«Wir waren einfache Fischer vom Thunersee»

Rudolf von Fischers Wohnung ist wie ein Museum. Doch für den ehemaligen Burgerratspräsidenten ist sie weit mehr: Familiengeschichte und bernisches Erbe.

Rudolf von Fischer in seiner «Abwartswohnung» in der Nydegg: Der 88-jährige Jurist und Kulturkenner hat stets ein wachsames Auge auf die Berner Altstadt und ihre baugeschichtlichen Schätze.

Rudolf von Fischer in seiner «Abwartswohnung» in der Nydegg: Der 88-jährige Jurist und Kulturkenner hat stets ein wachsames Auge auf die Berner Altstadt und ihre baugeschichtlichen Schätze. Bild: Adrian Moser

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Rudolf von Fischer empfängt den Besucher «nid i der Beletage», wo die bernburgerliche Familie früher wohnte. Vielmehr lotst ihn der 88-Jährige via Gegensprechanlage ins UG, «in die Abwartswohnung», wie er sie kokett nennt: «Hier war der Durchgang zum Garten.» Dem Besucher entfährt dort unten manches «Ah» und «Oh»: Ölbilder der Vorfahren, Möbel aus der Ära von Louis XIV. bis XVI. Funk-Kommode, Kronleuchter, Teppiche, Kachelofen. Sogar in der Waschküche hängt ein Bild. Gemalt hat es die legendäre Madame de Meuron. Aus den Fenstern geht der Blick nach Ost und West. Das sei eine Seltenheit, sagt von Fischer. In der Tat blicken in der Altstadt die Fenster meist gegen Norden oder Süden.

Der verwitwete von Fischer, Burgerratspräsident in den 1990er-Jahren, hat den Flügel im UG 1962 als junger Mann errichten lassen, passend zum klassizistischen Hauptbau. Der Anbau habe vor allem den Zweck gehabt, eine Holzvertäfelung aufzunehmen, die beim Ausbau eines Altstadthauses in der Marktgasse abmontiert wurde. «Interieurs waren nicht geschützt, sondern vogelfrei.» Darum habe er «im jugendlichen Übermut gesagt: Ich nehme es.» Eine gleichartige Täfelung befinde sich im Büro von Finanzdirektorin Beatrice Simon, dort in Eiche, bei ihm in Nussbaum. Zum Anbau hat ihn sein Vetter Hermann von Fischer ermuntert, der erste Denkmalpfleger, der die Täfelung auf diese Weise retten wollte: Sie wäre weggeworfen worden. «Vetterliwirtschaft» sei es aber nicht gewesen: «Unser Stammbaum trennte sich im 17. Jahrhundert.» Vetter sage man trotz der entfernten Verwandtschaft. Der Schultheiss Hieronymus von Erlach habe den französischen Sonnenkönig Louis XIV. übrigens ebenfalls «Cousin» nennen dürfen.

«Als wir die Post verloren»

«Wir waren einfache Fischer vom Thunersee, nichts Besonderes», sagt er, und auch das tönt etwas kokett. Später wurden die Fischers Unternehmer, zur Freude des kunstsinnigen Juristen Rudolf von Fischer nicht im blutigen Söldnerdienst fremder Könige, sondern mit Ziegeleien, Seidenzucht, der ersten Brauerei und der Fischer-Post. «Wir verloren die Post 1831», sagt der Nachfahr, als wär es gestern gewesen. Spätestens um 1848 wäre die Post «einewäg» zum Bund gekommen. «Wir waren Thurn und Taxis, aber ohne Glanz und Gloria.»

Von Fischer ist nicht zu bremsen, wenn er in Fahrt kommt. Baustile, Jahrzahlen, Architekten: Alles hat er präsent und bringt es zueinander in Beziehung. Natürlich war er 1954 an der Demonstration, die sich gegen den geplanten Abriss der Ischi-Häuser richtete («Bund» vom 26. April 2017). Die Burgergemeinde kaufte dem wohlhabenden Bäcker Ischi die Liegenschaften ab. Nach der Fussball-WM von 1954 sei diese Rettung «als zweites Wunder von Bern» bezeichnet worden.

Irgendwo schlägt eine Pendule, dann bimmelte eine weitere. Von Fischer fasst in einem Exkurs die wichtigsten Punkte zusammen, die für das Verständnis von Berns Altstadt wichtig sind. Er folgt dabei Paul Hofer, einst Professor an der Uni Bern für «Geschichte des Städtebaus und allgemeine Denkmalpflege». Erstens seien Berns öffentliche Bauten am Altstadtrand. Von Fischer skizziert die Linie vom Münster über das Barfüsser- bzw. Franziskanerkloster (am Platz des heutigen Casinos) bis zum Bundeshaus. Im Norden dasselbe: Rathaus, St. Peter und Paul, Kornhaus, Theater, Predigerareal mit Französischer Kirche, Waisenhaus (Polizei), Kunstmuseum und Amthaus. Grund war der Stadtbach, der durch die Hauptgasse floss, weil die Bürgerinnen und Bürger das Wasser brauchten. «Im Münster und im Rathaus gab es keine dreckige Wäsche zu waschen», sagt von Fischer schmunzelnd.

Im Weiteren hatte Bern keine Plätze, die Gassen waren so breit, dass sie diese Funktion übernahmen. Die heutigen Plätze vor dem Münster, dem Rathaus und dem Bundeshaus waren überbaut.

Verkehrsproblem ist ungelöst

Drittens wurde die untere Altstadt erst 1844 durch die Nydeggbrücke bequem erschlossen. Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Kirchenfeld- und die Kornhausbrücke erstellt wurden, änderten sich die Verkehrsströme: Die obere Altstadt wurde zur City.

Viertens, findet von Fischer, sei das Verkehrsproblem in der Altstadt ungelöst. Busse, die beim Zytglogge an den Touristentrauben vorbeizirkelten und die «Tramwände» in der oberen Altstadt seien unschön. Es sei schade, dass die Vision 2020 einer unterirdischen Tramlinienführung samt Zufliefertunnel nie spruchreif geworden sei. «Wahrscheinlich wird sie es auch nie.»

Später, beim Rundgang durch die Altstadt, stösst er am Bärenplatz einen Seufzer der Erleichterung aus: Wäre vor gut vier Jahrzehnten die «H-Lösung» realisiert worden, «wäre hier eine Autobahn und alles kaputt – ganz schlimm». Als noch schlimmer empfindet er den Abbruch des Christoffelturms. Wer mit von Fischer durch die Altstadt spaziert, der merkt eins: Manches, was «alt» und «historisch» aussieht, ist weniger als ein Jahrhundert alt – etwa das Konservatorium, das viel breiter ist als die benachbarten Häuser. Einige der neuen Bauten seien gelungen, so von Fischer. Bei anderen entfährt dem leidenschaftlichen Barock- und Klassizistik-Fan das Verdikt «abscheulich», das er auch für die Beflaggung bereithält. Bar jeder heraldischen Kenntnis werde etwas hinausgehängt: ausgewaschene, billige Stoffe, unschöne Farbkombinationen, ahistorische Reihenfolgen, unregelmässige Abstände. Der Begleiter merkt: Ahnungslose haben es manchmal leichter. (Der Bund)

Erstellt: 03.06.2017, 08:15 Uhr

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