Wir müssen auch Touristen und Tamilen ins Stadttheater holen

Bei der Kulturvermittlung könnte Bern einiges von Berlin lernen, findet Barbara Balba Weber von der Hochschule der Künste Bern.

So bunt zusammengewürfelt wie diese Schuhe, sollte auch das Publikum der Berner Stadttheaters sein. Dazu benötigt es gute Kulturvermittlung.<p class='credit'>(Bild: Adrian Moser)</p>

So bunt zusammengewürfelt wie diese Schuhe, sollte auch das Publikum der Berner Stadttheaters sein. Dazu benötigt es gute Kulturvermittlung.

(Bild: Adrian Moser)

Was kann die grösste städtische und kantonale Kulturinstitution – Konzert Theater Bern – bieten, was andere Städte nicht auch bieten? Warum sollten an sogenannter Hochkultur Interessierte eine Vorstellung im Stadttheater besuchen, statt dafür nach Zürich zu reisen oder einen Kurztrip nach Berlin zu machen? Warum sich die vom guten Lokalorchester gespielte Sinfonie im Konzerthaus anhören, statt sich gemütlich zu Hause in die Aufnahme eines Weltklasseorchesters zu vertiefen?

Warum sich in einen Saal mit homogenem Publikum begeben, statt in einen pulsierenden Multikulti-Hotspot einzutauchen? Wie kann eine öffentlich hoch subventionierte Kulturinstitution Einzigartigkeit bieten anstatt das Austauschbare? Kurz: Wie kann KTB für die Berner Gesellschaft des 21. Jahrhunderts relevant werden?

Es gibt auf solche Fragen ganz unterschiedliche Antworten. Eine davon ist, aus dem Vierspartenhaus ein Modell für die Verbindung von Hochkultur und breiter Gesellschaft zu machen. Aktueller Ansatz dafür ist die «kulturelle Teilhabe», die von Geldgebern und Politik immer lauter gefordert wird.

Wenig Geld, grosse Wirkung

Wenn im exemplarischen Fall von KTB von den 38 Millionen Subventionen schon nur ein Prozent mehr als heute für Teilhabe-Projekte und ein weiteres Prozent für entsprechend qualifiziertes Personal ausgegeben würden, stünde das Haus in wenigen Jahren neu da.

«Kulturelle Teilhabe», das ist in Stichworten: Diversität bei Mitarbeitenden und Publikum, künstlerische Präsenz im öffentlichen Raum, partizipative künstlerische Projekte mit diversen Gesellschaftsgruppen, Kooperationen mit Verbänden und Organisationen, verschiedene Publikumsräte, eine Betriebskultur als Gastgeberkultur und die Aufhebung struktureller Hindernisse für einzelne Gesellschaftsgruppen.

Aktuell werden bei KTB kaum Mittel für «kulturelle Teilhabe» verwendet. Zwar gibt es eine pädagogische Vermittlungsabteilung, die ausgezeichnete Arbeit auf ihrem Gebiet macht. Aber um «kulturelle Teilhabe» zu verwirklichen und um längerfristig grosse Teile der Gesellschaft in ein solches Haus zu integrieren, braucht es wesentlich mehr als Sitzkissenkonzerte und Tanzworkshops.

Von null auf zwölf Prozent

Die Komische Oper Berlin beispielsweise hat das Thema damit angepackt, dass sie den interkulturellen Coach Mustafa Akça einstellte. Seine Aufgabe war, die türkischstämmige Community ins Haus zu holen. Innerhalb von kurzer Zeit konnte dieses Publikumssegment von null auf zwölf Prozent vergrössert werden.

Wie Akça das gemacht hat? Nichts einfacher als das: Er hat die türkischstämmigen Menschen gefragt, was es brauchen würde, damit sie in die Komische Oper kommen. Daraufhin schuf man eine Übersetzungsanlage auf der Bestuhlung. Man entwickelte interkulturelle Langzeitprojekte wie «Selam Opera!», führt regelmässig Pop-up-Operas durch oder bringt mit einem speziellen Opernbus Künstlerteams direkt in die diversen Berliner Stadtteile.

Wir sind zwar hier in Bern und nicht in Berlin und haben deshalb weniger Türkischstämmige – dafür aber haben wir albanisch- oder tamilischstämmige Gesellschaftsgruppen. Wir haben eine grosse Landbevölkerung oder Tausende von Berufsschülern und Studentinnen. Wir haben Menschen mit wenig Geld. Wir haben massenhaft Touristen und die gesamte politische Elite vor der Haustüre. Es ist Zeit, dass Kulturinstitutionen wie KTB alle diese Menschen ins Haus holen oder zu ihnen rausgehen.

Es braucht die fünfte Sparte

Denn KTB braucht die Leute, damit es für sie relevant bleibt. Um dies ins Werk zu setzen, braucht es eine fünfte Sparte, die Teil der Leitung ist, die eigene Entscheidungsbefugnisse hat und die interdisziplinär das Musiktheater, den Tanz, das Schauspiel und die Sinfonik verbindet.

Die fünfte Sparte muss mit hoch qualifiziertem Personal ausgestattet sein, um die Teilhabe-Projekte zu konzipieren und durchzuführen. Das alles wäre mit einem Bruchteil des Geldes zu verwirklichen, das aktuell für goldene Fallschirme, für geheim gehaltene Spitzenhonorare oder für Anwaltskosten ausgegeben wird. Keine Hexerei also. Packen wirs an – auf dass die Hochkultur, in Anlehnung an den Wahlslogan der stärksten Partei der Stadt Bern, schon bald allen gehört statt bloss wenigen. Beethoven hätte seine Freude daran gehabt!

Der Bund

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