«Wir wollen dieses Privileg teilen»

Ein Geschenk als Zankapfel: Der Verkauf des Susanne-Schwob-Hauses ist so gut wie sicher – oder doch nicht? Ein Rundgang im Künstlerhaus mit dem grossen Nordlichtfenster.

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Xymna Engel

Die Villa Schwob ist wie die Melodie einer Spieluhr: voller Geheimnisse und seltsam aus der Zeit gefallen. Eine vornehme alte Dame, deren Frisur trotz der schwindenden Kraft in den Händen jeden Tag perfekt sitzt. Diese Stuckaturen! Diese Böden! Diese Fenster! Doch die Stimmen sind jung, die derzeit vom grosszügigen Entree über das geschwungene Treppenhaus bis zum obersten Stock mit dem riesigen Nordlichtfenster dringen. Es herrscht reger Betrieb am Berner Falkenhöheweg, und das, obwohl an diesem verregneten Morgen erst etwa die Hälfte der Kunstschaffenden anwesend sind, die hier seit einem Jahr ihre Ateliers eingerichtet haben.

«Dieser Ort hat einen starken Einfluss auf mich. Und auf meine Kunst», sagt Philip Ortelli, der vor kurzem sein Studium an der Hochschule der Künste Bern abgeschlossen hat. Sein Atelier hat er im Salon eingerichtet, mit Blick auf die Pfingstrosen im Garten. Wenn er an seinem Schreibtisch Texte seziert, sitzt ihm der Teufel im Nacken: Das düstere Ölgemälde mit dem Renaissance-Motiv hängt seit den 60er-Jahren am gleichen Platz. Genau wie der grosse Spiegel mit dem Goldrahmen und das verwunschene Klavier im Wintergarten. Susanne Schwob wollte es so. «Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich hier eingelebt habe, aber mittlerweile finde ich es wahnsinnig inspirierend. Die Wände sind voller Spuren, man spürt die Geschichte.» Doch das Idyll ist bedroht, das Haus zum Zankapfel ­geworden.

Treffpunkt der Kunstszene

Bis 1967 lebte und arbeitete hier ­Susanne Schwob, Malerin, Industriellentochter – und die erste Frau in der eidgenössischen Kunstkommission. Ausserdem beeinflusste sie Ende der 30er-Jahre die Biennale Venedig zusammen mit Künstlern wie Antonio ­Auguste Giacometti oder Oskar Reinhard. Nach ihrem Tod 1967 vermachte sie das dreistöckige Haus im Fin-de-Sie?cle-Stil der Stadt Bern mit der Auflage, es als Künstlerhaus weiterzuführen. Schnell wurde es über Berns Grenzen hinaus zu einem wichtigen Treffpunkt der Kunstszene, fern von allen Institutionen.

Seit einem Jahr haben in den acht Zimmern dreizehn Künstler und Künstlerinnen ihre Ateliers eingerichtet, drei von ihnen wohnen hier. Fast jeden Tag sitzen Gäste am Küchentisch. «Wir wollen dieses Privileg teilen», so Ortelli, der zusammen mit den anderen Mietern am 8. jedes Monats die Flügeltüren öffnet und Film-, Kunst- oder Musikabende veranstaltet – begonnen haben sie damit am Geburtsdatum von Frau Schwob. Geplant ist auch ein Artist-in-Residence-Atelier.

Doch die Stadt will das Haus verkaufen (siehe Seite 31). Mit dem Erlös der wertvollen Liegenschaft an zentraler Wohnlage könnten andernorts mehr Atelierräume finanziert werden, von denen eine grössere Anzahl Kulturschaffende profitieren könnte, so die Idee. Sie entstand 2013, damals wohnten und arbeiteten über längere Zeit nur drei Personen im Haus.

«Dann verkommt das Haus»

Ist die Ausgangslage jetzt nicht eine andere? Martin Müller von der zuständigen Abteilung Kulturelles der Stadt Bern sagt dazu: «Wir waren bei der Vermietung an die aktuellen Zwischennutzer natürlich involviert. Das Haus ist jedoch in gewissen Bereichen in einem schlechten Zustand.» Das ist nicht zu ­übersehen: Die Fassade bröckelt, im Wintergarten bilden sich bei Regen kleine Pfützen. «Da besteht dringender Investitions­bedarf. Und man muss sich fragen: Welche Konsequenzen hätte das auf die Miete? Wäre sie für die Künstler überhaupt noch tragbar? Das muss jetzt ­abgeklärt werden. Wenn man nichts macht, dann verkommt das Haus. Und das ist sicher nicht im Sinn der ­Stifterin.»

