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Poller-Kolumnist Martin Lehmann hat eine Woche lang mit einer Stadtberner Familie die Wohnung getauscht. Und erkannt: Im Berner Breitenrain ebenso ruhig wie im Emmental.

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Werte Frau G., geschätzter Herr S.,

ich will Ihnen nun auch auf diesem Weg noch einmal herzlich dafür danken, dass wir uns eine Woche lang in Ihrer Wohnung im Breitsch niederlassen durften, während Sie Ihrerseits in unserem Haus auf dem Land gelebt haben. Der Wohnungstausch war ja Ihre Idee gewesen, entstanden im Zusammenhang mit meiner «Bund»-Kolumne, in der ich die Vorzüge des Landlebens gelobt und behauptet hatte, dass ich in der Stadt nicht leben könnte.

Natürlich war eine Woche viel zu kurz, zumal ich werktags zur Arbeit musste und nur die frühen Morgen- und die späten Abendstunden in der neuen Umgebung verbringen konnte. Trotzdem war der Aufenthalt höchst lehrreich.

Denn einiges ist in der Stadt tatsächlich anders als auf dem Land. So haben wir über das breite Treppenhaus, die hohen Zimmer und die grossen grünen Hinterhöfe Ihrer Liegenschaft gestaunt, darüber, dass nicht weniger als 18 verschiedene WLAN-Netze in die Wohnung strahlen, dass man in der unmittelbaren Umgebung italienisch, indisch, libanesisch, türkisch, ayurvedisch und gut schweizerisch essen gehen kann, dass es zig Vintage-Läden gibt und noch mehr Yoga- und Pilates-studios, dass eine Tasse Cappuccino am Bahnhof 5.60 Franken und eine Pizza in der Quartierbeiz 22 Stutz kostet (bei uns zahlt man ein Viertel weniger!), dass hier kaum jemand ein Auto hat (während bei uns kaum jemand kein Auto hat) und dass man in der Stadt immer alles abschliessen muss: Haus- und Keller- und Waschküchen- und Wohnungstür – zu Hause machen wir das nie.

Aber vieles ist in der Stadt kein bisschen anders als auf dem Land.

Zum Beispiel ists im Berner Breitenrain ebenso ruhig wie im Emmental: Nachts ist – mit Ausnahme der paar Flugzeuge, die auch noch spät das Belpmoos anfliegen, und der Kirchenglocken, die hier gar viertelstündlich läuten – kaum etwas zu hören. Am Abend begleiten einen das Sirren der Mauersegler und das Miauen der Katzen in den Schlaf, am Morgen weckt einen der Gesang der Amsel. Das Wasser vom Hahn kann man trinken, die «Tagesschau» ist dieselbe wie bei uns, und das GA gilt auch bei Bernmobil. Auch hier gibt es die Migros und den Coop, Chicorée und Tally Weijl, Schweizer Fahnen und Gummibäume, tätowierte Männer­ober­arme und rot lackierte Frauen­zehen­nägel, und es gibt hier wie dort Leute, die einen freundlich grüssen, und andere, die wortlos an einem vorbeigehen.

Ja, vieles ist gleich, insofern war unser Aufenthalt in der Stadt kein Kulturschock. Aber doch ein wohl­tuender Bruch mit Gewohnheiten – denn dadurch, dass wir aus anderen Tellern assen, auf anderen Kissen schliefen, anderen Strassen entlanggingen und mit anderen Leuten redeten, wurde auch der Alltag ein anderer. Und damit ein bisschen auch die Sicht auf die Welt.

Und darum, geschätzte Frau G., werter Herr S., wäre es toll, wenn unser Wohnungstauschexperiment rege kopiert würde. Denn wenn es in der Schweiz – die sich ja mehr denn je fragt, wovon sie eigentlich zusammengehalten wird und was den Innerschweizer Subaru-Garagisten mit der Stadtgenfer Webdesignerin verbindet –, etwas wirklich braucht, dann den Austausch: Wir, die wir uns vornehmlich im Kreis von Gleichgesinnten bewegen und – wenn nicht grad WK ist oder Klassenzusammenkunft – kaum mehr Kontakt haben zu Menschen, die anders denken, anders leben, anders glauben, anders abstimmen... Wir müssen, damit wir uns verstehen, endlich mehr miteinander zu tun haben. Sonst geht dieses Land den Bach runter.

Also: Wer richtet eine Internetbörse ein?

Poller-Kolumnist Martin Lehmann hat eine Woche lang mit einer Stadtberner Familie die Wohnung getauscht. Und findet das ziemlich nachahmenswert.

Der Bund

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