Wo der Fussball zu Hause ist

In Bern können die YB-Spiele an vielen Orten im TV geschaut werden. Doch es gibt nur einen Ort mit einer Geschichte wie der des Fanlokals Halbzeit im Breitenrainquartier. Eine Stippvisite.

Im Fanlokal Halbzeit gibt es grosse Euphorie auf kleinen Raum – vorausgesetzt die Young Boys gewinnen. Gestern so geschehen gegen den FC St. Gallen.

Im Fanlokal Halbzeit gibt es grosse Euphorie auf kleinen Raum – vorausgesetzt die Young Boys gewinnen. Gestern so geschehen gegen den FC St. Gallen. Bild: Marco Raho

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Früher war da ein Reisebüro. Ferien können aber schon lange nicht mehr gebucht werden. Doch wer die acht Treppenstufen der Liegenschaft an der Beundenfeldstrasse 13 im Breitenrainquartier hinuntergeht, begibt sich auf eine Reise in eine andere Welt. Es ist eine Welt, deren Kern aus kompromissloser Liebe zu den Young Boys besteht. Seit 20 Jahren ist hier das Fanlokal Halbzeit eingemietet. Es ist ein Raum wie ein Hybrid aus Sportbar und Fussballmuseum. Grossflächige Flachbildschirme hängen an den Wänden. Vor der Glasfront hängen YB-Trikots aus mehreren Jahrzehnten, die es der Sonne beinahe unmöglich machen, wenigstens etwas natürliches Licht in das schummrige Innere zu werfen. Ganze Wandstücke sind mit Aufklebern tapeziert. In einer Ecke liegt Fussball-Fachlektüre, die von Franz Beckenbauers Biografie bis zu einem Ratgeber für Auswärtsspiele reicht.

Sonntag, 15 Uhr. Das Lokal ist leer, Brani hat noch wenig zu tun. Der Co-Präsident der Halbzeit wird während des Auswärtsspiels gegen St. Gallen hinter der Bar stehen. Ein Job mit Stresspotenzial. «Wenn YB erfolgreich ist, kommen mehr Leute. Es ist eigentlich wie im Stadion.» Hinter ihm stehen drei Kühlschränke, welche die Getränkepräferenzen seiner Kundschaft verraten. Zwei davon sind mit Bierflaschen verschiedener Sorten gefüllt.

«An einem Sonntag wird aber weniger getrunken als bei einem Samstagsspiel.» Bald ist es 16 Uhr, der Anpfiff rückt näher. Vor der Tür zündet sich Kasimir eine letzte Zigarette an, bevor das Spiel startet. «Ich bin erst zum zweiten Mal hier.» Vor Jahren hat ihn sein Vater einmal hierher mitgenommen. Eigentlich wollte er heute wie viele andere Fans nach St. Gallen reisen, doch eine lange Samstagnacht fordert ihren Tribut. «Die lange Fahrt mochte ich nicht auf mich nehmen.» Die Halbzeit sieht er jedoch als würdigen Ersatz zum Stadion. «Hier wird Fussball so richtig zelebriert.»

***

Das Spiel beginnt. Der Raum ist gut gefüllt. Rund 80 Besucher sind gekommen. Vorwiegend männlich, Alter durchmischt. Kleingeld klimpert an der Bar, Kronkorken werden von Flaschenhälsen gerissen. St. Gallen beginnt druckvoll, der Ball fliegt knapp am YB-Gehäuse vorbei. Ein Raunen geht durch den Raum. Die emotionale Verfassung der Fans wird für die nächsten 90 Minuten vom Geschehen im Fernseher diktiert werden. Diese erlebt bald ein erstes Hoch. YB geht in Führung. Kollektiver Adrenalinausstoss. 20 Minuten später fällt der Ausgleich. Haareraufen, Analysen so präzise wie lautstark, wie der Treffer hätte verhindert werden können.

Es kommt noch schlimmer. St. Gallen geht in Führung und das Lokal verwandelt sich in ein Flugzeug, das gerade in ein tiefes Luftloch fällt. Ungläubiges Entsetzen prägt die Gesichter der Besucher. Als wäre es pietätslos, mehr als das Nötigste miteinander zu sprechen, wenn YB im Rückstand liegt, flachen die Gespräche ab. Dann schwappt Hoffnung durch den Raum. Sulejmani legt sich den Ball zum Freistoss bereit. Alle wissen: Der Mann geht in solchen Fällen mit dem Ball um wie ein Chirurg mit seinen Händen bei einer Operation am offenen Herzen. Und tatsächlich zirkelt Sulejmani den Ball präzise in die Torecke. Ausgleich. Allgemeine Ekstase. Der Schiedsrichter pfeift zur Halbzeit. Die Halbzeit-Besucher rauchen vor der Tür.

