Wir glaubten an die allumfassende Liebe

Das 68er-Lebensgefühl war blumig, luftig, leicht. Aber die Drogen machten unsere Träume von der grenzenlosen Freiheit kaputt. Ein Leserbeitrag von Ruth Isenschmid.

Die Autorin Ruth Isenschmid (sitzend) mit dem Auto «Chröttli».

Die Autorin Ruth Isenschmid (sitzend) mit dem Auto «Chröttli».

(Bild: zvg/Ruth Isenschmied)

Im Jahr 1968 war ich 16 Jahre alt. Aufgewachsen in einer kleinbürgerlichen Familie, faszinierten mich die revolutionären Gedanken der 68er. Ich liess meine Haare bis zu meinen Hüften wachsen und trug sie offen. Schlabberige Kleider aus Indien waren mein Mode-Outfit, dazu nackte Füsse, sofern es die Temperaturen in Bern zuliessen. Die Jeans mussten zerschlissen sein, die Pullis oder Blusen auf alt getrimmt oder aus Indien stammend. Fand ich eine Blume, steckte ich sie mir ins Haar.

Mit 18 machte ich den Führerausweis und kaufte für 100 Franken einen alten grasgrünen Volkswagen, den ich «Chröttli» nannte. Hingebungsvoll bemalten meine Freunde und ich ihn mit Blumen, die Radkappen bekamen Smileys. Auf den Berner Strassen wurde ich von der Polizei oft angehalten. Dabei schikanierte man mich jedes Mal nach Strich und Faden. Das Auto wurde nach Drogen abgesucht, da eine Person, die so aussah wie ich, sicher auch Drogen nahm (den Gefallen habe ich der Polizei allerdings nicht getan).

Das Lebensgefühl damals war leicht, luftig, blumig. Wir glaubten an eine allumfassende Liebe. Liebe zu allen Menschen, Liebe zu Tieren, Pflanzen, Liebe für die ganze Welt, die wir jeden Tag zu umarmen versuchten. Wir waren frei, jenseits aller Konventionen. Wir glaubten an eine bessere Welt. Eine Welt voller Liebe, Toleranz und gegenseitiger Achtung. Wir tanzten durchs Leben.

Gutbürgerliche Attacken

Abends trafen wir uns auf der Münsterplattform, unterhielten uns, spielten Gitarre, sangen und tanzten. Jeder Abend ein kleines Fest, bei dem natürlich auch der eine oder andere Joint nicht fehlte. Wenn die Ordnungshüter kamen, stoben wir auseinander, war die Polizei wieder weg, kamen wir zurück. Wir waren hartnäckig, besetzten manchmal auch Abbruchhäuser. Immer wieder wurden wir verprügelt, durch die Polizei oder auch durch «ehrbare» Bürger, welche sich in ihrer Ordnung bedroht fühlten. Diese gutbürgerlichen Attacken stärkten jedoch lediglich unseren Widerstand, gaben uns Mut und machten uns unverdrossen.

An kalten Tagen trafen wir uns im Café Die schwarze Tinte. Noch heute denke ich mit Wehmut an diesen Ort, der mir zur zweiten Heimat wurde. Wir haben stundenlang revolutionäre Ideen ausgetauscht. Wir jungen Frauen wollten uns nicht mehr in die Küche verbannen lassen. Wir wollten über unseren Bauch frei bestimmen können. Beruf und Kinder sollten vereinbar sein. Auch die jungen Männer machten mit und erhoben den Anspruch, an der Kindererziehung beteiligt zu werden. Wir kritisierten die Gesellschaftsordnung und suchten nach neuen Wegen. Kommunen wurden gegründet. Einige gingen aufs Land und versuchten sich als Selbstversorger. Je einfacher jemand lebte, desto besser.

Auch das Café des Pyrénées, der Falken oder der Aarbergerhof waren beliebte Treffpunkte. Dort traf man auch Polo Hofer oder Mitglieder der Gruppe Span an. Als junge Frau konnte ich abends allein in die Stadt gehen. Wenn ich in eines dieser Lokale kam, fand ich immer jemanden, mit dem ich diskutieren konnte. Alle sprachen mit allen. Man kannte dadurch auch sehr viele Leute. Der Anfang vom Ende

Auch die freie Liebe gehörte zu unserer Lebenseinstellung. Wir fanden es selbstverständlich, nicht nur einen Partner zu lieben. Kinder wurden in eine Gruppe hineingeboren. Jeder fühlte sich für sie verantwortlich. Es war verpönt, auf ein menschliches Wesen Besitzanspruch zu erheben. Jeder Mensch sollte frei sein, eingebettet in einer allumfassenden Liebe.

Nebst all diesen schönen Dingen muss ich ein Wort über die Drogen schreiben. Und das grosse Elend, das sie mit sich brachten. Sie waren der Anfang vom Ende einer wundervollen Ära. Viele meiner damaligen Freunde rutschten in harte Drogen ab, leben heute nicht mehr. Existenzen zerbrachen durch ungehemmten Drogen- oder Alkoholmissbrauch. Kinder wurden in die Welt gesetzt und von den drogenabhängigen Eltern im Stich gelassen.

Die Zeit lehrte uns, dass eine grenzenlose Freiheit eben nicht wirkliche Freiheit ist. Wir hatten die Chance, die Welt zu verändern, und haben diese Chance verpatzt, indem wir nicht verstanden, mit dieser grossen Freiheit umzugehen. Zurück bleibt die Erinnerung an ein Lebensgefühl: blumig, voller Liebe und Hoffnung – mit einem bitteren Nachgeschmack.

Ruth Isenschmid wurde in Bern geboren, seit 15 Jahren lebt sie in Dakar (Senegal), wo sie ein Bed-and-Breakfast-Hotel betreibt (www.aubergekeurdiame.wordpress.com). Den Text hat sie zuerst auf der digitalen «Bund»-Plattform «Stadtgespräch» publiziert. Diskutieren auch Sie mit auf stadtgespraech.derbund.ch.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt