«Wir schauen für Gendergerechtigkeit»

Beim Grossprojekt Uni Mitte soll gendergerecht geplant und gebaut werden. Doch was ist das überhaupt? Eine am Projekt beteiligte Expertin bringt Licht ins Dunkel.

Gendergerechtes Bauen bedeutet mehr, als geschlechterneutrale WC hinzustellen. Bild: Rich Pedroncelli (AP Photo)

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Frau Hoppe, wie würde das Berner Münster aussehen, wenn es eine Frau gebaut hätte?
Ich glaube nicht, dass eine Frau das Berner Münster anders oder besser gebaut hätte. Es ist ein gelungenes Bauwerk mit einer schönen Münsterplattform.

Sie setzen sich für gendergerechtes Bauen ein. Aus Ihrer Sicht hätte eine Frau das Münster doch besser hingekriegt?
Gender und gendergerechtes Bauen hat im Grunde nichts damit zu tun, ob eine Frau besser baut als ein Mann oder umgekehrt.

Bringen Sie Licht ins Dunkel. Erklären Sie, mit was es dann zu tun hat.
Wir setzen uns dafür ein, dass sämtliche Alltagsbedürfnisse aller Benutzergruppen eines Raums berücksichtigt werden.

Geben Sie uns bitte ein Beispiel.
Um ein allgemein verständliches Beispiel zu nennen: In öffentlichen Gebäuden bilden sich die berühmten WC-Schlangen vor den Frauentoiletten. Wir schauen, dass bei einem Neubau mehr Frauentoiletten als Männertoiletten geplant und gebaut werden.

Dann hat es doch mit Mann und Frau zu tun?
Nein. Nur indirekt. Im Englischen gibt es anders als im Deutschen zwei Begriffe für «Geschlecht». Einerseits das biologische Geschlecht – «sex» – andererseits das soziale Geschlecht – «gender». Bei gendergerechtem Bauen meinen wir also, dass die Bedürfnisse aller berücksichtigt werden - von Sehbehinderten, Frauen, Kindern oder Rollstuhlfahrenden. Natürlich sind oft Frauen negativ betroffen. Ein Beispiel: Die Wegsamkeit für Kinderwagen im öffentlichen Raum ist vielfach schlecht. Solange noch mehr Frauen als Männer für die Kinderbetreuung zuständig sind, werden die Frauen auch potenziell stärker betroffen sein. Das Gleiche gilt für altersgerecht ausgestaltete Räume. Weil Frauen statistisch gesehen älter werden, sind sie potenziell stärker von nicht altersgerechten Räumen betroffen. Aber darum geht es beim gendergerechten Bauen eigentlich nicht primär.

Bleiben wir konkret. Sie sind als Co-Expertin bei der Planung der Uni Mitte für die Gendergerechtigkeit beauftragt worden. Was tun Sie da jetzt genau?
Wir halten immer wieder den Finger darauf, dass auf die Verbindung zwischen dem Quartier Länggasse und dem Unibau geachtet und nicht einfach ein Fremdkörper ins Quartier gestellt wird. Für die Universität ist die Durchlässigkeit vom Quartier ins Uni-Areal nicht zentral. Für die Leute im Quartier aber schon. Wir haben also versucht, die Grundlagen für einen zukünftigen Bau für alle Benutzergruppen möglichst alltagstauglich zu gestalten. Gendergerecht bauen heisst schliesslich nichts anderes, als alltagstauglich zu bauen. Für alle Benutzenden.

Und weshalb wird es Sie weiter bei der Mission Uni Mitte brauchen?
Damit die Gendergerechtigkeit bei der Uni Mitte nicht «unter ferner liefen» verkommt. Gerade wenn die Planung in die konkrete technische Umsetzung kommt, lauert die Gefahr, dass unsere Anliegen vergessen gehen. Wenn das architektonische Siegerprojekt bei der Uni Mitte dereinst auserkoren wird, müssen auch die Kriterien für gendergerechtes Bauen miteinbezogen werden. Nicht nur wie schön ein Entwurf aussieht oder wie viel er kostet, darf ausschlaggebend sein. Erst der Einbezug aller Kriterien schafft einen Bau mit Qualität, der nachhaltig ist.

Weshalb achten die Architekten und Ingenieure eigentlich nicht selbst darauf, dass sie gendergerecht planen und bauen?
Das ist in der heutigen Ausbildung zu wenig ein Thema. Aber selbst mit ein bisschen Unterricht wäre es nicht getan. Es braucht verschiedene Leute, die bei der Planung durch unterschiedliche Brillen auf ein Projekt schauen und eine gemeinsame Lösung aushandeln.

Wenn wir hier über Ungerechtigkeiten zwischen Gendern diskutieren, dann schaffen wir sie gleichzeitig auch, weil wir sie konstruieren und reproduzieren. So kann nie eine selbstverständliche Gendergerechtigkeit entstehen. Weshalb reden Sie trotzdem darüber?
Solange wir die gesellschaftlichen Missstände diesbezüglich nicht identifizieren und anprangern, kann man sie auch nicht lösen. Man muss schon Forderungen aufstellen. Sonst verändert sich nichts und Ungerechtigkeiten zwischen Gendern bleiben. (Der Bund)

Erstellt: 07.10.2016, 06:51 Uhr

Gudrun Hoppe, Expertin für gendergerechtes Planen und Bauen beim Verein lares.ch

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Bis ins Jahr 2040 könnten über 12 Gebäude abgerissen und das Areal neu überbaut werden. Die Planer erwägen zudem, ein Hochhaus zu bauen. Wie die konkrete Ausgestaltung dereinst aussehen wird, entscheidet bis Ende 2017 ein offener Architekturwettbewerb. Einer Schätzung zufolge dürfte das Vorhaben einen tiefen dreistelligen Millionenbetrag kosten. Mit einem Neubau sollen bis 15'000 Quadratmeter zusätzliche Nutzfläche entstehen. (msc)

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