Word und Windows verschwinden aus den Berner Schulzimmern

Die Stadt Bern wird zur IT-Pionierin und setzt in der Schule künftig auf Open-Source-Software. Die Lehrer sind skeptisch.

Statt auf Microsoft und Apple setzt die Stadt Bern bald auf «unvoreingenommene» IT-Lösungen.

Statt auf Microsoft und Apple setzt die Stadt Bern bald auf «unvoreingenommene» IT-Lösungen. Bild: Valérie Chételat (Archiv)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Microsoft und Apple sind mächtig, auch in den Schulzimmern. Jedes Kind kennt Word und Windows, auch weil die IT-Konzerne ihre Produkte Schulen billig zur Verfügung stellen, um die Kunden von morgen zu bewerben. In der Stadt Bern soll das anders werden. In einer öffentlichen Ausschreibung zur Erneuerung der IT-Infrastruktur an den Schulen haben nicht Apple oder Microsoft das Rennen gemacht, sondern eine Gemeinschaft mehrerer Schweizer IT-Unternehmen, die mit sogenannter Open-Source-Software arbeiten.

Matthias Stürmer, EVP-Stadtrat und IT-Experte, zeigt sich «sehr erfreut» über den Entscheid. Stürmer war Miturheber eines Vorstosses, in dem der Gemeinderat aufgefordert wurde, den Einsatz von Open-Source-Software an den Schulen zu fördern. Also von Software, deren Quellcode öffentlich ist und von allen, die das möchten, verändert werden kann. Dies sei wichtig, «um den Kindern einen unvoreingenommenen Zugang zu IT und Medien zu ermöglichen».

«Prädestiniert» für Schulen

Stürmer sagt, Open-Source-Software sei «prädestiniert» für den Einsatz an Schulen. Sie sei didaktisch wertvoll, weil sie bestens zum Prinzip der öffentlich zugänglichen Wissensressourcen passe. Die Eltern müssten künftig auch kein teures Microsoft Office mehr anschaffen, damit die Kinder die Dokumente aus der Schule bearbeiten könnten. Und – das sei einer der grössten Vorteile – die in der Cloud gespeicherten Dokumente lägen künftig nicht mehr «irgendwo in Kalifornien oder Irland», sondern auf einem Server der Stadt Bern.

Laut Stürmer handelt es sich bei der Vergabe der Stadt Bern um den grössten Open-Source-Auftrag, den es in der Schweiz je gegeben hat. «Dieser Entscheid wird Signalwirkung haben», sagt er. In den Schulen der meisten anderen Gemeinden sind Alternativen zu Apple und Microsoft bisher nämlich kaum ein Thema.

Skepsis bei den Lehrern

Einer der Gründe dafür ist, dass den Lehrerinnen und Lehrern der Umgang mit der bekannten Software grosser Hersteller vertraut ist und ein Wechsel mit grossem Aufwand verbunden wäre. Manuel C. Widmer, GFL-Stadtrat und Lehrer, hegt deshalb eine gewisse Skepsis gegenüber den Plänen der Stadt. «Für die Kinder ist der Wechsel gut», sagt er zwar. Es sei wichtig, unabhängiger von den grossen Herstellern zu werden.

Für die Lehrerinnen und Lehrer befürchte er aber grosse Schwierigkeiten. Die Sorgen drehen sich um konkrete Anwender-Fragen: Kann ich meine alten Word-Dokumente weiterhin öffnen? Lassen sich die neuen Geräte an den Beamer anschliessen? Widmer vermutet, dass die neue IT-Umgebung einige Lehrerinnen und Lehrer – auch weil sie sowieso schon allzu gut ausgelastet seien – überfordern könnte.

Stürmer hat von der nur mässigen Begeisterung der Lehrer schon gehört. Oder wie er es ausdrückt: «Die Lehrerinnen und Lehrer müssen wir noch überzeugen.» Er ermuntert sie, offen für Neues zu sein, so wie sie das von den Kindern ja auch verlangten. Ausserdem seien die Open-Source-Produkte, wie zum Beispiel das Textprogramm LibreOffice, inzwischen ziemlich einfach zu bedienen.

Stürmer denkt bereits an die Möglichkeiten, die die neuen IT-Verhältnisse den Berner Schulen bieten: So seien die LibreOffice-Entwickler womöglich bereit, nach Bern zu kommen, um mit den Kindern zu arbeiten. «Man könnte zum Beispiel eine Hack-Night veranstalten, in denen die Schülerinnen und Schüler lernen, wie Software aufgebaut ist und dass sie selber einen Beitrag leisten können.» (Der Bund)

Erstellt: 14.05.2018, 06:26 Uhr

Bern bleibt allein: Agglo-Gemeinden wählen Microsoft

Bern setzt in Zukunft auf Open Source-Software. Doch wie sieht es bei den Gemeinden rund um Bern aus? In vielen Gemeinden ist die Informatikinfrastruktur veraltet, es stehen einige Beschaffungen an. Bricht im Kanton Bern nun der Open-Source-Boom aus?

In Köniz ist das nicht der Fall. «Bei 15 Schulhäusern hat eine Umstellung auf Open Source zurzeit keinen Platz», sagt der Gemeinderat und Grossrat Hans-Peter Kohler (FDP). Mit der Einführung des Lehrplans 21 werden die Schüler der unteren Klassen zukünftig mit iPads arbeiten. Es habe sich, so Kohler, in einem Pilotprojekt gezeigt, dass iPads in dieser Phase am besten geeignet seien. Danach werden die Schüler neben den iPads auch Note-Books und entsprechend Microsoft verwenden. In Köniz legt man grossen Wert auf eine Standardisierung. «Unsere Gemeinde hat eine eigene IT-Abteilung, die die Gemeindeverwaltung betreut», erklärt Kohler. Diese Abteilung unterstütze auch die Schulen und sei zusätzlich für Muri zuständig. Die IT-Abteilung ist auf Microsoft geschult. Deswegen sei die Nutzung von Microsoft sinnvoller.

Auch in Ostermundigen ist Open Source kein Thema. Das liege daran, dass die Preise dieser einzelnen «Päckli» nicht rentierten, sagt Henrik Schoop (FDP), Gemeinderat von Ostermundigen. Die bestehenden Systeme seien unschlagbar. In kleineren Bereichen wie Video und Bildbearbeitung werden Open-Source-Software-Systeme benutzt, da sie geeignet seien, kleinere Probleme zu lösen. Laut Schoop müssen die Schüler auf das Berufsleben vorbereitet werden.

Auf nationaler Ebene benutze man immer noch mehrheitlich Microsoft. Damit müssten die Schüler sich auseinandersetzen. Zudem ist auch die Handhabung für Lehrer benutzerfreundlicher. Auch in Wohlen ist die Benutzung von Open-Source-Programmen nicht vorgesehen. «Die Schulen nutzen die Software der Verwaltung, die mit Microsoft arbeitet», so der Gemeindepräsident Bänz Müller (SP). Eine Änderung sei nicht geplant. Das Gleiche gilt für Münsingen. Seit zwei Jahren sei man daran, die Infrastruktur zu vereinheitlichen, so der Abteilungsleiter für Bildung und Kultur Münsingen, Roger Kurt. Die gemeinsame Server-Plattform arbeite mit Microsoft-Office-Produkten. Der Gemeinderat habe sich für Microsoft entschieden. «Wir erachten dies als zukunftsgerichtet», sagt Kurt. (lks)

Artikel zum Thema

Open Source heisst nicht unbedingt günstig

Für 13,5 Millionen Franken betreibt ein Anbieter aus St. Gallen die neue Informatikplattform der Berner Schulen. Mehr...

1,5 Millionen für WLAN in der Schule

Stadt Bern plant WLAN für alle Schulen und Kindergärten. Dazu beantragt der Gemeinderat einen Kredit von 1,5 Millionen Franken. Mehr...

Klicken statt Kleckern

Schulen im Kanton Bern rüsten sich für die Digitalisierung. Um die Kinder für die digitale Welt fit zu machen, braucht es aber mehr als nur moderne Arbeitsgeräte. Ein Augenschein im digitalen Klassenzimmer. Mehr...

Werbung

Immobilien

Kommentare

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Mit erhobenem Kopf: Ein als Samurai verkleideter Fan streift nach der Niederlage gegen Belgien durch Tokio. (2. Juli 2018)
(Bild: Issei Kato) Mehr...