«Wir können nicht die ganze Stadt abriegeln»

Nach der Gewalteskalation bei einer Kurden-Demo spricht Polizeichef Manuel Willi über die Rolle der Linksautonomen und sagt, warum die Polizei die Zusammenstösse nicht verhindern konnte.

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Adrian Müller@mueller_adrian

Kurden und nationalistische Türken prügelten wild mit Schlagstöcken aufeinander ein: Die Szenen auf dem Helvetiaplatz erinnerten an Bürgerkrieg. Wie verlief die Gewalteskalation aus Sicht der Polizei?
Manuel Willi: Es war ein äusserst schwieriger Einsatz an mehreren Brennpunkten. In einer ersten Phase ging die Aggression von der kurdischen Seite aus, welche die bewilligte Kundgebung zu verhindern versuchte. Unser Hauptziel war von Anfang an, die zwei Gruppen zu trennen. Diese suchten teilweise gezielt die Auseinandersetzung. Für die Polizisten war es aber sehr schwierig, die Gruppierungen zu erkennen und auseinanderzuhalten. Sie erlebten zudem die rohe Gewalt am eigenen Leib: Leute haben mit Metallstangen auf Köpfe von Polizisten eingeschlagen. Nur dank guter Schutzausrüstung sind unsere Leute nicht schwer verletzt worden. Einige erlitten aber schwere Prellungen. Das hätte aber ganz anders ausgehen können. Sogar auf unseren Diensthund haben Demonstranten mit einem Kick in die Schnauze eingetreten.

Die Polizei wusste im Vorfeld über die von den Kurden geplante Gegendemonstration Bescheid. Warum wurde die Bewilligung für die UETD-Kundgebung nicht zurückgezogen?
Bewilligungsbehörde ist die Stadt, die Kantonspolizei gibt eine Risikoeinschätzung ab. Uns war durchaus bewusst, dass es zu Provokationen kommen kann. Die Schwelle, eine Kundgebung abzusagen, ist aber sehr hoch. Darum war die Polizei mit einem entsprechend grossen Aufgebot präsent, um das verfassungsmässige Grundrecht der Meinungs- und Versammlungsfreiheit gewährleisten zu können.. Mit dem Ausmass an Gewalt konnte gemäss den uns vorliegenden Informationen nicht gerechnet werden.

Wie hat der Nachrichtendienst die Polizei über das Gewaltpotenzial ins Bild gesetzt?
Gestützt auf die von verschiedenen Stellen erhaltenen Informationen haben wir eine Lagebeurteilung vorgenommen. Es war der Polizei durchaus bewusst, dass die Kurden keine Freude an der bewilligten Demonstration haben. Klar ist aber auch: Wir können die Zukunft nicht voraussehen. Nochmals: Mit diesen Ausmass der Gewalt konnten wir nicht rechnen. Solche massiven Zusammenstösse zwischen Volksgruppen hat es in Bern in den letzten Jahren nicht gegeben.

Mehrere Videos zeigen, wie Autos unterhalb auf der Schwellenmattstrasse Menschen über den Haufen fahren. Zuvor ging dort ein wild gewordener Mob aufeinander los. Was ist genau vorgefallen?
Wir haben den Autolenker ermittelt und befragt. Er ist auf freiem Fuss und nicht in Untersuchungshaft, da keine Haftgründe bestehen. Ich kann keine Mutmassungen darüber anstellen, was dort genau vorgefallen ist. Klar ist: Von einer einzelnen Videosequenz kann man sich kein komplettes Bild machen. Es gibt bei der Szene ein «Vorher» und «Nachher». Wir sind daran, den genauen Hergang minutiös aufarbeiten.

Augenzeugen monierten, die Einsatzkräfte seien mit den Zusammenstössen teilweise überfordert gewesen. Was sagen Sie dazu?
Das stimmt überhaupt nicht. Zahlreiche Personen suchten gezielt die Auseinandersetzung an verschiedenen Orten. Das lässt sich selbst mit dem grössten Polizeiaufgebot nur schwer kontrollieren. Wir können und wollen nicht einfach so die ganze Stadt abriegeln. Die Schweiz ist glücklicherweise kein Polizeistaat.

Welche Rolle spielten Berner Linksautonome, die ebenfalls für die Gegendemo mobilisierten?
Es besteht der Verdacht, dass sie für die Angriffe auf Polizisten und Vandalenakte beim Bollwerk verantwortlich sind . Bei der Demo am Nachmittag waren zwar Autonome vor Ort. Die entscheidende Rolle kam ihnen aber gemäss heutigem Erkenntnisstand bei der Gewalteskalation nicht zu.

Der Kurden-Konflikt schwappt mit der Gewalteskalation direkt nach Bern. Welche Lehren zieht die Polizei daraus?
Die Emotionen bei den Landsleuten der entsprechenden Volksgruppen steigen auch in der Schweiz. Wir spüren die Auswirkungen eines grosses Konflikts und werden die Eskalation vom Samstag in die künftige Lagebeurteilung mit einfliessen lassen. Man darf jetzt aber auch nicht in eine Hysterie verfallen und pauschal eine Volksgruppe verurteilen.

Von Seiten Polizei herrschte am Samstag während Stunden Funkstille. Selbst als Videos auf sozialen Medien kursierten und Gerüchte über Tote die Runde machten, wurden Bürger und Medien nicht ins Bild gesetzt. Kann es sich die Polizei leisten, sechs Stunden lang zu schweigen?
Die Polizei hat nicht geschwiegen, sondern gesagt, dass sie im Zusammenhang mit Kundgebungen im Einsatz stand. Unser Ziel ist sicher, so schnell wie möglich umfassend zu informieren. Wir dürfen aber auf keinen Fall Falschinformationen verbreiten. Wir können nicht sagen, es gibt keinen Toten, wenn wir nicht hundert Prozent sicher sind. Wir mussten erst diverse Spitäler abklappern, obschon uns diese und die Sanitätspolizei über mögliche Opfer informieren würde. Aber deren Primäraufgabe ist Leben zu retten und nicht Infos weiterzuleiten.

DerBund.ch/Newsnet

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