«Wir wollen eine Stadt für alle»

Die Stadt Bern habe die Lehren aus Brünnen gezogen. Im Viererfeld sollen die besten Teams ein Quartier entwickeln.

«Ein Generationenprojekt für die Stadt Bern»: Stadtplaner Mark Werren auf dem Viererfeld.

«Ein Generationenprojekt für die Stadt Bern»: Stadtplaner Mark Werren auf dem Viererfeld. Bild: Franziska Rothenbühler

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Herr Werren, Ihr Vorvorgänger Jürg Sulzer hat Brünnen als «nicht Stadt, nicht Vorstadt» kritisiert. Was sagen Sie zu dieser Kritik?
Ich teile die Kritik Jürg Sulzers grösstenteils. Schade, dass in Brünnen die geringe Verdichtung aus eigentumsrechtlichen Gründen nicht korrigiert werden konnte. So hätte man sechs- statt vierstöckiger Gebäude bauen und weitergehende Gestaltungsvorschriften vorgeben können. In Brünnen wurden grosse Baufelder ohne weitere Parzellierung und Strassenräume sowie Baulinien definiert. Die städtebauliche Einpassung der Gebäude wurde dem Ermessen der späteren Projektjurys überlassen.

Die Jurys erhielten so viel Macht.
Das ist auch richtig so. Aber in der Praxis war und ist es für sie nicht immer einfach, ein Projekt zu finden, das eine hohe bauliche Qualität aufweist und städtebaulich gut ins Quartier passt. Ich war in der Jury des von Sulzer als «Stempel» kritisierten Siegerprojektes auf Baufeld eins. Es gab städtebaulich bessere Projekte, aber keines davon brachte auch die von der Bauherrschaft erwünschte besondere Wohnqualität mit.

Braucht es im Viererfeld also detailliertere Gestaltungsvorschriften?
Brünnen hat gezeigt, dass man Städtebau nicht nur konzeptuell entwickeln kann. Daher umfasst der städtebauliche Wettbewerb für das Viererfeld nebst den städtebaulichen Ideen für das Quartier und für die Parkanlagen auch die Entwicklung erster Stadt- und Wohnhäuser. Jedes Team muss sich also die Stadt als Ganzes überlegen. Wichtige Aspekte für die Lebensqualität wie zum Beispiel die Vorgärten oder der Aussenraum werden dadurch bereits thematisiert.

Wieviel Stadt gehört auf das Viererfeld? Im Viererfeld will die Statplanung alles richtig machen. Wie aber soll der Stadteil aus Ihrer Sicht gestaltet werden? Diskutieren Sie mit im «Stadtgespräch»:

Gab es in Brünnen denn keinen städtebaulichen Wettbewerb?
Nein. In Brünnen hat eine bewährte Equipe von Städteplanern Studien erstellt und einen städtebaulichen Entwurf gemacht. Die Strassen, die Plätze, der Bahnhof, das Einkaufszentrum und die Autobahnüberdeckung folgten. Erst später wurden die Bauten sukzessive «reingestellt». Das ist die klassische Vorgehensweise aus dem 19. Jahrhundert. So sind auch das Kirchenfeld oder der Breitenrain entstanden.

Das wird bei der Planung des Viererfelds nun anders werden?
Im Viererfeld geht nicht einfach eine kleine Equipe ans Werk. Die Bevölkerung wurde im Rahmen der Testplanung zu Workshops und runden Tischen eingeladen. Die Jury des städtebaulichen Wettbewerbs und auch die Teilnehmerteams werden nun sehr breit aufgestellt. Es gehören nicht bloss Architekten dazu. Auch Landschaftsarchitekten, Verkehrsplaner und Soziologen sind beteiligt.

Die haben freie Hand?
Gestalterisch ja. Der städtebauliche Wettbewerb basiert aber auf der im Oktober verabschiedeten Areal- und Wohnstrategie fürs Viererfeld. Diese beschreibt die Wünsche und Visionen für das neue Quartier. Sie ist gleichzeitig eine Selbstverpflichtung und ein Versprechen der Stadt. Dieser Auftrag ist viel konkreter als einst in Brünnen. In der Strategie sind Lebensqualität und Nachhaltigkeit zentral.

Die Strategie formuliert hohe Ansprüche: Man will subventionierte Wohnungen, gemeinnützigen Wohnungsbau und teure Eigentumswohnungen. Wie entsteht da eine Stadt?
Wir wollen eine Stadt für alle, durchmischt, lebendig, urban und mit Beteiligung der Bewohnerschaft. Teuer wäre falsch. Die heute bestehenden Quartiere in der Stadt Bern sind ja auch stark durchmischt.

Sie sind aber gewachsen. Auf dem Viererfeld muss man die Durchmischung nun inszenieren.
Man kann die Vielfalt über die Baurechtsvergabe bis zu einem gewissen Grad steuern. Das braucht innovative städtebauliche Ideen und Vergabeverfahren mit Qualitätsanforderungen an die Bauträgerschaften.

Was bleibt dann noch übrig für die einzelnen Projektwettbewerbe?
Für eine erste grosse Etappe sollen bereits aus dem Wettbewerb mehrere innovative Wohnbauprojekte für unterschiedliche Wohnsegmente hervorgehen. Später folgen Projekt- und Konzeptwettbewerbe oder Studienaufträge, je nach Grösse, Lage und Nutzungsidee der Baufelder. In Brünnen wurde ja die uniforme Bebauung kritisiert. Das will man im Viererfeld vermeiden.

