«Wir geraten an unsere Grenzen»

Das Haus der Religionen am Europaplatz in Bern ist seit einem Jahr in Betrieb. Sein Leiter David Leutwyler sagt, weshalb die Einrichtung den Dialog praktiziert.

Alle Haltungen sind erlaubt, «solange sie anderen Respekt entgegenbringen», sagt David Leutwyler.

Alle Haltungen sind erlaubt, «solange sie anderen Respekt entgegenbringen», sagt David Leutwyler.

(Bild: Adrian Moser)

Markus Dütschler

Das Haus der Religionen am Europaplatz in Bern ist ein Jahr in Betrieb. Welche Höhepunkte gab es?
Verschiedene. Sehr speziell war eine Rede bei der Eröffnung des Hindu-Tempels. Ein buddhistisch-singhalesischer Mönch aus Sri Lanka sagte am Mikrofon, dass man hier eine Friedensarbeit in Gang setzen müsse, die bis in die Heimat reicht. Er und ein tamilischer Hindu-Priester haben danach in Colombo erste Kontakte geknüpft.

Das Haus hat an den provisorischen Standorten mehrfach die Adresse gewechselt. Nun ist es sesshaft. Ging dadurch nicht etwas verloren?
Es ist noch provisorisch genug, ein Labor mit vielen Experimenten. Verändert hat sich die Aussenwirkung. Interessierte gelangen an eine feste Institution und hegen darum den Anspruch, dass alles perfekt funktionieren müsse.

Sind Sie bereits ein Reiseziel auf Kaffeefährtchen?
So möchte ich es nicht nennen, aber es waren 300 Vereine und andere Körperschaften bei uns, vom Evangelischen Bauernwerk Württemberg bis zum Personalausflug der Stadt Langenthal. Manchmal meinen Leute, man könne hier jederzeit ein bestimmtes Ritual miterleben, so wie das fotografierende Touristen von Reisen gewohnt sind.

Und das wollen Sie lieber nicht?
Natürlich ist es gut, wenn sich Schulklassen und Vereine dafür interessieren. Wir müssen aber auch die Interessen der Gemeinschaften berücksichtigen, die eine Trauerfeier in einer gewissen Intimität durchführen wollen, ohne von Fremden beobachtet zu werden. Unsere Führungen sind bis Sommer 2016 ausgebucht.

Wie nehmen Schüler das Haus der Religionen wahr?
Solche vom Land staunen zutiefst über diese religiöse Vielfalt. Schüler aus der Stadt reagieren anders. Sie sagen: «Religionen unter einem Dach, so what?»

Ist es nicht so, dass die Menschen tief im Innersten doch glauben, dass ihre Religion die einzig wahre ist?
Bei uns ist jede Haltung erlaubt, solange man den anderen Respekt entgegenbringt. Die Gemeinschaften empfinden sich nicht als Konkurrenz, sondern fühlen sich respektiert.

Beim Bau gab es Konflikte wegen der Anordnung der Räume, die aus kultischen Gründen bestimmte Eigenschaften haben müssen.
Schon in der Bauphase hat man für alle eine akzeptable Lösung gefunden, das ist eine grosse Errungenschaft, denn die Bedürfnisse kamen sich zum Teil in die Quere. Weit mehr beschäftigte uns in den ersten Monaten, dass die Lüftung nicht richtig funktionierte.

Für einen IS-Kämpfer ist eine Moschee unter einem Dach mit einem Hindu-Tempel ein Horror. Gibt es Sicherheitsbedenken?
Wir sind mit der Polizei in einem guten Kontakt. Ich weiss nicht genau, wie ein Fanatiker denkt. Oft neigt man dazu, die Risiken in den Vordergrund zu stellen. Es braucht ein Grundvertrauen, so wie wir beim Autofahren auch nicht ständig befürchten, dass ein Unfall geschieht.

Die Anschläge von Paris waren eine deutliche Warnung.
Selbstverständlich haben wir Sicherheitsfragen im Vorstand besprochen. Allerdings liegen für manche Mitglieder Beirut oder Aleppo näher als Paris.

Die Juden, Bahai und Sikhs haben keine eigenen Räume. Ein Mangel?
Diese kleineren Gemeinschaften bringen sich auf andere Weise in den Betrieb ein, in dem sie sich beispielsweise am Veranstaltungsprogramm beteiligen.

Sind Ihnen einige davon besonders in Erinnerung geblieben?
Es gibt «Reflexe am Mittag». Da trägt eine Gemeinschaft einen Text vor, und eine andere macht sich Überlegungen dazu. Das ergibt tiefgründige philosophische und theologische Gespräche.

«Unser Haus der Religionen ist auch im Neubau noch provisorisch genug.»David Leutwyler, Leiter Haus der Religionen

Das ist herausfordernd.
Ja. Es gab zum Beispiel eine Begegnung zwischen äthiopischen Christen und Juden. Die äthiopische Kirche lehrt, dass die Bundeslade der alten Israeliten nicht verschollen, sondern in Äthiopien aufgehoben ist. In äthiopischen Kirchgemeinden, auch bei uns, gibt es in einem Safe eine kleine Kopie davon. Für Juden ist es schon etwas irritierend, diese ganz andere Deutung zu hören.

Inwiefern verändert der Dialog die daran beteiligten Religionen?
Im täglichen Kontakt muss man sich hinterfragen. Identität ist ein Prozess: Man hat Erfahrungen gesammelt und stellt diese zur Diskussion.

Das Haus der Religionen ist weltweit einmalig. Weiss man in Bern, welche Exklusivität man beherbergt?
Das Bewusstsein ist gestiegen, nächstens besucht uns eine Gruppe von Lokalpolitikern. Die Anerkennung kommt langsam, und sie ist vor allem das Verdienst meines langjährigen Vorgängers Hartmut Haas und der Vereinspräsidentin Gerda Hauck.

Das Projekt wäre vor der Realisierung beinahe gescheitert. Wie steht es jetzt finanziell da?
Wir wirtschaften gewissenhaft. Aber wir geraten an die Grenzen, wenn wir immer mehr Besucher betreuen sollen. Schon jetzt müssen wir Interessenten enttäuschen. Dafür brauchte es eine dauerhafte Finanzierung, die eine gewisse Planungssicherheit gäbe.

Welche Feinjustierungen gab es im ersten Betriebsjahr?
Auf der technischen Seite haben wir die Feuermelder von Rauchalarm auf Hitzealarm umgestellt: Wenn Weihrauch in der Luft war, gingen sie oft los.

Der Bund

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