«Wir sind schon brav, ja»

Dieses Wochenende feiert die Berner Szenekneipe 3 Eidgenossen ihr 30-Jahr-Jubiläum. Der ehemalige Beizer Kurt Bürki und der jetzige Pächter Dano Güntert reden über Kiffer, die ewig gleiche Innenausstattung und das Nachtleben-Konzept.

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Sophie Reinhardt@sophiereinhardt

Welche Menschen wurden in 30 Jahren 3 Eidgenossen bewirtet?
Kurt Bürki: Anfangs waren Bauleute und Menschen aus dem Milieu zu Gast im 3 Eidgenossen. Aber bald besuchten dann vor allem Musiker, Maler und ­Lebenskünstler die Beiz.
Dano Güntert: Einige von diesen früheren Stammgästen sind heute noch immer da. Andere wurden von Neuen oder von ihren Kindern abgelöst. Aber daran, dass jeder willkommen ist, hat sich nie etwas geändert. Ebenfalls nie geändert hat sich, dass Leute aus jeder Ecke den Weg hierhergefunden haben.
Bürki: Mit dem Personal hat sich auch das Publikum über die Jahre immer mal wieder gewandelt. So hat sich die gespielte Musik natürlich auf die Gäste ausgewirkt. Ende 1980er-Jahre haben wir etwa viel lärmenden Punk gespielt.

Lauter Punk in der bewohnten Altstadt ist heute fast nicht mehr vorstellbar. Haben Sie Probleme mit lärmempfindlichen Nachbarn, Herr Güntert?
Güntert:Mit den Nachbarn haben wir heute nie Probleme, wir achten darauf, dass wir pünktlich die Aussenbestuhlung reinräumen. Wenn die Gewerbepolizei dich ein bisschen auf dem Kieker hat, dann kann das unangenehm werden. Bist du zwei Minuten zu spät, dann musst du eine Busse zahlen.

Heisst das, Sie hatten eher Probleme mit der Gewerbepolizei?
Bürki: Ja, die hat mir früher schon das Leben schwer gemacht. Die sind dann vis-à-vis aufgetaucht und haben Fotos vom Eingangsgereich des Eidgenossen gemacht, um zu beweisen, wie viele Leute davorstanden. Auch die Nachbarn haben jeweils reklamiert, wenn es laut wurde. Und dann kam die Polizei.
Güntert: Nein, nein, heute ist das nicht mehr so schwierig mit der Gewerbepolizei. Die kommen nicht mehr mit dem Fotoapparat. Nachts um halb eins muss man einfach alle Tische drinnen haben, und die Strasse muss geräumt sein. Jedes Jahr holen wir eine Bewilligung für die Aussenbestuhlung ein. Das ist nicht ganz billig, aber über die Einnahmen ist die Stadt sicher dankbar. Und für uns ist es auch gut, dass wir draussen bedienen können.
Bürki: Es kam auch immer sehr darauf an, wer da gerade an der Spitze war bei der Gewerbepolizei.

Die Getränke dürfen nach einem Besuch der Gewerbepolizei im Kreissaal nicht mehr nach draussen genommen werden. Können Sie das nachvollziehen?
Bürki: Es war eigentlich schon immer klar, dass das nicht geht. Aber es hat sich halt eingebürgert, dass man in nächtlichen Stunden dort steht, raucht und trinkt.
Güntert: Das Problem rührt vom Rauchverbot her. Früher konnte man drinnen rauchen, da musst man nicht raus, und dementsprechend entstand kein Lärm. Es ist doch schon komisch, dass sich bisher nie jemand an den Leuten vor dem Kreissaal gestört hat und dass nun trotzdem so durchgegriffen wurde.

