Zur Erinnerung: Im letzten Sommer hatte sich die sozialdemokratische Tiefbaudirektorin noch kritisch zu den SBB-Plänen geäussert, die Randständigen-Szene vom Bahnhofplatz zu verdrängen. Es gebe «keinen aktuellen Anlass», an der Situation etwas zu ändern, die für die Randständigen zuständige städtische Interventionsstelle Pinto habe dort «alles im Griff».

Doch Wyss hat ihre Meinung nicht um 180 Grad geändert: Zwar sagt sie Ja zur geplanten Aussenbestuhlung, doch die Randständigenszene soll einen Platz vor dem Bahnhof behalten: «Wir müssen schauen, dass auf dem Bahnhofplatz Raum bleibt für nicht konsumationswillige Passanten», erklärt Wyss auf Anfrage. Die Aussenbestuhlung sei «grundsätzlich sinnvoll», weil sie den Bahnhofplatz attraktiver mache und belebe, «das zeigen auch die Beispiele der benachbarten Gastrobetriebe Tibits und Toi et Moi».

Das SBB-Projekt dürfe aber «keine Vertreibungsmassnahme sein, sondern eine Aufwertung im Interesse aller»: Auch Leute, «die nichts konsumieren können oder wollen», sollen laut Wyss «das Recht haben, auf dem Bahnhofplatz zu verweilen». Wyss will dem Gemeinderat deshalb nicht nur vorschlagen, die Konzession für die neue Aussenbestuhlung zu bewilligen: Sie plant auch, im Perimeter Bahnhofplatz neue öffentliche Sitzbänke aufstellen zu lassen, «die für alle da sind, ob Banker oder Randständige». Geschaffen werden sie im Rahmen eines Sitzplatzkonzepts für den öffentlichen Raum, das beim städtischen Tiefbauamt ohnehin in Arbeit ist.

Zur Diskussion steht nach Angaben von Stadtingenieur Reto Zurbuchen dabei auch der Raum zwischen dem Bahnhofgebäude und dem Burgerspital, also zwischen der künftigen Caffè&Bar Florian und dem Restaurant Toi et Moi. Zuhanden des Gemeinderats über den Standort entscheiden will das Tiefbauamt laut Zurbuchen bis zu den Herbstferien. Zuvor soll neben den Anstössern wie SBB und Burgergemeinde auch die Interventionsstelle Pinto konsultiert werden.

Kritik des Pinto-Leiters

Gegenüber dem «Bund» übt Pinto-Leiter Silvio Flückiger leise Kritik zu den Plänen von SBB und Stadt: Auch wenn in Richtung Milchgässli ein Ersatzstandort angeboten werde, würden Leute, die sich keinen Restaurantbesuch leisten könnten oder wollten, «mehr und mehr» aus dem öffentlichen Raum verdrängt. «Richtig wäre es, wenn sich diese Leute wie alle andern einen Platz aussuchen können, an dem sie am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können», sagt Flückiger.

Der Betreiber der künftigen Caffè&Bar Florian, der Luzerner Gastronom Ali Manouchehri, lässt in einer schriftlichen Stellungnahme verlauten, erstmals von den Plänen der Stadt zu hören. Er halte aber «fest, dass mit der geplanten Kaffee-Bar «auf keinen Fall jemand vertrieben» werde solle. Geplant sei das Lokal als «zentraler Treffpunkt und Begegnungsstätte: Die Idee, Sitzgelegenheiten ohne Konsumzwang neben unserem Lokal zu schaffen, bewerten wir entsprechend als positiv.» (Der Bund)

Erstellt: 31.05.2018, 06:33 Uhr

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