«Wenn YB erfolgreich ist, kommen mehr Leute.»

Brani, Co-Präsident Halbzeit

Die Geschichte der Halbzeit beginnt in den tiefen 1990er-Jahren - eine düstere Zeit für die Young Boys. Der Club war erfolglos und stand am finanziellen Abgrund. Doch nicht nur das: «Die wenigen aktiven Fans hatten Verbindungen in die rechte Szene oder waren gar bekennende Neonazis», sagt Lukas Meier, Co-Präsident der Halbzeit und Angestellter der Berner Fanarbeit. «Hakenkreuze im Stadion waren damals gang und gäbe.» Es sei keine einfache Zeit für YB-Fans gewesen. «Wegen der rechten Fans mussten wir uns immer rechtfertigen, wenn wir an die Spiele gingen.» Dann passierte etwas, das Meier als «Initialzündung für die Berner Fussballszene» bezeichnet. 1996 wurde der Verein «Gemeinsam gegen Rassismus» von Urs Frieden gegründet. Noch im Gründungsjahr wurde er Trikotsponsor der Young Boys.

Das hat den Verein 50 000 Franken gekostet, durch Spenden überwies er dem verarmten Club jedoch 160 000 Franken. «Dadurch haben wir mitgeholfen, die Young Boys vor dem Konkurs zu retten», sagt Meier. Da in kurzer Zeit gegen 300 Mitglieder gewonnen werden konnten, musste ein Vereinslokal her. 1998 wurde dieses mit der Halbzeit eröffnet. Zwei Jahrzehnte nach der Gründung ist der Drang, sich für YB und gegen Rassismus einzusetzen, nicht gebrochen. Der Verein organisiert Lesungen, Podiumsdiskussionen mit YB-Spielern, zeigt mit dem Kino Rex Fussballfilme oder lädt Flüchtlinge ins Stadion ein.

***

Auf den Bildschirmen läuft die Halbzeitanalyse. Kilian sitzt auf der Treppe vor dem Eingang. Seit 14 Jahren kommt er in die Halbzeit. «Die Atmosphäre hier hat beinahe schon Stadioncharakter.» Gleichzeitig herrsche eine familiäre Stimmung. «Inzwischen kennt man sich. Es sind immer etwa die gleichen Köpfe hier.» Dadurch seien Momente entstanden, an die er sich noch lange erinnern werde, so zum Beispiel an den gewonnenen Penaltykrimi in der Champions-League-Qualifikation gegen Schachtar Donezk. Kilian schaute sich das Spiel im Stade de Suisse an. «Danach gingen wir in die Halbzeit und schauten uns das Spiel zu zehnt nochmals in der Wiederholung an. Das Penaltyschiessen wurde nochmals so heftig gefeiert wie im Stadion.» Die zweite Halbzeit beginnt. YB übernimmt das Spiel, schiesst zwei Tore, die Partie ist entschieden. Die Stimmung in der Halbzeit ist entspannt. Angriffe des Gegners werden nur noch mit einem müden Lächeln wahrgenommen.

Für Helmut ist die Halbzeit ein Kompromiss. Weil seine Frau nicht so fussballbegeistert ist, sieht er sich die Auswärtsspiele hier an. «Zum Abend-essenkochen bin ich wieder zu Hause.» Seit sechs Jahren macht er das so. Dabei ist ihm eine Szene besonders in Erinnerung geblieben. Es war an einer Podiumsdiskussion, an der der mazedonische Mittelfeldspieler Taulant Seferi dabei war. Es ging um Integration. «Eine Frau aus dem Publikum wollte wissen, ob Seferi Deutsch lernen wolle.» Dieser habe sich mit der Antwort etwas schwergetan. «Darauf gab sich die Frau als Sprachlehrerin von YB zu erkennen, die wissen wollte, wer denn dieser Seferi ist, der in ihrem Kurs immer gefehlt hat.»

Das Spiel ist aus, die Besucher strömen aus dem Lokal mit der Gewissheit, dem Meistertitel einen Schritt näher zu sein. (Der Bund)

Erstellt: 09.04.2018, 06:30 Uhr

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