«Wir haben wirklich genug»

Theoretisch haftet die Steiner AG für die Mängel in Berns Schönberg-Ost. In der Praxis haben private Wohneigentümer aber fast keine Handhabe gegen die Firma.

Die schweren Baumängel im Stadtberner Prestigequartier Schönberg-Ost führen dazu, dass zahlreiche Mieter ausziehen müssen.

Die schweren Baumängel im Stadtberner Prestigequartier Schönberg-Ost führen dazu, dass zahlreiche Mieter ausziehen müssen. Bild: Franziska Rothenbühler

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«Die Totalunternehmerin haftet grundsätzlich dafür, dass ihr Bauwerk keine Mängel aufweist, und zwar ohne Rücksicht auf die Ursachen der Mängel und unabhängig vom Verschulden.» So steht es in der Norm des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA), und so steht es auch im Kaufvertrag für die Wohnung in einer Liegenschaft auf dem Baufeld B in Schönberg Ost.

Ein Besuch im Quartier an der Gemeindegrenze zeigt: Schon die Tür des Hauses an der Bitziusstrasse lässt sich nicht ohne weiteres öffnen. «Wenn die Sonne zu stark scheint, verzieht sich die Holztür», sagt Markus Kaiser, der mit seiner Partnerin Stefanie Schreiber (Namen geändert, der Redaktion bekannt) die Attikawohnung gekauft hat. Und so geht die Tür manchmal ohne Schlüssel auf, manchmal lässt sie sich überhaupt nicht öffnen. Von innen stützen zwei massive Holzpfosten den Türbereich des Hauses – diese mussten im Nachhinein eingebaut werden, weil der Eingang sonst zu instabil gewesen wäre. Nicht nur bei der Tür, auch am Dach gibt es Probleme. Den Abschluss des Treppenhauses bildete ursprünglich eine Glaskuppel. Weil die aber nicht den Normen entsprochen habe, musste sie wieder ausgebaut werden. Das Loch im Dach deckt jetzt eine simple, flache Scheibe. Aber: «Das Glas hier ist seit einem Jahr provisorisch eingebaut, wenn es regnet, leckt die Dichtung», sagt Kaiser.

Die Liste für alle Mängel zwischen Tür und Dach für das Haus und die Wohnungen umfasst über 250 Positionen, nicht zuletzt fehlen Brandschutzzertifkate. Auch ums Haus bestehen Mängel: Das Bauinspektorat der Stadt Bern beanstandet die Hecken, ein vorgesehener Containerunterstand wurde gar nicht gebaut. Damit sind aber die Mängel in den einzelnen Wohnungen noch nicht beschrieben, auch bei Kaiser und Schreiber: Bodenplatten auf der Terrasse wackeln, die Wände sind stellenweise weniger massiv als auf den Plänen beschrieben, die Storen flattern im Wind – sofern sie denn nicht vergessen gegangen sind, wie an der grossen Fensterfront. Probleme macht auch die Lüftung, in einem Teil der Wohnungen wurden bei der Montage etwa Zu- und Abluftanschlüsse verwechselt, in einer Wohnung wurde die Lüftung gar nicht angeschlossen. Und nicht zuletzt fehlt bis heute auch das eigentlich mitverkaufte Minergiezertifikat.

Kaum zu erreichen

Der Kontakt zu Steiner gestalte sich sehr schwierig, sagen Kaiser und Schreiber: «Sobald wir den Kaufvertrag unterschrieben hatten, war die Firma nur noch sehr schlecht zu erreichen.» Ansprechpartner hätten ständig gewechselt, Fristen würden ignoriert. Inzwischen hat ein Experte der Versicherung der Steiner AG zwar diverse Mängel erfasst. Diese werden wohl behoben – «aber das sind längst nicht alle», sagt Schreiber. «Wir haben wirklich genug», sagt Kaiser. Nach Jahren der Korrespondenz überlegen Schreiber und Kaiser nun, wie es weitergehen soll. Eine Möglichkeit: Die Mängel mit einem gerichtlichen Gutachten feststellen zu lassen. Doch: Die Kosten dafür müssten sie vorerst selbst tragen – bis auf die 15'000 Franken, die die Burgergemeinde den Eigentümern der sechs Häuser gemeinsam für neutrale Gutachten zugesichert hat.

Ebenso wäre es, wenn Kaiser und Schreiber zu einer Ersatzvornahme greifen würden: Die Mängel würden ausgebessert, vorerst auf Kosten der Eigentümer, die den Betrag der Steiner AG weiterverrechnen würden. Ob diese bezahlen würde, ist fraglich – der vierseitige Betreibungsregisterauszug verzeichnet seit 2013 Betreibungen von gut 11 Millionen Franken. Auch gegenüber dem «Bund» gibt sich die Steiner AG zugeknöpft. Via Pressestelle lässt sie ausrichten: Zu ihren Kompetenzen zählten die professionelle Bau- und Projektleitung, die schlüsselfertige Übergabe sowie das Kontrollieren und Leiten allfälliger Garantiearbeiten – «so auch beim Projekt Schönberg Ost». Weitere Fragen, die sich auf Schönberg Ost beziehen, könne man aufgrund laufender Gespräche derzeit nicht kommentieren. (Der Bund)

Erstellt: 15.12.2018, 08:05 Uhr

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