Am Anfang waren die jetzigen Mieter vor allem Absolventen der HKB, inzwischen ist die Gruppe durchmischter geworden. Nach dem Auszug der drei Vormieter konnten sich Künstler auf die ­offizielle Ausschreibung der Stadt hin bewerben. Wer hier sein Atelier einrichten darf, entscheidet die Gruppe im Moment basisdemokratisch. Die Kunstschaffenden fühlen sich von der Stadt aber übergangen. «Man hat uns nicht in die Diskussion einbezogen und nicht kontaktiert», sagen Ortelli und die Multi­mediakünstlerin Selina Lutz. Bei der Abteilung Kulturelles heisst ?es dagegen, bei ihnen seien nie konkrete Anfragen oder Vorschläge vonseiten der jetzigen Nutzer eingegangen. Nachdem der «Bund» nachgefragt hatte, wurden die Gespräche jedoch aufgenommen.

Unbeantwortet bleiben die Fragen, wer für die Renovationen eigentlich aufkommen muss und was mit den Mieteinnahmen geschieht: Können die Renovationskosten nicht mit den Mieten – pro Monat gehen 3300 Franken auf ein Konto der Immobilienverwaltung – bezahlt werden? Die Abteilung Kulturelles verweist auf Immobilien Stadt Bern (ISB), diese gibt auch auf Nachfrage des «Bund» keine Antwort. Nur das, und so viel ist neu: «Seit der Revision der Verordnung sind zwei­einhalb Jahre vergangen. Deshalb macht es Sinn, die Ausgangslage nochmals neu einzuschätzen. Die Zukunft der Liegenschaft ist deshalb noch offen», so die Kommunikations­ver­ant­wort­li­che Dagmar Boss. Diesen Richtungswechsel bestätigt auch Walter Langenegger, Leiter des Informationsdiensts der Stadt.

Die Debatte ist nicht zu Ende

Während im hellen Keller Skulpturen modelliert werden, werden weiter oben Filme geschnitten, Skizzen gezeichnet und Farben gemischt. Das Licht des Nordfensters, welches Susanne Schwob extra einbauen liess, um mehr Tageslicht fürs Arbeiten zu haben, scheint ?im obersten Raum auf Farbpaletten, Knetfiguren, Bleistiftskizzen, Pinsel, Tücher, Fotografien und bemalte Glasscheiben. «Die Kunst, die hier entsteht, ist sehr beweglich», sagt Lutz, deren Bilder und Skulpturen derzeit in einer Gruppenausstellung im Centre Pasquart in Biel zu sehen sind. «Dieser Ort zwingt einen zu Solidarität. Man läuft einander oft quasi mitten durch die Arbeiten, das führt zu einer natürlichen Art der Begegnung und Zusammenarbeit – zu dem, was man andernorts künstlich herstellen muss.» Neben der Atmosphäre schätzt man hier auch die zentrale und doch ruhige Lage, die Intimität.

Das Haus eigne sich nicht als Atelierhaus, das war vor zweieinhalb Jahren eines der Hauptargumente für den Verkauf. Dem widerspricht die Gruppe vehement. Und auch bei der Stadt sieht man das mittlerweile anders. Doch die Debatte ist noch nicht zu Ende geführt: Darf die Stadt ein Haus verkaufen, das ihr geschenkt wurde, wobei im Testament ein Verkauf explizit ausgeschlossen wurde?

Auch scheint der Verkauf inzwischen nicht mehr das einzige mögliche Szenario zu sein. Zwar scheiterte 2015 der Antrag eines ehemaligen Mieters, der zusammen mit anderen Kunstschaffenden vorschlug, dass eine Stiftung die Villa für 1,3 Millionen Franken im Baurecht übernimmt und weiterhin als Künstlerhaus betreibt. Die Stadt verlangte 2,5 Millionen. Doch die Idee einer Stiftung, die das Haus im Sinne von Frau Schwob ­weiterführt, ist bei der Abteilung Kulturelles noch nicht vom Tisch: «Das wäre sicher eine Option, die man prüfen sollte», so Martin Müller. Pläne für alternative Atelierräume gibt es bei der Stadt nicht. Je länger man mit Vertretern der Stadt spricht, desto mehr bekommt man den Eindruck, dass das Haus von einem Geschenk zu einer Last geworden ist.

Lebendiges Kulturerbe

Im ersten Stock steht ein alter Ofen. Er hat viele Menschen kommen und gehen sehen, davon erzählt die abgewetzte Oberfläche. Der aktuelle Mietvertrag der Zwischennutzung läuft bis Juli 2017. «Eine bessere Ausgangslage muss die Stadt erst einmal finden», sagt Ortelli. Und Lutz schiebt nach: «Die Kunst, die an einem neuen Ort entstehen würde, wäre sicher eine andere als hier.»

Das Susanne-Schwob-Haus: ein Ort, wo aus den Rissen in der Wand das Flüstern der Vergangenheit dringt, ein Symbol für die Stimme der Frauen in der Kunst, ein lebendiges Kulturerbe, ein Geschenk für die Kunstszene. Wer durch das Gartentor tritt, liest auf einem goldenen Schild die Worte: «Dieses Haus wurde der Einwohnergemeinde der Stadt Bern zur Förderung bildender Künste testamentarisch übereignet.» Vielleicht hängt es dort aber nicht mehr lange.

Der Bund

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