«Wir in der Lorraine haben das Dope und die Partys»

Serie

In der sechsten Folge der Serie «Quartierspaziergang» führt Musiker Bubi Rufener in die Hinterhöfe und alternativen Ecken der Lorraine.

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Gianna Blum

«Natürlich muss man beim Kairo anfangen», sagt Bubi Rufener, «das ist mein Lieblingsort, die beste Ecke der Lorraine». Das mit dem liebsten Ort ist ein Satz, den Rufener auf dem Quartierspaziergang durch die Lorraine noch einige Male sagen wird. Geht es nach ihm, sind hier eigentlich nur Superlative beheimatet: Die beste Beiz – das sind das Café Kairo, die Brasserie Lorraine und der Wartsaal gleichzeitig. Das beste Coiffeurgeschäft? Sowohl Jane’s an der Jurastrasse wie auch die Frizerie am Turnweg. Nur der Buchladen Sinwel und der Velokurierladen besetzen den «besten»-Platz im Rufenerschen Vokabular alleine, was vermutlich schlicht daran liegt, dass sie die einzigen entsprechenden Geschäfte in der Lorraine sind.

Seit rund dreizehn Jahren wohnt der Musiker Bubi Rufener in der Lorraine. Angesichts der Tatsache, dass auch die «Bund»-Redaktion in diesem Quartier beheimatet ist, sollte man meinen, die Gegend sei für jemanden mit Arbeitsplatz am Dammweg bekannt genug. Rufener straft aber der vermeintlichen Ortskenntnis bereits bei der ersten Station des Spaziergangs Lügen. Fröhlich spaziert er in den Hinterhof des Café Kairo und dort schnurstracks in das Gebäude hintendran – «mal schauen, ob Pedro da ist».

Das Haus, in das er hineinführt, beherbergt die Faktur – eine Ateliergemeinschaft, die mit einem Grossraumbüro nur gemeinsam hat, dass viele verschiedene Parteien in einem einzigen Raum arbeiten. Der gesuchte Pedro Lenz haut an dem Tag zwar nicht in die Tasten, dafür sitzt die grüne Grossrätin Natalie Imboden neben Illustratoren und Grafikern, die sich alle durch Rufeners spontanen Überfall nicht stören lassen. Und es ist nicht der einzige Hinterhof, in den Rufener führt: Das Lager des Velokuriers gleich hinter dem Kairo, die Radio-Rabe-Studios am Randweg und auch Rufeners eigener, mit Badewanne ausgestatteter Hinterhof am Turnweg stehen auf dem Programm.

«Kä Booge um Drooge»

Nicht nur in der Faktur, auch unterwegs scheinen beinahe alle Bubi Rufener zu kennen, und er ist ein Mensch, der von der BZ-Kolumnistin bis zum Velomechaniker mit allen etwas zu plaudern hat, denen man in der Lorraine so über den Weg läuft. Bekannt ist er natürlich auch dank seiner Musikerkarriere, die nicht nur etliche Jahre, sondern auch die unterschiedlichsten Musikstile umfasst – etwa die legendäre Psychedelic-Rockband Bishop’s Daughter oder die Hip-Hop-Combo Allschwil Posse, eine Parodie auf den Gangsta-Rap der 90er-Jahre, für die der Berner Rufener in sauberem Baseldeutsch forderte: «Mach kä Booge um Drooge, Drooge sind guet, alles andri isch glooge.» Nicht jeder habe damals begriffen, dass das nicht ganz ernst gemeint war, sagt Rufener.

Seine Bekanntheit sei zwar zum Glück «mehr so eine Untergrund-Berühmtheit», findet Rufener selbst, aber im Quartier werde er durchaus erkannt. «Das ist eigentlich schön, manchmal aber auch mühsam – grad wenn ich miese Laune habe.» Zumindest während des Spaziergangs zeigt sich Rufener aber bestens gelaunt, und mit der Allschwil-Posse-Aufforderung zum Drogenkonsum passe er ganz gut ins Quartier: «In der Länggasse haben sie die Studentinnen und Studenten, im ‹Breitsch› die Bürgerlichen und die Lehrer, und wir in der Lorraine, wir haben das Dope und die Partys», erklärt Rufener breit grinsend.

Nur spassig sieht Rufener das Thema Drogen aber keineswegs – arbeitet er doch seit nunmehr 17 Jahren für das Contact Netz, einer Stiftung für Jugend-, Eltern- und Suchtarbeit, in der Berner Anlaufstelle für Drogenabhängige. «Das Schlimmste ist die Kriminalisierung», sagt er, «auch wenn es natürlich ein schwieriges Thema ist, glaube ich, dass Drogen zu illegalisieren der falsche Weg ist.» Contact Netz betreibt auch den LoLa-Laden an der Lorrainestrasse: Der Bioladen ermöglicht ehemals Drogenabhängigen den Wiedereinstieg ins Berufsleben.

Lederstrumpf am Turnweg

Rufener selbst wohnt am Turnweg, in diesem Mini-Quartier östlich des Nordrings, das nicht so recht zur Lorraine, aber auch nicht so recht zum Breitenrain gehören will. «Wir sind quasi im Niemandsland», sagt Rufener, «wie Lederstrumpf im ‹letzten Mohikaner›». Der Held aus James Coopers Romanzyklus habe schliesslich auch im Grenzgebiet gelebt. «Die alten Lorraineler behaupten zwar, dass der Nordring das Ende der Lorraine markiert, aber wir haben immer noch die Postleitzahl 3013», so Rufener. Allerdings kann sich nicht nur die Lorraine, sondern auch der Altenberg und ein Teil des Breitenrains mit dieser Postleitzahl rühmen. Auch die städtischen Statistikdienste geben den «alten Lorrainelern» recht: Sowohl nach der Definition des «gebräuchlichen Quartiers» wie auch dem statistischen Bezirk wohnt Rufener streng genommen bereits im Breitenrain.

Rufener zeigt sich von den statistischen Beweisen unbeeindruckt, und fühlt sich in der Lorraine beheimatet – auch wenn er schon mal vom Leben in den Bergen träumt: «Mir gefällts. Die Lorraine hat einen ganz eigenen, leicht schmuddeligen Charme.» Allerdings sei viel von diesem Charme in den letzten Jahren verloren gegangen – insbesondere bezahlbarer Wohnraum werde immer rarer, sagt Rufener, «und vor allem an den Wochenenden wird überdeutlich, dass das hier ein In-Quartier geworden ist – dann fallen die ganzen Teenager ein». Von der Quartierentwicklung her sei die Lorraine ein typischer Fall: «Erst wohnen Ausländerinnen und Ausländer da, dann kommen die Musiker, und wenn dann die Werbeagenturen einziehen, geht es bergab».

Ganz so schlimm wie in den Medien thematisiert stehe es um die Lorraine aber trotzdem nicht: «Politisch steht das Quartier nach wie vor stark links», sagt Bubi Rufener, es gebe immer noch eine lebendige alternative Szene. «Solange es Betriebe wie den LoLa-Laden, oder den Bioladen Q-Hof gibt, solange es so viele Wohnprojekte und Genossenschaften hat, mache ich mir um die Lorraine keine Sorgen.»

DerBund.ch/Newsnet

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