«Wir verbinden Bern selten mit Ekstase»

YB auf Meisterkurs – was löst das bei Nicht-Bernern aus? Der Basler reagiert launig. Der Zürcher erinnert sich an die Dorfhelden seiner Jugend und der Romand philosophiert über den FC Schweiz.

Die Glanzleistungen der Young Boys finden in den Schweizer Zeitungen grosses Echo.

Die Glanzleistungen der Young Boys finden in den Schweizer Zeitungen grosses Echo. Bild: Franziska Rothenbühler

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«Wir werden Meister», sagen viele Berner. Und nicht etwa: «YB wird Meister.» Abseits des Spielfeldes läuft ein neckisches Spiel um kollektive Gefühle, Zugehörigkeit und Klischees. Der «Bund» hat freundeidgenössisch nachgefragt, wie es in diesen Tagen den Nicht-Bernern geht. Gönnen sie den Bernern den Titel? Mögen sie Bern und YB? Journalistenkollegen aus vier Landesteilen gewähren Einblick in ihre Gefühle und Gedanken. Die Reise geht von Osten nach Westen.


«St. Galler Tagblatt»: Stefan Schmid

Unsere Hauptstadt liegt an der Limmat

Ich muss der Transparenz halber festhalten: YB sagt mir nichts. Die Spiele des SCB habe ich stets verfolgt. Die Stimmung in der Postfinance-Arena ist einmalig. Gänsehautatmosphäre. Doch jene von YB? Gut elf Jahre habe ich insgesamt in Bern gelebt. Doch mein Fussballerherz schlug immer für den FC St. Gallen, den Club meiner Heimatstadt. Und vielleicht noch ein bisschen für den FC Breitenrain, bei welchem ich zwischen 2002 und 2005 in der ersten Mannschaft gespielt habe. Aber YB? Gleichgültigkeit pur. Ins Stade de Suisse bin ich jeweils nur gepilgert, wenn die St. Galler dort aufgetreten sind. Keine guten Erinnerungen: Das Standardresultat lautete stets 0:3. Aus St. Galler Perspektive.

Dennoch ist meine und – ja, man darf wohl verallgemeinern – des Ostschweizers Freude über den sich abzeichnenden Meistertitel für die Berner gross. Wie wahrscheinlich fast überall in der Schweiz. Selbst in Basel, so hört man munkeln, soll es nüchterne Kräfte geben, die sich positiv über das Ende der einheimischen Dominanz zu äussern wagen. YB hat eine tolle Mannschaft mit starken Charakteren. Und sie spielen wirklich guten Fussball.

Aus Ostschweizer Sicht ist Bern weit weg. Bern ist Bundeshaus, Bärenpark, Beamtenstadt. Die Bernerinnen und Berner sind uns sympathisch, obwohl wir sie gar nicht richtig kennen. Die meisten Ostschweizer kommen selten über Zürich hinaus. Unsere Hauptstadt liegt an der Limmat. Wirtschaftlich, kulturell, gesellschaftlich. Doch wir mögen Bern. Die Stadt hat etwas Gemütliches, Bodenständiges, Ungefährliches. Würde man den Bernern das Bundeshaus wegnehmen, wäre die Stadt in derselben Liga wie St. Gallen. Finden wir jedenfalls.

YB wird Schweizer Meister. Herzliche Gratulation. Lasst es krachen in den Gassen eurer pittoresken Altstadt. Wir verbinden Bern selten mit Ekstase. Vielleicht straft ihr uns ja bald Lügen. Was uns aber darüber hinaus fast stärker beschäftigt: Fangen wir den FC Basel auf Rang zwei noch ab? Falls ja, machen wir ein gemeinsames, bernisch-st. gallisches Fussballfest.

Stefan Schmid ist Chefredaktor des «St. Galler Tagblatts». Er selber spielt ordentlich Fussball. An Bern hat er schlechte Erinnerungen. Weil der FC St. Gallen hier immer 0:3 verloren hat, wenn er unter den Zuschauern war.


NZZ: Michael Schoenenberger

Schon nur wegen der schönen Erinnerungen

Mein Fussballfreund wohnte gleich gegenüber, in einem Bauernhaus. Später wurde es abgerissen, ein schmuckloses Haus ersetzte den Hof und den traumhaften Garten. Ich erinnere mich, wie er mir die kleinen Kätzchen zeigte, die mit geschlossenen Augen im Körbchen herumtapsten. Wir waren vielleicht acht oder neun Jahre alt, vielleicht auch zehn. Ich weiss es nicht mehr genau. Jedenfalls waren wir in kindlicher Ergebenheit entzückt von den jungen Geschöpfen, die so perfekt geboren waren. Noch ganz Kinder, wurde es aber immer mal wieder auch total ernst. Dann spielten die Young Boys, und wir hörten den Match am Radio. Es war wunderbar. Radioübertragungen sind wunderbar. Man sieht nichts, aber man stellt sich alles ganz genau vor. Es ist fast, wie ein Buch zu lesen.

