«Wir sind das Enfant terrible der Berner Schnitzelbankszene»

Mit Schnitzelbänken wird an der Berner Fasnacht um die Gunst des Publikums gebuhlt. Worauf es dabei ankommt.

Er und seine Mitstreiter seien etwas bissiger als die anderen, sagt Martin Begert von den «Drei Musketieren».

Er und seine Mitstreiter seien etwas bissiger als die anderen, sagt Martin Begert von den «Drei Musketieren». Bild: Adrian Moser

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Als Bundesrat Johann Schneider-Ammann vor zwei Jahren zum Tag der Kranken mit ernster Mine über das Lachen sprach, hat dies weltweit für Lacher gesorgt. Doch die Komik des Berners war unfreiwillig. Schnitzelbänke ringen dagegen an der Fasnacht auf satirische Weise um Lacher aus dem Publikum. «Eine gute Schnitzelbank ist eine grosse Kunst», sagt Martin Begert, der sich für die «Drei Musketiere» die Verse ausdenkt. Es komme darauf an, ein aktuelles Thema zu finden, welches die Leute kennten. «Oder das Thema hat dermassen Wellen geschlagen, dass man auch nach einem halben Jahr noch darüber Bescheid weiss.»

Rassismus ist tabu

Der Witz dürfe beissen und kratzen, aber nicht verletzen. Vier Zeilen müssen reichen: «Äs Gniesser-Weekend wünscht sich d Frou, mit vil Spass und ohni Sorge, ‹ja gärn und tschüss mi Schatz›, meint är, ‹de gseh mir üs am Mäntigmorge!›»

«Eine gute Schnitzelbank ist eine grosse Kunst.»

Martin Begert, «Drei Musketiere»

Tabu ist für ihn Rassismus. «Auch über Katastrophen wie 9/11 würden wir nie einen Vers machen.» Das gesunkene Kreuzfahrtschiff Costa Concordia sei ein Grenzfall gewesen. «Es hat ja 32 Tote gegeben.» Doch dass Kapitän Schettino seinen Passagieren die Insel näherbringen wollte, sei halt schon «ein Riesending» gewesen. «Wir sind das Enfant terrible der Schnitzelbankszene», sagt Begert. Er und seine beiden Mitstreiter seien etwas bissiger und böser als die anderen und politisch nicht immer ganz korrekt. Auch seien Verse der «Drei Musketiere» nicht immer jugendfrei, weshalb man es dann dem Zuhörer überlasse, den Reim fertigzumachen.

Basels harte Konkurrenz

Dass die Berner Schnitzelbänke im Vergleich zur Konkurrenz aus Basel immer etwas angestrengt wirkten, schliesst Begert nicht aus. Als weltoffene Grenzstadt ist man es in Basel gewohnt, mit spitzer Zunge und ätzendem Humor das Geschehen zu kommentieren. Da in Basel fast zehnmal mehr Schnitzelbank-Verfasser existierten, habe es automatisch mehr Talente, sagt Begert. «Aber in Basel gibt es auch schlechte Gruppen.»

Auch der Durchhaltewillen der Berner hält mit demjenigen der Basler nicht ganz Schritt: Während in Basel drei Tage und Nächte durchgefeiert werde, sei hier nur am Donnerstag- und Freitagabend und vom Samstagnachmittag bis zum Morgengrauen der Bär los. Bei der Organisation sieht Begert Handlungsbedarf: Die Berner Fasnacht habe kein eigentliches Motto und kein einheitliches Auftreten des Vorstandes. «Auch der Plakettenverkauf ist ein grosses Problem», sagt er. Das Berner Partyvolk müsse unbedingt sensibilisiert werden, dass die Plakette eine wichtige Einnahmequelle für den Verein Bärner Fasnacht darstelle.

Drittgrösste Fasnacht

Älteste Belege für die historische Fasnacht in Bern finden sich im 15. Jahrhundert. Während der Reformation galt die Fasnacht als heidnisch, weshalb sie abgeschafft wurde. 1982 erwachte die jährliche Tradition in Bern zu neuem Leben. Innert weniger Jahre ist die Berner Fasnacht zur schweizweit drittgrössten Fasnacht nach der Basler und der Luzerner Fasnacht geworden. (Der Bund)

Erstellt: 14.02.2018, 20:11 Uhr

Die Schnitzelbank-Geschichte für Eilige

Woher stammt die Tradition der politischen Verse? Bereits im antiken Rom wurden nach geschlagenen Schlachten Lob- und Spottlieder auf die Feldherren gesungen. Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert waren Bänkelsänger in ganz Europa wichtige Nachrichtenübermittler. Sie trugen ihre Balladen auf den Märkten vor.

Damit das Publikum sie besser sehen konnte, stellten sie sich auf eine Holzbank – daher der Name «Schnitzelbank». Die bekannten Basler Schnitzelbänke entstanden ab 1830. Damals waren sie noch auf Hochdeutsch. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden sie auf Baseldeutsch vorgetragen.

An der Berner Fasnacht führten Schnitzelbänkler vor 25 Jahren die Tradition der Schnitzelbänke ein. Heute hat Bern neun Schnitzelbank-Formationen mit je ein bis vier Mitgliedern.

Donnerstagabend geht es los

Am Donnerstag 20 Uhr wird die Fasnacht in Bern beim Käfigturm mit der Bärenbefreiung eröffnet. Dabei wird der Fasnachtsbär geweckt und aus dem Käfig befreit, in den er am 11. November für seine Winterruhe eingesperrt worden war.

Um 20.20 Uhr beginnt die Schnitzelbank-Soirée in den Restaurants Arlequin, Rathaus, Schwingbäse, Zunft zu Webern und Goldener Schlüssel. Freitag, 14 Uhr, Kinderumzug in der Zeughausgasse, Samstag, 11.30 Uhr, Schnitzelbänke bei der Bühne an der Kramgasse, 14.30 Uhr, Grosser Fasnachtsumzug, 16.30 Uhr, Konzert der Guggen auf dem Bundesplatz.

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