«Wir raten Frauen, sich einen Job zu suchen»

Lilly Toriola kümmert sich um Scheidungswillige. Eine Kampfscheidung nütze aber nur den Anwälten, sagt die Scheidungsplanerin.

Die Scheidungsplanerin Lilly Toriola trifft ihre Kunden auch mal in einem Café.

Die Scheidungsplanerin Lilly Toriola trifft ihre Kunden auch mal in einem Café. Bild: Adrian Moser

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Kürzlich meldete sich eine Frau vor der Hochzeit bei der Scheidungsagentur. Sie wollte sich über die Risiken der Ehe informieren, wie Lilly Toriola erzählt. «Das war eigentlich sinnvoll.» Denn ein Ehepaar bilde eine wirtschaftliche Einheit, dessen seien sich die wenigsten Hochzeitspaare bewusst. Sie ist Scheidungsmanagerin und hat zusammen mit ihrem ehemaligen Schulkameraden Sebastian Rufer die Scheidungsagentur gegründet. Toriola sitzt in einem Café und sortiert einen Stapel Unterlagen, den ihr eine scheidungswillige Frau geschickt hat. Der Stapel ist etwa vier Zentimeter hoch. «Das deutet auf eine unkomplizierte Scheidung hin.»

Kampf für 100’000 Franken

Unkompliziert ist eine Scheidung dann, wenn sich die Scheidungswilligen einig sind und nicht über Finanzen, Wohneigentum oder Kinder streiten. Kompliziert ist eine Scheidung, wenn um all das erbittert gestritten wird. «Davon profitieren aber nur die Anwälte und der Staat», sagt Lilly Toriola. Denn die Anwalts- und Gerichtskosten könnten 100’000 Franken schnell übersteigen. Eine Kampfscheidung ruiniere die Partner aber nicht nur finanziell, sondern auch emotional und gesundheitlich. «Oft erkrankt einer der beiden nach einer solchen Scheidung», sagt Toriola. Als Scheidungsmanagerin rate sie den Paaren deshalb, sich möglichst aussergerichtlich zu einigen und sich einen gemeinsamen Anwalt zu nehmen.

«Viele Frauen
haben sich nie um die gemeinsamen Finanzen
gekümmert.»
Scheidungsplanerin Lilly Toriola

Die Kampfscheidungen betreffen laut Toriola nur ein Fünftel der Paare. Doch auch eine einvernehmliche Scheidung könne die Betroffenen überfordern. Lilly Toriola erlebte dies zuerst am Beispiel einer Freundin. «Sie ist eine kluge Frau, die mit beiden Füssen auf dem Boden steht.» Die Scheidung habe die Frau aber total aus der Bahn geworfen, sagt Toriola. Da sei ihr erstmals die Idee zur Scheidungsagentur gekommen. Es gebe für alle wichtigen Ereignisse im Leben Dienstleister: Hochzeitsplaner oder Bestattungsunternehmen. «Und warum kümmert sich niemand um Menschen, die sich scheiden lassen?»

Insbesondere das Besorgen der administrativen Unterlagen kann mit grossem Aufwand verbunden sein. «Viele Frauen haben sich nie um die gemeinsamen Finanzen gekümmert und wissen nicht, wo der Mann die Unterlagen aufbewahrt.» Dann gehen die Scheidungsberater zu den Betroffenen heim und helfen dabei, die nötigen Papiere zu beschaffen. Das sei nicht immer einfach. Vor allem wenn der Mann ein eigenes Geschäft habe und sich nicht scheiden lassen wolle. Etwa 55 Prozent der Scheidungen gehen von Frauen aus. «Leider kommt es oft vor, dass solche Männer ihr Einkommen verschleiern, um Unterhaltszahlungen zu vermeiden.» Unterhalt würde Frauen heute aber viel seltener zugesprochen, als viele Leute denken. «Darum raten wir scheidungswilligen Frauen, einen Job zu suchen», sagt Toriola.

Kinder sind dazwischen

Hingegen komme es ab und zu vor, dass Frauen den Kontakt der Kinder zum Vater sabotierten, ohne dies zu wollen. «Ihnen ist gar nicht bewusst, was sie tun», sagt Toriola. Wenn im Streit der Hass auf den Partner wachse, dann verweigerten die Kinder den Kontakt zu diesem. «Sie wollen ihr Mami nicht traurig machen.»

Aber warum lassen es Menschen, die sich liebten, zur Kampfscheidung kommen? «Das ist eine Frage der Persönlichkeit und der Streitkultur», sagt die Scheidungsmanagerin. Viele Paare hätten nie über grundlegende Dinge wie Finanzen und Rollen gesprochen. «Und dann sind sie plötzlich von der Haltung des anderen völlig überrumpelt», sagt Toriola. So sieht etwa die Frau die Kinderbetreuung als Arbeit und erachtet den Lohn des Mannes als gemeinsames Gut. Er aber sieht das Geld als sein Eigentum. Auch schwere Kränkungen und emotionale Verletzungen könnten eine Kampfscheidung begünstigen, sagt Toriola. Aber die meisten Paare hätten sich einfach so weit auseinandergelebt, dass die Liebe erloschen sei.

Toriola selbst ist seit einem guten halben Jahr verheiratet. Die 35-Jährige heiratete den Vater ihres fünfjährigen Sohns. Ihren heutigen Mann kennt sie seit dem Gymnasium. Und obwohl sie keine romantische Ader habe, sei die Hochzeit ein emotionaler Moment gewesen, sagt sie. «Ich verstand plötzlich, warum es manchen Paaren wichtig ist zu heiraten.» (Der Bund)

Erstellt: 06.08.2018, 06:37 Uhr

Erste Beratung gratis

Nach der Hochzeitsplanerin letzte Woche wird an dieser Stelle die Scheidungsplanerin vorgestellt. Vor vier Jahren haben die ehemalige Journalistin Lilly Toriola und der Betriebswirtschafter Sebastian Rufer eine Agentur gegründet, die Dienstleistungen für Menschen in Scheidung anbietet. Sie helfen beim Umzug ebenso wie beim Papierkrieg. Sie übersetzen Juristendeutsch und vermitteln Anwälte. Eine erste telefonische Konsultation ist gratis und unverbindlich. Die weiteren Dienste kosten zwischen 190 und 2500 Franken. Dafür erhalten die Kunden eine vertiefte Beratung durch die Scheidungsplaner und eine zweite durch einen Anwalt. Dazu gehört der Entwurf eines Scheidungsvertrags, sofern sich die Parteien einigen können. Nicht eingerechnet sind die Gerichtskosten. Mit diesen kostet eine einvernehmliche Scheidung 3000 bis 6000 Franken. «Teuer wird die Scheidung erst nachher», sagt Toriola. Denn insbesondere wenn Kinder im Spiel seien, müsse das Paar nach der Scheidung zwei Haushalte finanzieren. (nj)

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