Herr Sulzer sagte, man müsste die Baufelder parzellieren. Das sei aber ein grosser Mehraufwand. Ist die Stadt bereit, diesen zu leisten?
Vielfalt und Kleinteiligkeit sind bereits in der Strategie festgehalten. Wir diskutieren schon heute über Bedingungen für die Abgabe der Baufelder. Sulzer kritisiert ja, dass die Baurechte in Brünnen ohne grosse Auflagen an grosse Bauträger abgegeben wurden. Niemand habe Gemeinnützigkeit gefordert oder Konzepte zum sozialen Leben verlangt. Im Viererfeld sind 50 Prozent gemeinnütziger Wohnungsbau festgelegt. Aspekte wie gemeinschaftliche Anlagen, Selbstverwaltung, Bewohnerbeteiligung oder die Förderung nachbarschaftlicher Engagements sollten zudem auch gewinnorientierte Bauträger bieten.

Wie soll denn eine lebendige Parterrenutzung gewährleistet werden?
Neben Wohnen wird es vor allem quartierorientierte Nutzungen geben. Dazu braucht es geeignete Gebäudestrukturen und punktuell wohl auch eine Quersubventionierung. Ladenflächen können maximal tausend Quadratmeter umfassen. Der Bau eines Einkaufszentrums in der Grösse des Westside ist im Viererfeld klar ausgeschlossen.

Wo gibt es Parterrenutzungen?
Es wird einen oder mehrere «Hotspots» für Läden und Dienstleistungen geben. Aber das Viererfeld wird nicht innerstädtische Verhältnisse aufweisen, sondern ein urbanes, dicht bebautes Quartier in der Nähe der Innenstadt sein.

Wie entsteht die Urbanität?
Urbanität hat mit Nutzungsdichte und Nutzungsvielfalt zu tun. Bei kompakt zusammenstehenden sechs- bis siebengeschossigen Häusern und einer grösseren Belegungsdichte beleben viel mehr Menschen den Aussenraum.

Sind Bars und Lebensmittelläden vorgesehen?
Das erwarte ich. Aber das Viererfeld wird primär ein Wohnquartier mit einem gewissen Anteil an Gewerbe- und Dienstleistungen. Die gastronomische Nutzung müsste auf die Hotspots beschränkt sein. Mit etwa 3000 Einwohnern wird es wohl ein kleineres Zentrum haben, als es heute der Breitenrainplatz mit seinem Umfeld ist.

Da drängt sich als Vergleichsgrösse die Mittelstrasse auf.
Genau. Mittelstrasse und Neubrückstrasse sind Anhaltspunkte. Bei der Inneren Enge zum Beispiel wäre ein logischer Ort der Ankunft ins Quartier mit einem Nutzungsmix inklusive Gewerbe und Dienstleistungen.

Und einem zweiten Hotel?
Das Hotel Innere Enge hat diesbezüglich ja bereits Absichten formuliert. Der Burgerspittel im Viererfeld wiederum hat ein Interesse an speziellen Wohnformen für ältere Menschen.

Was wäre denn die «unverwechselbare Identität» des Viererfelds, die Sulzer in Brünnen vermisst?
Identität hat etwas mit dem Leben und dem Erscheinungsbild eines Quartiers zu tun. Die Identitäten im Tscharnergut, im Baumgarten oder im Kirchenfeld sind unterschiedlich. Private Gärten und kleinteilige private Baustrukturen wirken anders als kollektives Wohnen und Leben mit einer gemeinschaftlichen Nutzung der Aussenflächen. Im Viererfeld soll gemeinschaftliches Leben auch durch die Gestaltung der Freiräume und Verkehrswege gefördert werden. Unverwechselbar sind schon heute die Alleen, der Wald und das Panorama.

Die städtebauliche Jury hat eine grosse Gestaltungsmacht. Warum weiss man bis anhin nicht, wer da alles drinsitzt?
Die Publikation des städtebaulichen Wettbewerbs erfolgt Mitte Januar. Zu diesem Zeitpunkt werden alle Details bekannt sein.

Wer ist der Jury-Präsident?
Stadtpräsident Alec von Graffenried. Auch Finanzdirektor Michael Aebersold ist Mitglied der Jury. Das zeigt, wie wichtig das Viererfeld für die Stadt ist.

Ist das Viererfeld der erste städtebauliche Wettbewerb für die Stadt?
Auf dem Inselareal sprach man schon von einem städtebaulichen Ideenwettbewerb. Das Viererfeld ist aber ein Wohnquartier von deutlich grösserer Dimension und mit einem Stadtteilpark. Das wird ein Lebensraum für viele Menschen und ein Generationenprojekt für die Stadt Bern.

Der städtebauliche Wettbewerb ist wohl zu gross für kleine Architekturbüros.
Wir wünschen uns die besten Teams. Der Wettbewerb wird auf Deutsch, Englisch und Französisch publiziert. Die Chancen der Lokalen sind aber intakt. Die Teams bewerben sich nur mit Referenzen. Die Jury wählt die 25 besten Teams aus. Sie entwerfen Pläne für den Städtebau, für den Stadtteilpark und für ein beispielhaftes Stadt- und Wohnhaus. Das Team, das den Städtebau gewinnt, wird 2019 mit der Stadt einen Masterplan fürs neue Quartier ausarbeiten. Die Projektierung des Parks wird ebenfalls vergeben, und mehrere Teams werden direkt mit Wohnbauten beauftragt. (Der Bund)

Erstellt: 15.12.2017, 06:35 Uhr

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