«Winzige Südamerikanerin» wird höchste Stadtbernerin

Tania Espinoza (GFL) ist keine Meinungsführerin im Berner Stadtrat, ihre Auftritte werden aber beachtet. Heute wird sie zur höchsten Stadtbernerin gewählt.

«Sitzungen leiten gehört zu meinem täglichen Brot»: Ihre Erfahrungen als Schulinspektorin werden Tania Espinoza auch im Stadtratspräsidium nützen.

«Sitzungen leiten gehört zu meinem täglichen Brot»: Ihre Erfahrungen als Schulinspektorin werden Tania Espinoza auch im Stadtratspräsidium nützen.

(Bild: Adrian Moser)

Bernhard Ott@Ott_Bernhard

Je nach Thema sei sie im Sturm anzutreffen. Aber sie ziehe sich gerne auch ins Mittelfeld oder sogar in die Verteidigung zurück. «Da sind Ball halten und gute Deckung ja auch nützliche Fähigkeiten», sagte Kandidatin Tania Espinoza (GFL) im letzten Gemeinderatswahlkampf auf eine entsprechende Frage im «Bund»-Blog «Zum runden Leder». Als Vierte auf der Rot-Grün-Mitte-Liste mit den Polit-Schwergewichten Alexander Tschäppät (SP), Ursula Wyss (SP) und Franziska Teuscher (GB) waren die Chancen von Newcomerin Espinoza minim. Dafür hätte sie im Wahlkampf wohl mehr im Sturm spielen müssen. Bei einer nächsten Kandidatur für die städtische Exekutive, die sie nicht ausschliesst, tritt Espinoza nun aber mit mehr Erfahrung an.

In diesem Jahr steht die gebürtige Bolivianerin aber weder im Sturm noch in der Verteidigung, sondern mittendrin, allerdings als Moderatorin: «Im Ratspräsidium möchte ich eine gute Schiedsrichterin sein.»

Kühn, utopisch und pragmatisch

Die Rolle der Unparteiischen passt zu Espinoza. Sie gehöre nicht zu den Polterinnen und müsse sich nicht in den Vordergrund rücken. Seit ihrem Stadtratseintritt vor bald fünf Jahren hat sie als Parlamentarierin bloss 16 Vorstösse lanciert oder mitlanciert, vornehmlich zu sozialen Themen. Bei ihren Auftritten am Rednerpult geht der Lärmpegel im Saal aber jeweils merklich zurück. Dies hängt nicht nur mit der Seltenheit ihrer Voten zusammen, sondern wohl auch mit deren Sachlichkeit und Offenheit, notfalls auch in eigener Sache. «Fehler kann jeder machen. Wir korrigieren unsere Haltung, wenn es der Sache dient», sagte Espinoza zum Beispiel nach dem Kurswechsel ihrer Fraktion in Sachen Einheitsschulkommission. Nach einem Aufschrei ihrer Mitglieder in den Schulkommissionen verzichtete die GFL auf eine Zusammenlegung der sechs Schulkommissionen und setzte sich für die Beibehaltung des Status quo ein.

Im Wahlkampf entwarf Espinoza einmal die Utopie einer Grossgemeinde Bern mit Park and Rides in der heutigen Agglomeration, überdachten Autobahnen und Hauptverkehrsachsen wie zum Beispiel der Papiermühlestrasse als «Verweilzonen». Damals sei es eben explizit um eine Utopie gegangen, um einen Idealzustand, der allenfalls als Fernziel dienen könnte, sagt Espinoza heute. Die Einführung von Tempo 30 auch auf Hauptverkehrsachsen, wie dies zurzeit die Verkehrsdirektion von Ursula Wyss (SP) in Angriff nimmt, ist für Espinoza eine Frage der Abwägung im Einzelfall. «Tempo 30 kann man nicht einfach flächendeckend umsetzen.» Auch in Sachen Raumplanung ist Espinozas Haltung differenziert. Zwar steht sie hinter der Initiative zum Schutz des Kulturlandes, wie sie der Bauernverband mit den Grünen lanciert hat. «Die Stadt muss im Einzelfall aber auch ins Grüne wachsen können.»

Auf Augenhöhe mit der Region

In ihrem Präsidialjahr möchte Espinoza an den Austausch mit Nachbargemeinden anknüpfen, wie er von einer ihrer Amtsvorgängerinnen, der SP-Vertreterin Ursula Marti, mit Köniz initiiert wurde. Entsprechende Kontakte mit Parlamentsvertretern von Ostermundigen hätten bereits stattgefunden. Zu viel verraten will Espinoza aber noch nicht. Die zwei, drei Begegnungen sollen sich aber nicht in gegenseitigen Parlamentsbesuchen erschöpfen, sondern in eher unkonventioneller Form stattfinden. «Ich finde es wichtig, den Dialog mit den Regionsgemeinden auf Augenhöhe weiterzuführen.» Angesichts des Stadt-Land-Grabens sei es wichtig, als Stadt auf die Region zuzugehen.

Von La Paz ins Berner Rathaus

Für sie sei es eine Ehre, als «winzige Südamerikanerin» die Rolle der höchsten Stadtbernerin wahrzunehmen. Espinozas Eltern sind vor 30 Jahren nach einem Militärputsch aus der bolivianischen Hauptstadt La Paz in die Schweiz geflohen, die Familie erhielt politisches Asyl. «Wenn man mir damals gesagt hätte, dass ich einmal das Parlament der Hauptstadt der Schweiz leiten würde, hätte ich das nicht geglaubt.»

Eine funktionierende Demokratie mit harten, aber fairen Auseinandersetzungen im Parlament waren in Espinozas Leben keine Selbstverständlichkeit. In der Schweiz müsse man sich das Bewusstsein für die Wichtigkeit funktionierender politischer Institutionen immer wieder vor Augen halten. Als Präsidentin des Stadtrates ist Espinoza diesbezüglich nun «am Drücker»: Sie wird selber für den Respekt vor den Regeln des Ratsbetriebes und der Demokratie sorgen können.

Der Bund

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