Im Grunde standen wir jeden Tag auf dem Fussballplatz. In diesem Dorf in der Nähe von Bern spielte man damals Fussball, wirklich immer. Bänz Friedli, der später berühmt wurde, zu ihm gingen wir in den Turnverein. Auch dort «tschutteten» wir viel. Ich kann mich nicht entsinnen, dass der Fussballrasen gesperrt gewesen wäre, so wie das heute meist der Fall ist. Wir «tschutteten» immer. Was die Kids wohl heute machen, wenn sich das Green regenerieren muss?

Der «Bäne» jedenfalls organisierte einmal im Jahr den «Peacely-Cup»: Im Dorf und weit darüber hinaus war das Fussballturnier das Grossereignis. Monatelang bereiteten wir uns minutiös vor, trainierten. «Bäne» kommentierte brillant vom Spielfeldrand. Die besten aus dem Dorf waren die «Söiblüemeler», sie waren gefürchtet wegen ihrer starken Dribbler. Wir waren dafür defensiv nicht schlecht.

Aber noch besser als unsere Dorfhelden waren die italienischen Jungs. Ich glaube, sie kamen aus Ostermundigen, aber ich bin nicht mehr sicher. Sie brillierten technisch, waren schneller, wendiger, und ich war schon damals hingerissen von ihrer schönen Sprache. 1982 gewann Italien die Weltmeisterschaft. Seit damals drücke ich Italien die Daumen. Und seit diesen Tagen bin ich den Farben Gelb-Schwarz verpflichtet. Es waren prägende Jahre. YB soll endlich wieder Meister werden. Nur schon für alle Jungs und Mädchen, damit sie so schöne Erinnerungen wie ich in ihr Leben mitnehmen können. 1986 ist lange her.

Michael Schoenenberger ist Inlandchef der NZZ. Er hat in Uettligen mit Bänz Friedli Fussball gespielt. Bis heute bedauert er, dass er kurz vor dem letzten YB-Meistertitel weggezogen ist. Trotzdem ist er fussballverrückt geblieben und gewinnt selbst dem «Catenaccio» Positives ab.


«Basler Zeitung»: Michael Bahnerth

Berner Blues in Basel

Da stehen sie dann bei Heimspielen, in der Muttenzer Kurve, klatschen, johlen, verhöhnen den Gegner und hüpfen und singen dazu: «Wer jetzt nicht gumpt, der ist kein Basler.» Die da gumpen sind das Knochenmark des FCB, sind jene, die leben für den Club und all die komplizierten Spielernamen sogar schreiben können, und ihnen fehlt jetzt die Kraft, wirklich zu gumpen, abzuheben vom Boden, um näher an den Fussball-Himmel zu kommen, der jahrelang rot-blau war und vor allem ein Elysium. Sie gumpen jetzt viel öfter, weil ihnen kalt oder langweilig ist, und viel weniger vor Freude.

YB. Eigentlich auch ziemlich egal. Wenn Basel nicht Meister wird, interessiert hier keinen wirklich, wer Meister wird. Hauptsache nicht der FCZ oder GC. Von daher ist YB okay. Wird sowieso eine Ausnahme bleiben. Sollen sich freuen an der Aare da mit ihrem Bärengraben und so und für einmal auch einen Traum leben in dieser Stadt, die stets ein wenig traumlos scheint. Eine Meisterfeier veranstalten und alles filmen oder in der Erinnerung speichern, weil, wie gesagt, so schnell passiert ihnen das nicht mehr.

YB war besser diese Saison, muss man sagen. Sie waren besser, weil sie hungrig waren, weil sie rannten und kämpften und füreinander einstanden. Und weil der FCB träge geworden ist, in der Meisterschaft zumindest. International natürlich nicht. Achtelfinal Champions League. Ist ja klar, dass YB, wenn überhaupt, nur einen Punkt holt in der Vorrunde. Weil einfach nicht mehr drin ist in der Berner DNA. Sowieso könnte es sein, dass die Stärke von YB nur die Schwäche des FCB ist. Bern. Viel wissen wir hier nicht über die Stadt. Schon klar, Hauptstadt, Bundeshaus, geiler Dialekt, Marzili-Bad, Kornhauskeller, Arkaden, das Café Fédéral, wo es gutes Fleisch gibt, entsetzliche Bahnhofunterführung. Aber sonst? Schöne Frauen? Ah ja, Eishockey sollen sie ganz gut spielen können.

