Hipsterbars, mit städtischem Segen

In diesem Sommer beleben so viele temporäre Bars wie noch nie den öffentlichen Raum und erfreuen sich grosser Beliebtheit – es dürfte aber künftig auch vermehrt zu Konflikten kommen.

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Wer abends nach der Arbeit in der Aare Abkühlung sucht und dazu vom Berner Marzilibad Richtung Eichholz geht, kann die neu eröffnete Aarebar im roten Container nicht verfehlen. Badenixen und -neptune drängen sich an der temporären Bar, bestellen Cocktails und geniessen diese unter den Sonnenschirmen mit Blick auf den grünen Fluss.

«Diese Lage könnte man mit keinem Geld der Welt kaufen», sagt Mitbetreiber Lukas Brantschen. Für ihn, seinen Bruder und seinen besten Freund ist der Traum einer Pop-up-Bar diesen Sommer wahr geworden - zweieinhalb Jahre nachdem die Idee entstanden ist.

Das erste Konzept ist von der Gewerbepolizei aufgrund eines früheren Gemeinderatsentscheids abgelehnt worden. Brantschen liess sich aber nicht beirren und wandte sich an die Stadt. Mit Erfolg. Denn die «Bespielung des öffentlichen Grunds» ist inzwischen ein Anliegen des Gemeinderats. Laut Sicherheitsdirektor Reto Nause strebt die Stadt «ein unkompliziertes Verfahren» für die Vergabe von Veranstaltungsplätzen an und gebe neue Flächen für Veranstaltungen frei. «Die Belebung öffentlicher Plätze ist aus Sicherheitsgründen wichtig, weil belebte Plätze zu mehr sozialer Kontrolle führen», sagt Nause. Mit dieser Philosophie habe die Stadt gute Erfahrungen gemacht.

Offenbar ist die kommerzielle Nutzung des öffentlichen Raums nicht zuletzt ein Anliegen des Stadtpräsidenten Alec von Graffenried (GFL). Nause jedenfalls sagt, durch die neue Zusammensetzung im Gemeinderat habe ein Wandel hin zur Belebung des Aareufers oder von Stadtparks stattgefunden.

Bei Anwohnern stossen die neuen Gastroangebote nicht nur auf Freude. Zumindest in der Wahrnehmung von Barbetreiber Lukas Brantschen gibt es aber bisher kaum Konflikte: Von Nachbarn habe er bisher fast nur positive Rückmeldungen erhalten, sagt er. Falls sich doch ein Anwohner durch Musik von Jugendlichen an der Aare gestört fühle, geht er auf die Jugendlichen zu und bitte sie, die Musik leiser zu stellen. «90 Prozent der Jugendlichen haben dafür Verständnis.»

«Grösseres Konfliktpotenzial»

Das Phänomen ist nicht ganz neu: Bereits seit den 1980er-Jahren verbringen die Menschen wieder mehr Zeit draussen. Nach Open-Air-Festivals und Aussencafés kommen nun in Bern auch Pop-up-Bars. ETH-Stadtforscher Christian Schmid erklärt den Trend unter anderem mit dem Klimawandel. Früher sei es hier nur an wenigen Tagen im Jahr wirklich heiss gewesen. «Dieser Sommer war jedoch ständig so heiss, dass die Leute es zu Hause gar nicht mehr aushalten.» Der Forscher sieht in diesem Trend ein wachsendes Konfliktpotenzial. «Attraktive und urbane Aussenräume werden mehr Leute anziehen. Doch dort wohnen auch Leute, die das nicht goutieren.» Er rechnet mit «grösseren Spannungen». Städte wie Bern müssten sich vermehrt Gedanken machen, wie man die verschiedenen Interessen zusammenführen könne.

Aareaufwärts steht die Trybhouz-Bar. Im Alternbergpärkli haben sich während Jahren jeweils im Sommer einige Freunde zum Surfen getroffen. Irgendeinmal befand der Kreis, hier wäre es noch schöner mit einer Bar. Auch dieses Vorhaben wurde bewilligt.

Bereits seit letztem Sommer steht auf der Grossen Schanze das «Peter Flamingo». Dieses Jahr gibt es schon mehr Zulauf, «das Geschäft läuft gut», sagt Mitorganisator Camil Schmid. Man habe zu Beginn der Saison eine zweite Bar aufgestellt, weil es sonst zu lange Wartezeiten gegeben hätte. «Fünf Meter Barlänge reichen nicht aus für 1500 Gäste.» Neben Bier und Cüpli gibt es hier auch Filme. Am letzten Montag zum Beispiel «Mario», den Kinofilm über zwei schwule YB-Spieler.

Reich werden die Betreiber vom Peter Flamingo nach eigenen Angaben mit dem Projekt nicht. «Alles, was wir verdienen, reinvestieren wir in neues Material, neue Container und neue Pop-up-Projekte», sagt Schmid.

Er sieht sich als einer, der das Stadtleben bereichert. «Wir beleben eine ehemals verschlafene Stadt.» Dabei empfinden sich die verschiedenen Anbieter offenbar nicht als Konkurrenten, sondern als Mitstreiter. Bern sei klein, man kenne sich und gebe sich gegenseitig Tipps, sagt Schmid. Zudem zwinge ein grösseres Angebot das «Peter Flamingo», innovativ zu bleiben.