Punkto Kiffen wird im 3 Eidgenossen auch durchgegriffen?
Bürki:Ja, früher erlaubte ich den Leuten, drinnen Joints zu drehen, kiffen mussten sie aber draussen.
Güntert: Also das ist vorbei, das geht heute natürlich nicht mehr. Es gibt schon solche, die draussen Joints drehen. Aber denen sagen wir, dass sie das woanders machen sollen. Das funktioniert auch in den meisten Fällen. Und manchmal muss man geduldig sein und es am nächsten Tag erneut sagen. Aber das wurde schon besser in den letzten Jahren.

Aber heute scheint das 3 Eidgenossen schon ein bisschen brav, Herr Güntert.
Güntert:Wir sind schon brav, ja. Ich habe auch nicht Lust, einen Tausender Busse zu bezahlen, nur weil ich zwei Minuten zu lange offen habe. Darum achten wir da schon sehr genau darauf. Aber die meisten Gastrobetriebe halten sich an die vorgegebenen Regeln. Da könnte die ­Gewerbepolizei schon mal ein Auge zudrücken, wenn man fünf Minuten zu spät schliesst. Und bei denen, die sich provokativ nicht daran halten, verstehe ich schon, dass man denen ‹ids Füdle stüpft›.
Bürki: Die 80er- und 90er-Jahre waren schon bewegter, dünkt mich. Es waren wilde Zeiten mit der Reitschule, Zaffaraya und Züri West. Es war lebendiger hier, als wir alle Stühle und Tische rausräumten und dann Konzerte veranstalteten. Zudem gab es illegale Bars in der Stadt. Ich hab auch Demo-Transpis aus dem Fenster gehängt mit Pro-Reitschule-Sprüchen.

Heute findet man in der Rathausgasse eher aufgewertete Geschäfte anstatt Demo-Transparente. Das 3 Eidgenossen dagegen scheint die Ausstattung aber nicht gross aufgemöbelt zu haben.
Güntert:Es ist doch wunderschön, so wie es ist hier, die Gäste wollen gar keine Polstermöbel. Es ist doch reizvoll, dass alles noch aussieht wie vor 30 Jahren.
Bürki: 1997 habe ich die Beiz ein bisschen umgebaut. Das ist so gut herausgekommen, dass bis heute nichts geändert werden musste. Ich verweigere mich Neuem ja nicht per se, ich habe ja bereits einmal vorgeschlagen, die ganze Stadt abzubrechen und mit schwarzem Marmor wieder aufbauen. Aber die Aufwertung in der unteren Altstadt, das ist auch von der Politik gewollt. Und warum es hier Vermögenszentren braucht, frag ich mich schon.
Güntert: Es hat eine kleine Berner Bank hier in der Nähe, die ist schon praktisch, die reicht mir aber allemal.
Bürki:Man muss sich schon mal wieder Gedanken darüber machen, sich mehr zu wehren oder gar ein bisschen illegal zu werden. Wie wird aus einem alten Restaurant Pöstli eine chemische Reinigung? Aber das hat auch mit dem Besitzer zu tun. Ich hätte das Haus hier auch an irgendwen verkaufen können, ich wollte aber kein Kebabrestaurant hier.

Stadtpräsident Alexander Tschäppät sagte Anfang Jahr, in Bern seien wir mit dem Berner Nachtleben «verwöhnt». Was sagen Sie dazu?
Güntert: Ja, ich finde das Berner Nachtleben schon gut, da hat es für jeden etwas dabei. Wir haben für 24 Nächte Überzeit­bewilligungen, das reicht uns eigentlich. Aber ja, wir hätten nichts dagegen, manchmal ein bisschen länger geöffnet zu haben.

Braucht man denn ein Konzept zum Nachtleben?
Güntert: Es braucht schon ein vernünftiges Konzept, darum sind wir auch in der Bar- und Clubkommission dabei.
Bürki: Man sollte besser mal etwas unternehmen, anstatt Konzepte zu schreiben. Das Problem des Nachtlärms wird sich nicht lösen, indem man in der Bauordnung festschreibt, wo ein Betrieb bis in die frühen Morgenstunden offen haben kann. Denn auch nach Beizenschluss wird grölendes Partyvolk durch die Gassen ziehen.

Der Bund

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