Schon nur auf die Frage, wie viele Leute dort leben, müssten neun von zehn Baslern bei Wikipedia nachschlagen. Nur Politiker und Fussballfans aus Basel reisen hin und wieder nach Bern. Neuerdings auch der Meisterpokal. Aber man sollte sich nichts vormachen in Bern. Zu Hause ist der Pokal immer noch in Basel.

Der Basler Michael Bahnerth ist Autor bei der «Basler Zeitung». Dass er Berner Meitschi nicht schön findet, verzeihen wir ihm. Nicht aber, dass ihm Bern als «traumlos» erscheint. Auch nicht, dass er glaubt, der Meisterpokal kehre schon bald nach Basel zurück.


«Tribune de Genève»: Julien de Weck

In einer Pariser Bar entdeckte ich die Schweiz

Bevor ich mit dem Schreiben dieses Textes begann, musste ich den aktuellen Tabellenstand der Meisterschaft googeln. Zu sehen, dass YB vorne liegt, hat mich nicht überrascht – mein Desinteresse an der Super League aber schon. Mein Snobismus hat sicher damit zu tun, dass Servette, der Club meiner Stadt, fehlt. Der Hauptgrund liegt aber tiefer: Mein Herz schlägt für Olympique Marseille.

Ich war ungefähr 12 Jahre alt, eingeschlossen in der eintönigen Freiburger Molasse, und fühlte mich als Lateiner, als der Club die Champions League gewann. Der erste Sieg einer frankofonen Mannschaft in der Königsliga gab mir das Gefühl, Teil einer kollektiven Heldentat zu sein. Marseille, meine Stadt, und ihre mediterrane Verrücktheit berauschten mich. Die Meinen herrschten über Europa. So geht es jedem Nachwuchsfussballer, geboren in einem Land, wo die Clubs nicht die Mittel haben, um auf der europäischen Bühne zu brillieren. Mein Kinderherz musste sich ins Exil begeben, um das Gefühl des heroischen Aufstiegs inklusive finalem Sieg zu erleben. Dass mein Club schon lange nicht mehr zur europäischen Elite gehört, spielt keine Rolle – er bleibt für immer meine erste Liebe.

Später, als Jugendlicher in Sion, bin ich in Rot-Weiss auf Bern zu marschiert. Das Wankdorf war unser Terrain, GC und Servette unsere Sparringpartner. Ich hatte jetzt einen eigenen Kanton, das Wallis. Doch unsere Fahne wehte über einem Land, das ich nicht kannte. Erst in Paris, als junger Erwachsener, entdeckte ich meine Zugehörigkeit zum FC Schweiz. Die Sprache genügte mir nicht mehr. Die schweizerischen Postschalter, der Geruch unserer Bahnhöfe, der Apéro beim Ausgang des Wahllokals, meine Leitbilder waren zu Hause geblieben.

In einer Bar in der französischen Kapitale sah ich die Liveübertragung eines Weltmeisterschaftspiels, das mit dem Ausscheiden der Schweizer Nationalmannschaft endete – und ich empfand ein Gefühl von Stolz. Unsere kleine «Nati», ausgeschieden nach einem kleinen Spiel, hatte es gegen einen der ganz Grossen wieder fast geschafft. Bald wird YB der gekrönte Meister sein. Und danach im Herbst in der Champions League vernichtend geschlagen werden und in der allgemeinen Gleichgültigkeit untergehen. Anders als bei unseren europäischen Nachbarn hat in der Schweiz der Fussball nie wirkliche Leidenschaft ausgelöst – und noch weniger eine Rolle gespielt bei der Ausprägung einer nationalen Identität.

Die Fussballgeschichte unseres Landes hat mich gelehrt, mit der Niederlage zu leben. Und mich über ein Land zu freuen, das daraus kein Drama macht. Weil die Leute hier gewohnt sind, die Kleinen zu sein.

Der gebürtige Freiburger Julien de Weck ist Lokalchef der «Tribune de Genève». Auch im Wallis und in Paris hat er schon gelebt. Fussballerisch bleibt er seiner ersten Liebe, Olympique Marseille, treu. Doch er geniesst es, mit seiner Tochter zu den Spielen des Servette FC zu gehen. (Der Bund)

Erstellt: 07.04.2018, 08:02 Uhr

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