«Wir trinken gerne und feiern Feste – aber das ist nicht das Wichtigste»

Die Studentenverbindung Berchtoldia an der Universität Bern wird 100 Jahre alt. Organisator Dominik Feusi findet, viele Vorurteile rührten von Unkenntnis und seien überholt.

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Herr Feusi, Sie haben keinen «Schmiss». An dieser Narbe im Gesicht erkannte man früher Mitglieder von Studentenverbindungen. Gibt es das heute noch?
Das gibt es schon noch. Im Dachverband des Schweizerischen Studentenvereins lehnen wir den «Schmiss» oder die «Mensur» seit jeher ab, so auch die Berchtoldia. Die Narben stammen vom Fechten – und unsere Mitglieder sollen sich nicht im Fechten beweisen, sondern im Leben.

Die Studentenverbindung Berchtoldia feiert ihr 100-jähriges Bestehen. Wie haben sich die Verbindungen über die Jahre gewandelt?
Die Verbindungen im Allgemeinen haben sich vielfältig entwickelt. Einige sind traditionsbewusster, andere haben sich geöffnet. Wir haben uns geöffnet. Die Grundregel ist: Die Jungen geben den Takt an und prägen das Leben in einer Verbindung. Sie gestalten das Programm und setzen selbstständig Schwerpunkte. So spiegelt sich der gesellschaftliche Wandel automatisch auch in unserer Verbindung.

Sie nehmen auch Frauen auf. Das ist immer noch die Ausnahme. Warum sind Verbindungen grundsätzlich Männerdomänen?
Die einfachste Erklärung ist historisch bedingt: Es ist eine relativ junge Entwicklung, dass viele Frauen an der Uni studieren. Als die Zahl zunahm, haben wir uns geöffnet. Das ist nun vierzig Jahre her. Diese Öffnung entspricht auch unseren Wurzeln als «Reformverbindung»: Wir wollen Verbindungstraditionen im Hier und Jetzt leben.

Und was sind die anderen Erklärungen?
Ich kann nicht für andere Studentenverbindungen sprechen. Es kann schon sein, dass andere finden, Frauen gehörten hier nicht hin. Aber für uns ist das das Normalste in der Welt: Es gibt Frauen. Die sind auch an der Uni. Warum sollten sie nicht in unsere Verbindung kommen? Einer Männerverbindung wäre ich jedenfalls nicht beigetreten. Wenn es eine Lebensschule und -verbindung sein soll, dann müssen Frauen dazugehören. Ein neuer Trend geht übrigens in Richtung Frauenverbindungen.

Für Aussenstehende wirken Verbindungen zuweilen wie eine Mischung aus Saufclub und Selbsthilfegruppe. Woher rührt das?
Das zeugt vor allem von Unkenntnis. Aber wie bei jedem Vorurteil ist etwas Wahres dran: Wir trinken gerne und feiern Feste – aber das ist nicht das Wichtigste. Wir haben auch Abstinente bei uns. Wir sind ein Netzwerk, in dem man sich gegenseitig stützt – im Studium und im Leben. Man lernt, vor Leuten aufzutreten, im Team zu arbeiten, Anlässe zu organisieren. Man kann hier Skills erwerben, die fürs berufliche Leben wichtig sind.

Führt das nicht auch zur Vetterliwirtschaft?
Sicher öffnet ein solches Netzwerk Türen – darin liegt ja auch der Sinn der Sache: Es bieten sich Chancen, die andere vielleicht nicht einfach wahrnehmen können. Aber jede und jeder muss die Chance auch anpacken und sich beweisen. Es gibt nichts geschenkt.

Wie politisch sind Studentenverbindungen?
Es gehört bei uns dazu, eine Meinung zu haben, Zeitung zu lesen, sich zu informieren. Unsere Leute sollen einen Standpunkt haben und den vertreten können. Dass man sich engagiert, ist ebenfalls gerne gesehen. Wir suchen Leute, die mehr als nur ECTS-Punkte jagen an der Uni. Daher: Engagement gehört dazu.

In Deutschland haben viele Verbindungen einen schlechten Ruf: Einige sind explizit nationalistisch, andere distanzieren sich nicht davon. Wie ist das in der Schweiz?
Mir sind solche Probleme hierzulande nicht bekannt. Aber ich bin kein Experte im schweizerischen Verbindungswesen.

Wo ordnen Sie denn die Berchtoldia ein?
Unsere Verbindung bekennt sich zur Schweiz und zum Bundesstaat. Wir haben das weisse Kreuz auf der roten Mütze. Wir wurden von Jurassiern gegründet. Das war ein Bekenntnis über den Röstigraben hinweg. Wir stehen historisch der CVP nahe. Im Dachverband sind Nationalräte von SP bis SVP. Bisher fehlen uns nur die Grünen. Heute decken wir also fast die ganze Breite ab. Und das ist mir wichtig: Wir brauchen Diskussionen an den Stammtischen über die politischen Lager hinweg. Nur dann sind wir eine Lebensverbindung.

Die Verbindungen hat man oft totgesagt. Seit der Jahrtausendwende sind sie wieder im Aufwind. Warum?
Ich glaube, das Konzept von Lebensschule und Lebensverbindung wird immer interessanter, je individualistischer eine Gesellschaft wird. Wir sind attraktiv, weil wir mehr bieten können als der blosse Uni-Alltag. Junge Leute merken, dass es sich lohnt, Zeit in diese zusätzliche Ausbildung zu investieren, dieses Netzwerk aufzubauen.

Wie ist das Verhältnis von Altherren und Aktiven bei Ihnen?
Wir haben 220 Altherren und 20 Aktive. Aber wir sind im Dachverband des Schweizerischen Studentenvereins dabei mit über 6000 Mitgliedern in der Schweiz und im Ausland. Man kann nach der Uni hin, wo man will, und findet so gleich Anschluss.

Welche Bedeutung hat die Berchtoldia heute noch?
Wir haben wieder mehr Mitglieder als vor 15 Jahren. Wir haben unseren Platz an der Uni. Wir sind eine Plattform für alle, die sich engagieren wollen in Wirtschaft und Politik.

Dominik Feusi ist Organisator der 100-Jahr-Feier der Studentenverbindung Berchtoldia. Der 44-Jährige ist seit 2012 Bundeshausredaktor für die «Basler Zeitung». Er hat Geschichte an der Universität Bern studiert und ist zu Beginn des Studiums der Verbindung beigetreten.

DerBund.ch/Newsnet

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