Neue Konkurrenz

Schmid bezahlt dieses Jahr eine Pauschale von 300 Franken pro Tag für die gesamte Fläche. Laut Norbert Esseiva, Leiter der Gewerbepolizei, sind es also 30'000 Franken während der hundert Tage. *

Die Betreiber herkömmlicher Bars betrachten die temporären Bars mit gemischten Gefühlen. Laut Tobias Burkhalter, Präsident von Gastro Bern, spürten viele bestehende Betriebe die neue Konkurrenz. Der Markt werde nicht grösser. Der Verbandspräsident befürwortet grundsätzlich «neue innovative Konzepte» in der Gastronomie. «Für die Partygänger ist das natürlich zu begrüssen.» Innovation zahle sich aus. «Wenn man seine Sache gut macht, kommen die Gäste.»

Wichtig ist für Gastro Bern jedoch, dass für alle Marktteilnehmer die gleichen Auflagen gelten. So fordert Burkhalter, dass in Zukunft auch Betreiber von Pop-up-Bars ein Wirtepatent machen müssen.

Die Stadt verzichtet bewusst auf zu viele Auflagen für Pop-up-Bars. Sie verlangt aber, dass die Betreiber auch Gäste akzeptieren, die nichts konsumieren. «Der Stadt ist es wichtig, dass alle im öffentlichen Raum Platz haben, unabhängig davon, ob sie konsumieren wollen oder nicht», sagt Gemeinderat Nause.

Eine «Grauzone»

Allerdings: Beim «Peter Flamingo» steht seit diesem Jahr auf den Tischen ein Hinweis, dass diese für Gäste reserviert seien. Burkhalter von Gastro Bern sagt, es liege auf der Hand, dass die Betreiber möglichst Leute haben wollen, die konsumieren. «Das ist eine Grauzone, die der Betreiber ausreizt.»

In Wasser vor der Aarebar beim Marzili spiegelt sich das Licht. Lukas Brantschen blickt verzückt auf die Aare. Er will auch 2019 wieder hier sein.

* Korrigendum: Für die Pop-up-Bar Peter Flamingo bezahlt der Betreiber pro Saison nicht bloss 3000 Franken, wie in einer früheren Version dieses Textes erwähnt, sondern 30'000 Franken. Der Betrag basiert auf einem Tagesansatz von 300 Franken und einer Betriebsdauer von 100 Tagen. (Der Bund)

Erstellt: 09.08.2018, 06:37 Uhr

Pop-up-Bars in der Region

Die Bar Campo (seit 2016) liegt am Teich des Liebefeld-Parks. Musik, frisch zubereitete Salate und Mojitos können im Grünen genossen werden. Schwarzenburgstrasse, Köniz, täglich geöffnet (je nach Programm) bis 30. September.

Der Wagen zum Glück (seit 2016) ist ein umgebauter Zirkuswagen in Worblaufen auf der Aarewiese nahe der Tiefenaubrücke. Hier gibt es biologisches Slow Food zum Mittagessen und schweizerische Bier-Spezialitäten zum Anstossen. Flüchtlingen werden reguläre Arbeitsplätze geboten. Arastrasse 7, Worblaufen, Dienstag bis Donnerstag 11.30 bis 22 Uhr, Freitag und Samstag 11.30 bis 23.30 Uhr, Sonntag 10 bis 20 Uhr bis 30. September.

In der Seebar Bogen 17 (seit 2012) unter der Wohleibrücke in Wohlen kann man nach einer Runde Stand-up-Paddling den Blick über den Wohlensee schweifen lassen. Die Lola-Cola stammt aus der Lorraine, der Ketchup zur Meat-Lover-Pita ist hausgemacht. Wohleibrücke, Wohlen b. Bern, täglich von 12 bis 23.45 Uhr bis 30. September. (gef)

Pop-up-Bars in der Stadt Bern

Die Aarebar (seit 2018) befindet sich nahe dem Gaskessel direkt an der Aare. Wer vom Eichholz zum Marzili schwimmt, kommt kurz vor dem Marzilibad daran vorbei. Neben Getränken gibt es eine Apéro-Platte mit Fleisch, Käse und Antipasti. Sandrainstrasse 17, täglich bis 9. September von 10 bis 22 Uhr.

Die im Altenbergpärkli gelegene Bar Trybhouz (seit 2018) erreicht man, wenn man neben der Kornhausbrücke den Weg vom Stadttheater zur Aare und dort über den Altenbergsteg spaziert. Hier kann man Aaresurfern bei ihrem Hobby zuschauen und bei einem Bier eine Wurst oder einen Halloumi-Burger verzehren. Altenbergrain 63, täglich 10 bis 22 Uhr bis 21. September.

Peter Flamingo (seit 2017) befindet sich auf der Einsteinterrasse der Grossen Schanze am Bahnhof. Neben der Aussicht auf Alpenpanorama und Abendsonne gibt es hier etwa Drinks mit dem Berner Trendschnaps Ingwerer, Open-Air-Kino und Salsa-Workshops. Sidlerstrasse 4, täglich 12 bis 0.30 Uhr bis 1. September. (gef)

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