«Wir haben viel zum Wohlstand beigetragen»

Am Samstag demonstrieren Grossmütter auf dem Berner Waisenhausplatz. Sie finden es unfair, wenn alte Menschen nur als Kostenfaktor wahrgenommen werden.

Die Berner Ex-Nationalrätin Barbara Gurtner hat zeitlebens für Frauenanliegen gekämpft.

Die Berner Ex-Nationalrätin Barbara Gurtner hat zeitlebens für Frauenanliegen gekämpft.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Dölf Barben@DoelfBarben

Die Jungen müssten für die Alten zahlen: Diese Aussage könne sie nicht mehr hören, sagt Barbara Gurtner. So selbstbewusst und deutlich, wie sich die 74-jährige Bernerin äussert, ist auch das Flugblatt zur heutigen Demonstration der «Grossmütter-Revolution» abgefasst. «Wir haben es satt, als Kostenverursacherinnen und Last für die Gesellschaft bezeichnet zu werden», steht da. Die Erläuterungen klingen abgeklärt und nüchtern: Die Hochaltrigkeit sei eine Folge der Wohlstandsgesellschaft. «Und ja: Die beiden letzten Lebensjahre sind in der Regel teuer.» Das Alter sei aber auch wertvoll und dürfe in der reichen Schweiz etwas kosten. «Das Alter ist uns teuer»: Das ist denn auch das Motto der Demonstration.

Barbara Gurtner sass in den 1980er-Jahren für die Progressiven Organisationen der Schweiz (Poch) im Nationalrat. Die 68er-Bewegung hat sie geprägt. Sie kämpfte zeitlebens für die Gleichstellung der Geschlechter – sprich für die Gleichstellung der Frauen. Sie hätten schon damals immer darauf hingewiesen, gleicher Lohn sei Voraussetzung für eine gleich hohe Rente, sagt sie. «Es ist krass, alles, was wir damals gesagt haben, ist jetzt da.» All die Gratisarbeit, welche von Frauen geleistet wurde und wird, entpuppe sich für sie nun als Nachteil.

Keine Almosenempfängerinnen

Interessant zu wissen wäre aber, wie die Rechnung genau aussieht, sagt Gurtner. Sie und ihre Mitstreiterinnen bezweifelten es vehement, bloss Almosenempfängerinnen zu sein. «Wir sind daran, das zu untersuchen.» Viel eher sei nämlich das Gegenteil wahr. «Frauen haben massiv zum Wohlstand beigetragen»: Und das nicht nur mit Lohnarbeit, AHV-Beiträgen, Steuern, Krankenkassenprämien, sondern eben auch mit einer Unmenge an unbezahlter Arbeit.

Aus diesem Grund will Gurtner es nicht hinnehmen, dass Frauen für ihre ehrenamtliche Arbeit, die sie ein Leben lang geleistet haben, teuer bezahlen müssen, wenn sie gebrechlich werden und auf Betreuung angewiesen sind. «Wir wollen uns darauf verlassen können, in der letzten Phase unseres Daseins würdig leben zu können und gut umsorgt zu sein», sagt sie.

Alt für jung – und umgekehrt

Es sei bloss ein Zufall, dass die Demonstration nun im Vorfeld der AHV-Abstimmung stattfinde und auch vor dem Hintergrund des neuerlichen Entlastungspakets des Kantons Bern, sagt Gurtner. Sie unterstützt – trotz dem höheren Frauenrentenalter – die AHV-Vorlage. Der Anlass für die Kundgebung sei das Manifest «Das hohe Alter ist uns teuer». Verfasst haben es ein Dutzend Frauen aus der ganzen Schweiz. Ihre Anliegen gingen ohnehin über die Tagespolitik hinaus, sagt sie. Das Thema sei das Alter in einem umfassenden Sinn, letztlich der gesellschaftliche Zusammenhalt. «Generationensolidarität ist hier das Stichwort», sagt Gurtner, die zwei Töchter und vier Enkelkinder hat.

Es hänge doch alles zusammen, meint sie. Alte und junge Menschen seien voneinander abhängig. Und wer jung sei, werde einmal alt sein. Darum ergebe es auch wenig Sinn, wenn alle nur für sich kämpften. Barbara Gurtner veranschaulicht das, was sie meint, am Thema Hindernisfreiheit: Wenn ein öffentlicher Platz so gebaut werde, dass er mit Rollatoren gut zu passieren sei, sei das auch für junge Familien mit Kinderwagen ein Vorteil. «Man muss von Anfang an so bauen, dass alle Platz haben.»

Zuwendung statt Bürokratie

Strukturen sind es, auf die Gurtner immer wieder zu sprechen kommt, gerade wenn es um die letzte Phase des Lebens geht. Es müsse selbstverständlich werden, dass alte Menschen einen Anspruch hätten auf Lebensqualität und darauf, dass ihre Würde gewahrt bleibe – insbesondere bei Pflegebedürftigkeit und Hilflosigkeit. In solchen Situationen dürften alte Menschen keinesfalls den Eindruck gewinnen, sie würden anderen bloss noch zur Last fallen. «Hilflosigkeit gehört zum Menschsein», sagt Gurtner. Darum sei es so verhängnisvoll, wenn das Gesundheitswesen zunehmend ökonomisiert werde und die Kostenfrage alles andere ersticke. Werde Pflege und Betreuung voneinander getrennt, bleiben laut Gurtner wichtige Bedürfnisse der alten Menschen auf der Strecke. «Was ist das dann für ein Leben, wenn niemand mehr Zeit hat zu fragen, wie es einem geht?»

DerBund.ch/Newsnet

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